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Politik Inland
08/04/2019

FPÖ-Historikerbericht: "So etwas Unprofessionelles hat es noch nie gegeben"

Vor dessen Präsentation bezweifelt Historiker Rathkolb die wissenschaftliche Vorgehensweise der FPÖ.

von Johanna Hager

Er hat lange auf sich warten lassen: der angeblich rund 1000 Seiten umfassende und aus 17 Beiträgen bestehende FPÖ-Historikerbericht.

Am Montag soll die laut FPÖ-Ideologen Andreas Mölzer im KURIER als „schonungslos und selbstkritisch“ definierte Aufarbeitung der FPÖ-Geschichte präsentiert werden.

Nach mehrfachen Verzögerungen und nicht komplett, wie FPÖ-Chef Norbert Hofer erst vergangene Woche wissen ließ. Der Gesamtbericht werde erst später folgen, da selbiger noch „in Israel bewertet werden soll“, so Hofer. Er hofft, dass das noch vor der Nationalratswahl am 29. September möglich sein wird.


Der überfällige Entschluss (ÖVP und SPÖ ließen Historiker bereits in ihre Archive), die Parteigeschichte zu analysieren, fiel indes bereits am 12. Februar 2018 beim FPÖ-Bundesparteitag. Ausschlaggebend war das zuvor im Jänner publik gewordene Liederbuch mit antisemitischen Texten der „Burschenschaft Marko Germania zu Wiener Neustadt“.

 

„Die vielfache Verschiebung der Veröffentlichung des Berichts, die Nicht-Nennung von Wissenschaftern sowie die Nicht-Einbeziehung von wissenschaftlichen Instituten ist für mich ein Indikator für mangelnde Professionalität“, sagt Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien und Leiter des wissenschaftlichen Beirats des „Haus der Geschichte“.

„Absolut unüblich“

„So etwas Unprofessionelles hat es noch nicht gegeben. Das ist absolut unüblich und widerspricht den wissenschaftlichen Standards wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit.“ Üblich sei, dass eine unabhängige Historikerkommission bestellt wird, „deren Mitglieder der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Und, dass wissenschaftliche Fakultäten miteinbezogen und Ergebnisse zu einem avisierten Zeitpunkt publik werden“, so Rathkolb weiter. „Im Falle des Historikerberichts der Freiheitlichen ist nichts davon geschehen.“

Es seien nur die Namen des Vorsitzenden der Kommission – Ex-Universitätsprofessor Wilhelm Brauneder – und die der Mitglieder der politischen Koordinierungsgruppe (FPÖ-Ehrenobmann Hilmar Kabas, Ex-Volksanwalt Peter Fichtenbauer, Wiens nicht amtsführende Stadträtin Ursula Stenzel, die Dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller, FPÖ-Justizsprecher Harald Stefan, FPÖ-Klubdirektor Norbert Nemeth, FPÖ-Mandatar und Historiker Reinhard Bösch und Andreas Mölzer) bekannt gemacht worden – nicht aber die der mitwirkenden Wissenschafter.

Dass die FPÖ zudem „dezidiert auf aktuelle wissenschaftliche Expertisen verzichtet, ist nicht nachvollziehbar“, sagt Rathkolb und verweist exemplarisch auf das im Herbst erscheinende Buch von Historikerin Margit Reiter: „Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ“.

Diese Kritik lässt Mölzer auf KURIER-Nachfrage kalt. „Die Meinung eines SPÖ-nahen Zeithistorikers wie Rathkolb über den freiheitlichen Historikerbericht wundert mich nicht,“ so der Freiheitliche. Die Öffentlichkeit möge sich ein Urteil bilden, sobald der komplette Bericht vorliegt. Bekannt ist bis dato nur, dass Mölzer am Bericht ebenso mitgearbeitet hat wie die Historiker Lothar Höbelt, Michael Hans Wladika und Thomas Grischany. Letztgenannter war Mitglied von Heinz-Christian Straches Thinktank „Denkwerk Zukunftsreich“.

Der ehemalige Korrespondent der FAZ und nunmehrige Alles Roger?-Autor Reinhard Olt soll einen Bericht zur Südtirol-Politik der FPÖ verfasst haben.