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Politik Inland
08/06/2019

Experten kritisieren FPÖ-Historikerbericht scharf

Polit-Berater Hofer ortet "parteipolitischen Spin", Historiker Rathkolb sieht "wissenschaftliche Mängel".

Experten stellen dem am Montag von der FPÖ in Auszügen vorgelegten Rohbericht der Historikerkommission ein teilweise verheerendes Zeugnis aus.

Der Polit-Berater Thomas Hofer bewertet den Rohbericht als "Pflichtübung", "getrieben vom Marketinggedanken". Die Zusammenfassung weise teils einen "parteipolitischen Spin" auf, etwa wenn von "aufgeblasenen" Einzelfällen gesprochen wird. "Das ist nicht etwas, das man sich von einer Historikerkommission erwarten würde."

"Man konzediert in manchen Bereichen des vorläufigen Berichtes das allzu Offensichtliche", sagte Hofer im Gespräch mit der APA. So räume der Bericht etwa ein, dass im Vergleich mit SPÖ und ÖVP viele FPÖ-Parteimitglieder zuvor in führenden Funktionen bei der NSDAP tätig waren, "versieht das aber mit einem parteipolitischen Spin": Im Resümee der Zusammenfassung wird etwa darauf hingewiesen, dass die Aufnahme von "Ehemaligen" zur Integration dieser in das politische System sowie in die Zivilgesellschaft der Zweiten Republik beigetragen habe.

Hofer sagte, es habe freilich schon im Vorfeld kaum jemand erwartet, dass der Bericht "die Selbstkritik in Reinkultur" werde. Alleine die Tatsache, "dass man bei den Burschenschaften nicht rein konnte, zeigt die Richtung", sagte er mit Blick darauf, dass die Archive der Korporationen für die Historikerkommission verschlossen blieben.

"Versuch einer Pflichtübung"

Hofer sprach angesichts der immer wieder vorgenommenen Verschiebung der Präsentation des Berichtes und der nun vorläufig nur auszugsweisen Veröffentlichung von "Heimlichtuerei und permanenter Verschiebung". "Das soll natürlich auch verhindern, dass es da ein gesamthaftes Urteil von Historikern und Experten geben kann", es handle sich um einen Versuch, "das stückchenweise zu machen".

Die FPÖ habe von Anfang an gewusst, "dass sie eine schonungslose Aufarbeitung der Parteigeschichte in dieser Situation (dem Nationalrats-Wahlkampf, Anm.) strategisch nicht liefern kann. Das würde auch Teile der Parteibasis verunsichern - und gerade in der wichtigen Zielgruppe der Burschenschafter mehr Flanken aufmachen als im Wahlkampf gut ist. Deshalb setzt man auf eine Verzögerungstaktik, deshalb setzt man auf diese sehr unkonkreten, an der Oberfläche bleibenden Inhalte."

Parteitaktisch sei dies freilich richtig, denn Parteichef Norbert Hofer sei nun mit dem auszugsweise veröffentlichten Bericht für den Wahlkampf gewappnet: Sollte Kritik an der Aufarbeitung der FPÖ-Historie geäußert werden, könne er auf die Kommission verweisen und sagen, "wir haben eh was gemacht", so der Polit-Berater. "Aber es ist sicherlich kein schonungsloser und mit der Parteigeschichte hart ins Gericht gehender Bericht", betonte Hofer. "Man hat versucht, die Pflichtübung zu machen, ist aber sicherlich nicht ganz so weit gegangen, wie man sich das von Historikerseite gewünscht hätte."

Zeithistoriker sieht "wissenschaftliche Mängel"

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb ortete im Gespräch mit der APA den Versuch einer Reinwaschung. Außerdem bemängelter er das Fehlen wissenschaftlicher Standards und die Mit-Autorenschaft von aktiven FPÖ-Funktionären.

Es sei bei zeithistorischen wissenschaftlichen Studien unüblich, eine Vermischung von Wissenschaftern und aktiven Parteimitarbeitern oder Funktionären vorzunehmen, erklärte er mit Verweis auf die Mit-Autorenschaft von FPÖ-Klubdirektor Norbert Nemeth und FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker.

Gleiches gelte etwa für den Historiker Thomas Grischany, der Kabinetts-Mitarbeiter von Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache war. Kritisch sieht Rathkolb auch, dass im Zwischenbericht teils die parteipolitische Tätigkeit der Autoren nicht erwähnt wird - wie etwa jene von Grischany.

Völlig fehlen würde in der vorliegenden Kurzzusammenfassung etwa der Hinweis auf Analysen in den internen Parteivorstandsprotokollen der FPÖ zu NS-Themen, zu Restitution, Entschädigung und Antisemitismus. Der Tenor der vorliegenden Zusammenfassung laute, dass die FPÖ eine Partei "wie jede andere" sei, so Rathkolb.

Äußerst kritisch sieht Rathkolb die Forschungsfrage, ob die FPÖ eine Nachfolgepartei der NSDAP sei, diese sei "völlig daneben". Denn derartiges habe noch nie ein professioneller Historiker behauptet. Es sei logisch, dass die FPÖ keine Nachfolgepartei der NSDAP ist, denn dann wäre sie aufgrund des Verbotsgesetzes und auch einiger Bestimmungen im Staatsvertrag verboten worden.

Als "besonders problematisch, weil relativierend" bezeichnete der Historiker eine Stelle zum Nachfolger Reinthallers, Ex-FPÖ-Chef Friedrich Peter: Im vorgelegten FPÖ-Papier werde zwar darauf hingewiesen, dass er einer Einheit angehört hatte, die 1941 "an Erschießungen hinter der Front beteiligt war". Die 1. SS Infanterie-Brigade sei aber "wesentlich mehr" gewesen, nämlich "eine reine Mordmaschinerie, die im Sommer 1941 17.000 Juden und Jüdinnen - Frauen, Männer, Kinder - ermordete und später noch 25.000 sowjetische Kriegsgefangene umbrachte".