Existenzangst bei Österreichs Privatsendern: „Lage ist äußerst ernst“
Christian Stögmüller, neuer Vorsitzender des Verbands Österreichischer Privatsender, Geschäftsführerin Corinna Drumm
Es geht um etwa 2.000 Arbeitsplätze bei gut 200 Sendern, die durch harte Zeiten gehen. Der private Rundfunk sei „ein tragender Pfeiler der Medienvielfalt in Österreich und der regionalen Information“, meint Life-Radio-Chef Christian Stögmüller. Der neue Vorsitzende des Privatsenderverbands (VÖP) nimmt zwar „durchaus Gesprächsbereitschaft der Politik wahr, insbesondere auf Arbeitsebene“. Aber: „Wir würden ein klareres politisches Bekenntnis erwarten.“
Dutzende Kündigungen
Denn „die Lage ist äußerst ernst“, sagt VÖP-Geschäftsführerin Corinna Drumm. Wieder gibt es Kündigungen im heimischen Privatrundfunksektor. Dutzende haben zuvor schon ihre Jobs verloren. Für Drumm ist das „ein struktureller Trend“, es handle sich nicht um kurzfristige Schwankungen, sondern um „einen tiefgreifenden Umbau des Marktes“.
Steigende Kosten und sinkende Werbeerlöse setzen der Branche zu. Ein wesentlicher Faktor: Werbegeld wandert massiv zu globalen Plattformen wie Google, Youtube und Tiktok ab. Laut jüngsten Zahlen fließen rund 2,7 Milliarden Euro pro Jahr aus Österreich in die USA und nach China. Der Verband kritisiert, dass hier auch öffentliche Stellen einzahlen. „Social-Media-Plattformen sollten auch nicht länger durch staatliche Werbebuchungen unterstützt werden“, meint Drumm.
Kein fairer Wettbewerb mit den Tech-Giganten
Der VÖP fehlen für einen fairen Wettbewerb strengere Regeln für Plattformen, etwa beim Haftungsprivileg und im Hinblick auf Steuergerechtigkeit. Und es geht um Auffindbarkeit. In modernen Autos und auf Smart-TV-Oberflächen verschwinden aber lineare österreichische Angebote. „Das ist wirtschaftlich und auch demokratiepolitisch ein echtes Problem“, betont Drumm.
Um bestehen zu können, will der VÖP zudem weniger Regulierung. Vor allem im Radiobereich brauche es mehr Flexibilität – bei Programmgestaltung, Vermarktung und Organisation. Stögmüller:
„Kooperationen dürfen nicht länger reflexartig als Gefahr für die Meinungsvielfalt gesehen werden“
Diese werde heute von ganz anderer Seite bedroht. Zusätzliche Belastungen wie die „Streaming-Abgabe“ lehnt man ab.
Kooperationsauftrag für den ORF
In der Debatte um die Zukunft des Standorts nimmt der VÖP neben der Politik auch den ORF in die Pflicht. Von der angekündigten Reform des öffentlich-rechtlichen Auftrags erwartet man Klarheit. Mehr kommerzielle Möglichkeiten für den ORF lehnt man strikt ab. Und: „Kooperation muss als standortpolitischer Auftrag an den ORF verstanden werden“, unterstreicht Stögmüller. Das zielt etwa auf Infrastruktur, aber auch Inhalte.
Private Medien sind schneller, kostenfreier Zugang zu Information
Von der Politik erwartet man im VÖP mehr Unterstützung. Stögmüller warnt:
„Eine deutliche Erhöhung der Privatrundfunkförderung ist dringend notwendig, wenn man einen irreversiblen Strukturbruch verhindern will.“
Privatfernsehen und Privatradio seien schließlich „die am intensivsten genutzten Medien“ und der schnellste kostenfreie Zugang zu geprüften Informationen. „Diese Relevanz spiegelt sich aber nicht in den aktuellen Förderstrukturen wider“, erklärt VÖP-Vorstand Stögmüller.
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Interview-Langfassung mit VÖP-Vorsitzenden Christian Stögmüller (Life Radio) und VÖP-Geschäftsführerin Corinna Drumm
KURIER: Der private Rundfunk wurde im Regierungsprogramm nicht explizit erwähnt. Fühlen Sie sich trotzdem wahrgenommen?
