Ex-ORF-Chef Zeiler: "Das wäre das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks"

Der internationale Medienmanager und ehemalige ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler über die Affäre Weißmann und das falsche Gebaren am Küniglberg.
Ex-ORF-Chef Zeiler: "Das wäre das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks"

KURIER: Herr Zeiler, wie intensiv verfolgen Sie die aktuelle Affäre rund um den ORF?

Gerhard Zeiler: Man kommt ja gar nicht daran vorbei. Natürlich habe ich dazu auch meine Meinung. Das hätte sicher nicht so kommen dürfen und müssen.

Zuerst war es eine Affäre des Ex-Generaldirektors Roland Weißmann, dann eine Affäre rund um Intrigen- und Machtspiele, wo man am Ende des Tages sagt, das kann so nicht weitergehen.

Österreich braucht den ORF. Genauso, wie man eine Staatsoper, wie man das Burgtheater braucht. Aber was für mich unverständlich ist, dass nicht die selben Qualitätsprinzipien für die Führung des ORF gelten sollen, wie für die Führung der Staatsoper oder des Burgtheaters. Es muss wirklich der oder die Beste Generaldirektor werden. Das sollte nicht im Kammerl einer Partei oder zweier Parteien ausgeschnapst werden. Das Prinzip der Besten sollte auch für den Stiftungsrat gelten.

Hat aus Ihrer Sicht der Stiftungsrat richtig reagiert?

Es ist ein Problem, wie der Stiftungsrat das angegangen hat. Es gibt ein klares, rechtliches Drehbuch dafür. Das ist ja nicht etwas, was in keiner anderen Firma und nur beim ORF passiert. Wenn zum Beispiel in unserer Firma solche Vorwürfe kommen, dann dürfte ich gar nicht anders handeln, als diese Person freizustellen und eine außenstehende unabhängige Kanzlei auszuwählen, die die Vorwürfe untersucht. Und wenn das Untersuchungsergebnis vorliegt, ist die Entscheidung zu treffen,was die Konsequenzen sind – ob eine Verwarnung reicht oder ob eine Kündigung oder gar eine Entlassung gerechtfertigt ist. So geht man vor, weil man nur damit rechtlich nicht in Schwierigkeiten kommen kann und den Fristenlauf einer allfälligen Entlassung einhält.

Zu Gast in der Sendung "bei Gebhart": Medienmanager Gerhard Zeiler

Das wundert mich, weil die Hauptakteure waren der Vorsitzende des Stiftungsrates und sein Stellvertreter mit Anwälten. Da muss doch klar sein, wie agiert werden muss.

Ich bin nicht Mitglied des Stiftungsrates und kann daher die Beweggründe nicht beurteilen. Und ich bin mir auch sicher, dass es gut gemeint war. Aber von außen gesehen, von den international rechtlichen Praktiken her beurteilt, war das Vorgehen unverständlich.

Jetzt kennen Sie den ORF nicht nur von außen, sondern auch von innen. Sie waren vier Jahre lang Generalintendant des ORF. Wenn Sie jetzt hören, wie das alles abgelaufen ist, ist das so wie früher und damals halt nicht an die Öffentlichkeit gelangt?

Der ORF ist ein gutes Unternehmen. Da gibt es Tausende Mitarbeiter, die sehr gute Arbeit leisten. Das darf man nicht unter den Tisch fallen lassen. Und Intrigen und Fehlverhalten gibt es in jeder Firma. Jetzt gebe ich schon zu, dass tatsächlich Dinge vorgekommen sind, die nicht hätten vorkommen dürfen. Wenn zum Beispiel stimmt, dass der Generaldirektor einem leitenden Mitarbeiter bei seiner Einstellung ein Pensionsversprechen gegeben hat, dieses aber erst am letzten Tag seiner Amtszeit zu Buche bringt, dann ist das weder mit den Abgabe- und Steuerverpflichtungen noch mit den Bilanzverpflichtungen eines Unternehmens in Einklang zu bringen. Aber dass es Intrigen gibt, dass einer den anderen nicht mag, dass einer dem anderen einen Posten neidig ist, dass einer meint, er könnte es besser als jener, der im Amt ist, das kommt in jeder großen Firma vor. Da ist der ORF keine Ausnahme.

Jetzt ist es aber so, dass anlässlich der aktuellen Krise einige Parteien eine Totalreform beziehungsweise eine Neuaufstellung des ORF fordern. Was sagen Sie dazu?

