Expertin Schrodt warnt vor Autonomie ohne Kontrolle

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Foto: KURIER/Franz Gruber Ex-Direktorin  Schrodt: „Probleme mit heterogener Schülerschaft“

Pädagogin kritisiert falsche Autonomie und fehlenden Plan, wie auf Migranten reagiert werden soll.

Natürlich gebe es auch positive Aspekte der Bildungsreform, sagt Heidi Schrodt, Ex-Direktorin in Wien und Vorsitzende der Initiative "Bildung grenzenlos" – etwa das zweite Kindergartenjahr. Doch die Reform hinterlasse zu viele ungelöste Probleme. Schrodt warnt vor gefährlichen Auswirkungen für die Kinder.

Autonomie

Ein "Riesenproblem" hat sie vor allem mit der geplanten Schulautonomie. "Was konkret an Schulautonomie geplant ist, verdient den Namen sicher nicht. Denn die Gestaltungs- und Verantwortungsspielräume bleiben sehr klein", erklärt die Expertin. "Aber dort, wo die Autonomie stark ausgebaut werden soll, etwa beim Lehrplan in der Sekundarstufe I (für die Kinder von 10- bis 14) ist das sehr problematisch."

Konkret gehe es darum, dass auch an den Neuen Mittelschulen (NMS), den ehemaligen Hauptschulen, "schulautonome Schwerpunktsetzung" ermöglicht werden soll. Im Ausmaß von einem Drittel dürfen die Schulen vom Lehrplan abweichen, lautet der Reformplan. "Ein Drittel des Lehrplans den Schulen frei zu überlassen, halte ich für falsch und wird ein Riesenproblem. Viele Schüler beenden ja danach ihre Schulbildung, es fehlen aber die Kontrollen, wir haben ja keine zentrale Abschlussprüfung wie die mittlere Reife, wie das etwa die Briten machen."

Probleme in NMS

Besonders in den Städten würden die Probleme so nur größer. "Wer weiß, wie schwierig bereits jetzt die Situation in den städtischen NMS ist und wie niedrig das Niveau oft ist, kann sich über den Plan nur wundern. Das wäre äußerst unverantwortlich gegenüber den betroffenen jungen Menschen."

Ganztagsschule

Unverständlich ist für Schrodt außerdem, warum auf 18 Seiten Reformpapier nicht einmal das Wort Ganztagsschule erwähnt wird. "Wenn wir eine Ausbildung haben wollen, die über den ganzen Tag gut verschränkt ist, also wo sich Unterrichts-, Lern- und Freizeitphasen mehrmals am Tag abwechseln, und die qualitativ wertvoll ist, wird das von Schülern und Eltern sicher akzeptiert werden. Wenn man aber pädagogisch alles lässt, wie es ist, und das über den Tag verteilt, wird das schwierig."

Im Schulalltag, besonders in den Ballungsräumen, brauche es zudem "dringend" nationale Ziele und Konzepte, wie mit der immer heterogeneren Schülerschaft umgegangen werden soll. "Wie sollen die Schulen mit der Migrationsgesellschaft umgehen? Wenn Migranten in den Klassen sind, die noch kein Deutsch können oder überhaupt Analphabeten sind? Da muss ein Gesamtkonzept des Bundes her."

ÖVP-Wien tobt

Wiens ÖVP-Chef Gernot Blümel hat mit Kritik auf den Vorstoß seines Parteichefs Reinhold Mitterlehner reagiert, die Obergrenze für Schulversuche zur Gesamtschule pro Bundesland auf 5000 Schüler zu ändern. "Ich erwarte mir, dass alle Mitglieder des Bundesparteivorstands zu den dort getroffenen Beschlüssen (15 Prozent pro Bundesland) stehen", richtete Blümel aus. Es könne nicht drei Monate nach Abschluss der Bildungsreform die Linie geändert werden, denn: "Gibt man den Sozialisten den kleinen Finger, ist gleich die ganze Hand weg."

(kurier) Erstellt am
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