Christian Stögmüller: Wir nehmen durchaus Gesprächsbereitschaft der Politik wahr, insbesondere auf Arbeitsebene. Wir würden aber ein klareres politisches Bekenntnis erwarten. Mit über 200 Sendern ist der private Rundfunk ein tragender Pfeiler der Medienvielfalt in Österreich und regionalen Information. Privatsender tragen wesentlich zur Wertschöpfung bei und sichern rund 2.000 Arbeitsplätze.
Die wirtschaftliche Lage vieler Medienhäuser ist angespannt. Wie dramatisch ist die Situation aus Ihrer Sicht?
Corinna Drumm: Die Lage ist äußerst ernst. Dutzende Kolleginnen und Kollegen haben in den letzten Monaten und Wochen ihren Arbeitsplatz verloren. Diese Kündigungen stehen exemplarisch für einen strukturellen Trend. Steigende Kosten und sinkende Werbeerlöse aufgrund des massiven Abflusses von Wertschöpfung zu globalen Plattformen setzen Privatsender unter enormen Druck. Wir sprechen hier nicht von kurzfristigen Schwankungen, sondern von einem tiefgreifenden Umbau des Marktes.
2,7 Milliarden Euro fließen jährlich an internationale Plattformen ab. Was ist zu tun – und wer ist gefordert?
Stögmüller: Privater Rundfunk braucht spürbare Entlastungen und mehr Freiraum, z.B. im Werbebereich, aber auch mehr Möglichkeiten zur Kooperation. Keinesfalls darf es zusätzliche Abgaben oder regulatorische Einschränkungen für diese ohnehin stark belastete Branche geben. Außerdem sollte der ORF private Medien künftig noch stärker unterstützen, um den Medienstandort insgesamt zu stabilisieren. Kooperation muss als standortpolitischer Auftrag an den ORF verstanden werden.
Drumm: Außerdem braucht es strengere Regeln für die globalen Tech-Plattformen, etwa bei der Auffindbarkeit österreichischer Inhalte, beim Haftungsprivileg der Plattformen oder im Hinblick auf Steuergerechtigkeit. Social-Media-Plattformen sollten auch nicht länger durch staatliche Werbebuchungen finanziell unterstützt werden.
Öffentliche Stellen werben zunehmend über Plattformen. Können heimische Medien die entsprechenden Zielgruppen nicht mehr bieten?
Drumm: Doch, und zwar sehr effizient. Heimische Medien erreichen alle relevanten Zielgruppen und dazu noch ein qualitätsgesichertes Umfeld – Stichwort „brand safety“. Wenn öffentliche Mittel eingesetzt werden, müssen auch öffentliche Interessen berücksichtigt werden: gesellschaftliche Verantwortung, redaktionelle Qualität, Jugendschutz, Transparenz, Datenschutz. Das spricht klar für heimische Medienangebote.
Zunehmend ein Thema auf Geräten wie Plattformen ist die Auffindbarkeit heimischer Angebote. Braucht es strengere Regeln?
Stögmüller: Immer mehr Autohersteller bringen Autos auf den Markt, die kein Radio mehr empfangen können! Doch die Mehrheit der Autofahrer will einfach nur Information, Unterhaltung und Verkehrsupdates auf einen Klick – Radio kann das, Plattformen wie Spotify nicht.
Drumm: Auf der Oberfläche des Fernsehers finden viele nur noch Werbung für Streamingdienste, aber nicht mehr den Zugang zu österreichischen TV-Angeboten. Das ist wirtschaftlich und auch demokratiepolitisch ein echtes Problem. Die leichte Auffindbarkeit österreichischer TV-Inhalte und Radioprogramme ist daher in jeder Hinsicht hochrelevant.
Kostenreduktion, Zusammenschlüsse, Funkhaus-Modelle: Braucht es mehr regulatorischen Freiraum im Privatsender-Bereich?