Das hängt davon ab, wie man Neuaufstellung definiert. Ich bin der tausendprozentigen Meinung, dass ein Land wie Österreich einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk benötigt. Dieser hat aus meiner Sicht fünf Aufträge zu erfüllen. Der erste ist die unabhängige Berichterstattung. Die erfüllt der ORF im Großen und Ganzen sehr gut. Natürlich gibt es immer wieder Beiträge, wo das eine oder andere nicht immer auf dem Punkt ist, aber das kommt bei allen Medienunternehmen vor.

Ein kurzer Einschub: Wie war das in Ihrer Zeit als Generalintendant wirklich mit den Beschwerden und Interventionen wegen der Berichterstattung im ORF?

Das ist eine Frage, wie sie das Wort Intervention definieren. Ich hatte nie ein Problem, wenn Politiker oder deren Pressesprecher anrufen. Es ist ja völlig normal, dass sie ihre Chefin oder ihren Chef in den Nachrichtensendungen unterbringen wollen. Aber es muss klar sein, dass ausschließlich die Redaktion entscheidet, welcher Beitrag in welcher Form auf Sendung geht. Und das Management bis hinauf zum Generaldirektor müssen der Redaktion den Rücken stärken. Natürlich können auch Fehler passieren. Und auch in diesem Fall muss das Management reagieren und die Sache richtigstellen. Aus meiner Sicht werden 99 Prozent der Anrufe und Beschwerden so gehandhabt. Das einzige Problem, das ORF-spezifisch ist, ist die Tatsache, dass manche Mitarbeiter, bei denen ein Anruf landet, sich vielleicht ausrechnen bei der nächsten ORF-Wahl eine Stufe höher zu steigen und deswegen anders als vorgegeben reagieren.

Zurück zu den fünf Aufträgen. Welche sind die restlichen vier?

Der zweite unabdingbare Auftrag ist so viel österreichisches Programm zu senden, wie es finanziell möglich ist. Da ist der ORF auch nicht schlecht unterwegs, man denke nur an die Regionalsendungen im Fernsehen und Radio. Drittens muss man ein Programm machen, das alle Schichten der Bevölkerung umfasst, denn wenn ich schon von allen einen monatlichen Geldbetrag einfordere, kann ich nicht nur für eine Minderheit Programm gestalten. Der vierte Auftrag aus meiner Sicht ist – und da gibt es sicherlich noch einen Nachholbedarf – die Zuseher und Zuhörer dort abzuholen, wo sie die Programme des ORF hören und sehen wollen. Ein gelungenes Beispiel beim ORF ist die Zeit-im-Bild-Tiktok-Redaktion, die sehr gut die tägliche Newslage vor allem jungen Menschen auf dieser Plattform vermittelt. Dennoch sehe ich den ORF, was die Distribution seiner Programme auf den digitalen Plattformen betrifft – insbesondere im Vergleich mit der BBC – deutlich unterentwickelt. Da muss investiert werden, will man dem Auftrag, alle Zielgruppen zu bedienen, gerecht werden. Fünftens geht es um Sparsamkeit und Effizienz. Diesen Auftrag erfüllt keine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt auf der Welt so richtig. Dabei ist die Produktivität des ORF – gemessen an den Programmstunden pro Mitarbeiter – keineswegs schlecht. Sicherlich ist aber auch im ORF, wie bei allen anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ein Mehr an Effizienz möglich. Dass etwa der Sicherheitsbeauftragte der höchstbezahlte Manager im ORF ist, ist ein Beispiel dafür.

Bei den fünf Aufträgen haben Sie nicht das Aufsichtsratsgremium, den Stiftungsrat, genannt. Vor rund einem Jahr haben Sie in einem Interview gesagt, dass dieses Gremium mit 35 Personen zu groß ist und dass mehr Experten dort vertreten sein sollten.

Zu meiner Zeit waren es 35 Stiftungsräte, heute sind es noch immer 35. Ich kenne kein Unternehmen der Welt, das erfolgreich ist und einen Aufsichtsrat mit 35 Personen hat. Das müsste im Sinne des Unternehmens geändert werden. Ein Aufsichtsrat, der zwischen fünf und neun Mitglieder hat, reicht vollkommen aus. Und wenn das echte Experten sind, die wissen, wie man ein Unternehmen führt, und die wenigstens zum Teil Medienerfahrung haben, wäre es auch nicht mehr so wichtig, ob sie von den Grünen, den Neos, der FPÖ, der ÖVP oder der SPÖ nominiert werden. Es gibt in allen Parteien erfolgreiche Wirtschaftsmanager.

