"Kein Geld mehr da": Einbruch bei internationalen Filmproduktionen

Im 2. Halbjahr 2026 ist die Krise der heimischen Filmförderung deutlich ablesbar. Das wurde bei der Bilanzpressekonferenz der Vienna Film Commission klar.
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Bei Bilanzpressekonferenzen der Vienna Film Commission gab es in den vergangenen Jahren viele positive Nachrichten. Bei der Rückschau auf das Jahr 2025 mischten sich nun aber deutliche Warnungen in den allgemeinen Applaus.

Mit 755 Anträgen für Filmprojekte wurde zwar insgesamt ein Plus in Höhe von 12,7 Prozent verzeichnet, berichtete Geschäftsführerin Marijana Stoisits am Mittwoch. Doch einen Anstieg des Drehaufkommens gab es nur im 1. Halbjahr, als noch Fördermittel aus 2024 von den Fördertöpfen ÖFI+ und FISAplus „verdreht“ wurden, wie Stoisits es ausdrückte. Dieses Plus fiel mit 25 Prozent noch kräftig aus. Das lag auch daran, dass laut Vienna Film Commission in diesem Zeitraum mehrere große internationale Spielfilmprojekte umgesetzt wurden: Christopher Schiers „Sternstunde der Mörder“, Stefan Ruzowitzkys „Der Wachtmeister“ und Dani Levys „Kochschule Schwarz“. Während bei diesen Filmen die Handlung nicht in Wien spielt, werde in Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" - mit Isabelle Huppert in der Titelrolle - das Wienerische so richtig in Szene gesetzt.

Im zweiten Halbjahr ging es mit einem Minus in Höhe von neun Prozent allerdings bergab. „Es war schlicht kein Geld mehr da“, sagte Stoisits. Zur Erinnerung: Die zentralen Filmfördertöpfe ÖFI+ (Kulturministerium) und FISAplus (Wirtschaftsministerium) waren bereits früh ausgeschöpft und waren monatelang geschlossen. Aufgrund von Kürzungen bei den Fördermitteln, ausgelöst durch die Sparzwänge im Bundesbudget, sieht die Zukunft nicht rosig aus.

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Isabelle Huppert als "Blutgräfin" bei Dreharbeiten am Graben.

Minus bei Drehtagen und internationalen Projekten

Insgesamt gab es im Vorjahr in Wien 3.000 Drehtage und damit einen Rückgang um 6 Prozent im Vergleich zu 2024. Bei den internationalen Projekten setzte es sogar ein deutliches Minus von fast 30 Prozent. Statt 95 internationalen Ansuchen gab es nur noch 67. Beide Minuszahlen sind auf die zweite Jahreshälfte zurückzuführen.

Auch heuer liege man bereits hinter den Jänner/Februar-Zahlen von 2025, sagte Stoisits. Sie fürchte sich "ehrlich gesagt schon ein bisschen" vor der Jahrespräsentation im kommenden Jahr, "das wird sich massiv auswirken". Sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe der Anreize und dem Drehaufkommen, „wir brauchen die Förderungen des Bundes ganz dringend.“ Daher hoffe sie, dass sich die Regierung rasch auf eine Abgabe bzw. Investitionsverpflichtung für Streaminganbieter einige, die frisches Geld bringen soll.

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) erinnerte an das soeben bei der Berlinale erneuerte Bekenntnis ihres Parteikollegen, Kulturminister Andreas Babler, zu einer Streamingabgabe. „Berlin war ein guter Moment“, sagte sie, dies sei „in schöner Einigkeit“ mit Staatssekretär Sepp Schellhorn (Neos) geschehen. Mit Blick aufs Wirtschaftsministerium erklärte sie: „Ich hoffe, dass der Koalitionspartner ÖVP, an dem es hängt, das jetzt aufnimmt und anerkennt, welchen Impact die Filmwirtschaft hat." 

Der Rückgang sei „erschreckend“, sagte Kaup-Hasler, die von einer „Delle von ein-zwei Jahren“ sprach, es gehe nun darum, sie „nicht allzu lang werden zu lassen, um nicht als unsicherer Partner für internationale Produktionen dazustehen“.

VÖP "sehr kritisch" gegenüber Streamingabgabe

Der Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) steht der möglichen Abgabe indes "sehr kritisch" gegenüber, wird doch befürchtet, dass sie auch österreichische TV-Sender und Abrufdienste belasten würde. "Die in Deutschland geplante Einführung einer Investitionsverpflichtung in deutschsprachige Werke würde erhebliche Spillover-Effekte für österreichische Filmproduktionen haben", merkte VÖP-Geschäftsführerin Corinna Drumm gegenüber der APA an. Bevor hierzulande Entscheidungen getroffen werden, sollten diese Effekte zunächst abgewartet und systematisch evaluiert werden.

Stoisits verwies am Mittwoch auf 17 Länder in der EU, wo eine Abgabe für Streaminganbieter bereits implementiert sei. Sie wüsste nicht, warum es nicht auch in Österreich funktionieren sollte. Das Wirtschaftsministerium müsse sich nun einen Ruck geben, sagte die Vienna-Film-Commission-Geschäftsführerin. Die rund 10.000 in der Branche beschäftigten Personen in die Arbeitslosigkeit zu schicken, könne keine Option sein.

Weltklasse-"Betüddelung" und "enorm wirkmächtiges" Filmland

Der Vienna Film Commission, die im Grunde als Abwicklungspartner für Filmprojekte in Wien fungiert, bleibe derzeit nur übrig, ihre Kernkompetenz auszuspielen, meint Stoisits: "Bestes Service zu geben, Filmprojekte willkommen zu heißen und zu sagen: Wir betüddeln euch von vorn bis hinten."

Kaup-Hasler ergänzte: "Die Betüddelung ist hier auf Weltklasseniveau, das schaffen wir." Das Filmland Österreich sei prinzipiell "enorm wirkmächtig", befand die Stadträtin mit Blick auf ein Dutzend österreichische Filme, die heuer bei der Berlinale in Deutschland vertreten waren. In der Stadtregierung sei allen klar, wie wichtig das Schaffen der Branche sei. 

Neues Simmeringer Studio mit guter Auslastung

Relativ neu ist das HQ7 Studio in Simmering. Seit Mitte des vergangenen Jahres ist es in Vollbetrieb und weise eine sehr gute Auslastung auf, sagte Stoisits. Gedreht wurde bzw. wird dort etwa die Serie "Pflegeleicht", deren erste Staffel heuer im ORF zu sehen sein soll. Eine zweite Staffel wurde bereits in Auftrag gegeben. Auch für ausländische Produktionen biete sich das Studio an, liege es doch bequem zwischen Flughafen und Stadtzentrum, merkte Stoisits an.

Beliebtester Drehort ist und bleibt aber eine zentralere Lage: Die Innere Stadt steht mit 21,8 Prozent aller Drehtage als beliebtester Wiener Gemeindebezirk für Filmdrehs abermals an der Spitze. Dahinter folgen mit Respektabstand Wien-Landstraße (6,7 Prozent) und Wien-Leopoldstadt (6,1 Prozent). Am wenigsten wurde in Meidling gedreht (1,5 Prozent), das knapp hinter Ottakring und der Brigittenau liegt. "Ich verstehe nicht warum", wunderte sich Stoisits und regte an, eingetretene Pfade zu verlassen und auch mal was Neues zu suchen. Besonders beliebte Locations sind die Wiener Stadtgärten, diverse Märkte, Gemeindebauten oder auch die Donauinsel und der Donaukanal.

INFO: https://www.viennafilmcommission.at/de/jahresberichte 

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