Stögmüller: Ja, unbedingt. Kooperationen dürfen nicht länger reflexartig als Gefahr für die Meinungsvielfalt gesehen werden. Diese wird heute von ganz anderer Seite bedroht: Durch meinungsmächtige Online-Player, die sich meist an keine ethischen oder rechtlichen Normen halten. Meinungsvielfalt entsteht durch Inhalte und Angebote, nicht durch eine möglichst hohe Anzahl rechtlich getrennter Anbieter. Gerade im Radiobereich braucht es mehr Flexibilität bei Programmgestaltung, Vermarktung und Organisation.
Ist die Konzentrationsregulierung, wie sie in Österreich rechtlich organisiert ist, noch zeitgemäß?
Stögmüller: In ihrer jetzigen Form: nein. Nationale Anbieter unterliegen strengen Regeln, obwohl sich die Märkte grundlegend verändert haben, während globale Player weitgehend unbehelligt agieren. Das verzerrt den Wettbewerb und schwächt heimische Medien.
Appelle an die Verantwortung der Werbung treibenden Wirtschaft für den Medienstandort verlieren an Bedeutung. Ist das naiv?
Drumm: Ein Appell allein reicht nicht – da sind wir realistisch. Die gemeinsame Initiative von VÖP, VÖZ und ORF – „Made in Austria – Made for Austria“ – ist dennoch enorm wichtig und wird 2026 fortgeführt werden. Das muss aber durch klare Rahmenbedingungen ergänzt werden, die den österreichischen Medienstandort stärken.
Förderungen sind ein zwiespältiges Thema gerade im privaten Sektor. Soll der Markt alles entscheiden oder muss hier nachgebessert werden?
Stögmüller: Förderungen sind kein Selbstzweck, sondern ein Instrument zur Sicherung von Vielfalt und Qualität am österreichischen Medienmarkt. Privatfernsehen und Privatradio spielen dabei eine besondere Rolle: Sie sind die am intensivsten genutzten Medien und bieten den schnellsten kostenfreien Zugang zu geprüften Informationen. Diese Relevanz spiegelt sich aber nicht in den aktuellen Förderstrukturen wider. Eine deutliche Erhöhung der Privatrundfunkförderung ist dringend notwendig, wenn man einen irreversiblen Strukturbruch verhindern will.
Wie ist das Verhältnis zum ORF – als stärkstem Konkurrenten?
Drumm: Es ist ein Spannungsverhältnis, das aber von gegenseitigem Respekt und Kooperationsbereitschaft gekennzeichnet ist. Angesichts der angespannten Situation des österreichischen Medienmarkts sollte der ORF private Sender künftig noch stärker einbinden und unterstützen müssen, etwa bei technischen Entwicklungen, Infrastruktur und auch Inhalten.
Ihre Erwartungen an die angekündigte ORF-Reform?
Stögmüller: Klare Abgrenzung des Auftrags und faire Rahmenbedingungen im österreichischen Medienmarkt, im Sinne einer Stärkung des Gesamtmarkts. Eine Ausweitung der Angebote des ORF oder seiner kommerziellen Möglichkeiten schließen wir daher aus.
Ein brennendes Thema ist Investitionsverpflichtungen für den Film- und Serien-Sektor. Wie bewerten Sie das?
Drumm: Die Idee, dass Netflix die österreichische Filmproduktion stärker unterstützen, klingt zwar gut, ist aber nicht umsetzbar, ohne dass dadurch auch österreichische TV-Sender und Videoabrufdienste belastet werden. Diese leisten aber schon jetzt substantielle Wertschöpfung und investieren massiv in österreichische Inhalte – Information, Sport, Unterhaltung. Sie zusätzlich zu belasten ist in der jetzigen Situation undenkbar.
Immer wieder wird betont, wie wichtig Medienbildung und Medienkompetenz inzwischen geworden sind: Was können Privatsender beitragen?
Stögmüller: Sehr viel. Viele private Sender engagieren sich mit Schulprojekten, Sendungen zur Medienkompetenz, Aufklärungskampagnen und altersgerechten on-air-Formaten. Medienkompetenz ist Teil unseres Selbstverständnisses – sie stärkt demokratische Teilhabe und Qualitätsjournalismus.
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