Die Forderung „Politik raus aus dem ORF“ ist demnach nicht so wichtig, vielleicht auch gar nicht realistisch?

Ich glaube, dass es schwer möglich ist, die Politik komplett aus einem öffentlichen Unternehmen rauszubringen. Da gibt es schon andere Möglichkeiten. Zur Stärkung der Unabhängigkeit eben Experten nominieren, erfolgreiche Menschen, die sich nicht von jedem Parteisekretariat etwas sagen lassen. Wenn man dann das Unternehmen als Aktiengesellschaft führt, wo der Aufsichtsrat eine stärkere Verantwortlichkeit hat, wäre mit Sicherheit eine bessere Grundlage für den Erfolg des Unternehmens gegeben. Der Ansatz muss auch im Stiftungsrat sein, dass dort „die Besten“ Einzug halten.

Heftig diskutiert wird, ob PR-Berater im Stiftungsrat sein dürfen, wenn sie Firmen beraten, die mit dem ORF Verhandlungen führen?

Ja, das hat ein gewisses Geschmäckle, wie man in Vorarlberg sagt. Das heißt aber nicht, dass jeder PR-Berater automatisch ausgeschlossen sein sollte. Aber man sollte bei der Auswahl vorsichtig sein.

Diskutiert wird derzeit aber auch, ob nicht der öffentlich-rechtliche Auftrag des ORF neu definiert werden muss. Und ob der ORF mehrere Programmsender benötigt, um ihn zu erfüllen. Aus einer Partei kam der Vorschlag, den öffentlich-rechtlichen Auftrag zu definieren und jenen Sender zu fördern, der diesen erfüllt.

Das wäre das Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das wünschen sich einige, das wünscht sich eine Partei, die selber ein eigenes Fernsehen aufgebaut hat. Das sehe ich anders. Es braucht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und ich würde es nicht Neudefinition, sondern eher Fokussierung nennen. Ein Ö3 und ein Ö1 zu haben, die beide Pole der Gesellschaft abbilden, und dazwischen die Regionalsender, das ist im Radiobereich absolut richtig. Im Fernsehbereich habe ich mit ORF2 einen middle of the road, einen sehr breiten Sender, der versucht alles abzubilden. ORF3 – ein aus meiner Sicht sehr gelungener Sender – geht in Richtung Ö1. Und mit ORF1 haben wir einen jungen Sender, der seine Notwendigkeit hat. Vielleicht könnte man dort mehr österreichische Programme bringen, aber das ist natürlich teurer als Serien zu spielen. Das Senderportfolio ist grundsätzlich gut aufgestellt. Ob man es sich leisten kann, ist eine andere Frage. Ich glaube, man sollte es sich leisten.

Die ORF-Diskussion fällt in eine Zeit, in der in einigen europäischen Staaten über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird.

Eines ist klar, jeder öffentlich-rechtliche Rundfunk ist gefordert dem zahlenden Publikum seine Notwendigkeit zu erklären. Der ORF muss letztlich dem Publikum immer so viel bieten, dass eine Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher – es werden nie 100 Prozent sein – der Meinung ist, dass es dafür gerne im Monat das Äquivalent für zwei bis drei Kaffee in einem Kaffeehaus bezahlt. Das sollte eigentlich keine so große Schwierigkeit sein. Dazu muss man ein entsprechend gutes Programm machen und dazu müssen auch das wirtschaftliche Gebaren und das Auftreten entsprechend sein.

Was meinen Sie mit Auftreten?

Also so etwas, wie es jetzt passiert, das schwächt natürlich die Reputation eines jeden Unternehmens. Das ist keine Frage. Mir tun ehrlicherweise die Tausenden Mitarbeiter des ORF leid, die damit überhaupt nichts zu tun haben.

Am 1. Mai startet die Ausschreibung für die neue Generaldirektion. Sie gelten als Option für diesen Job. Sind Sie ein möglicher Kandidat?

Nein, aus recht einfachen Gründen. Erstens bin ich der Meinung, dass man etwas, das man bereits gemacht hat, nicht ein zweites Mal machen soll. Und zweitens habe ich einen aufrechten Vertrag. Und ich habe in meinem Leben noch nie einen aufrechten Vertrag gebrochen.

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