Politik | Inland
29.06.2018

Erasmusplus: Ein Semester EU

Nicht nur Studenten, auch Schüler sollen mit Erasmusplus ein anderes Europa kennen lernen.

An eine EU ohne Österreich kann sich die junge Generation nicht mehr erinnern. Für sie ist es selbstverständlich, mit EURO zu zahlen oder zu reisen, ohne stundenlang an der Grenze warten zu müssen. Und Wissen über die EU-Institutionen steht genauso auf dem Lehrplan wie die politische Verfassung Österreichs. Wohl ein Grund, warum die Zustimmung zur EU unter jungen Menschen besonders groß ist.

Zudem wird mit vielen Programmen versucht, der Jugend, Europa näher zu bringen, etwa indem jährlich Interrail-Tickets an 18-Jährige verlost werden. Weiteres Beispiel: Für Menschen, die eine Art Zivildienst im Ausland machen wollen, wurde das Europäisches Solidaritätskorps gegründet.

Das Erfolgsprojekt schlechthin ist aber Erasmus: Das Austauschprogramm ermutigt seit 1987 Studenten, eine Uni in einem Mitgliedsstaat zu besuchen. Und weil die EU nicht nur ein Elitenprojekt sein soll, wird seit 2014 auch der Austausch von Schülern und Lehrlingen gefördert – statt Erasmus heißt es deshalb Erasmusplus. Bis 2021 sollen auf diesem Weg zwölf Millionen Europäer Erfahrungen im Ausland machen.

Gerhard Volz, Österreichverantwortlicher für Erasmus wünscht sich, „dass weniger auf die Quantität der Teilnehmer als auf die Qualität des Austauschs geachtet wird. Denn Jugendliche sollen sowohl fachlich als auch persönlich profitieren.“ Dass ein solcher Aufenthalt jedenfalls ein Gewinn ist, bestätigen die Stundenten und Lehrlinge, mit denen der KURIER geredet hat.

Sich kennen lernen

Denn bei einem Auslandaufenthalt lernen Jugendliche, was sie zu Hause wohl nicht so schnell lernen: Wie organisiere ich mich, wie finde ich mich in einem Land wie Polen, Spanien oder Zypern zurecht? „Wer andernorts lebt, erfährt auch viel über sich selbst. Und so mancher lernt zu schätzen, was er zu Hause hat“, weiß Volz. Und viele bekommen einen Blick dafür, was man im eigenen Land besser machen könnte.

Auch die Netzwerke, die man während eines Aufenthalts in der Fremde knüpft, sind in einer globalisierten Welt von großem Nutzen. „Zum Glück erkennen die Unis mittlerweile auch die Leistungen an, die anderswo gemacht wurden, so verliert man keine Zeit durch den Ortswechsel“, sagt Volz. „Schüler und Lehrlinge profitieren ebenso, wenn sie sehen, wie man in Rumäninen oder Spanien arbeitet.“

Und noch eine Hoffnung verbinden die EU-Verantworlichen mit dem Erasmus-Programm – nämlich dass die jungen Menschen überzeugte Europäer werden. Gerhard Volz hat festgestellt, „dass diejenigen weniger anfällig für Radikalismen sind, die einige Zeit im EU-Ausland verbracht haben.“

"Ein besseres Verständnis für Ausländer in Österreich"

Schweden.  Wie es ist, sich in einem anderen Land eingewöhnen zu  müssen, ist ein Gefühl, das  für   Daniela Schilcher völlig neu war. Die Tanzpädagogin wechselte von der Musik- und Kunstuniversität  Wien für ein Semester nach Stockholm. „Ich habe jetzt ein besseres Verständnis für Ausländer, die sich in Österreich orientieren müssen.“
Überhaupt hat sich ihr Blick auf Europa und die EU verändert: „Die EU war für mich  bisher ein geografischer Begriff, jetzt begreife ich sie viel mehr als Gemeinschaft. Ich betrachte sie als Staat, der einzelne Bundesländer hat.“ Europa ist für sie auch im  Privaten kleiner geworden: „Finnen oder Schweden gehören jetzt selbstverständlich zu meinem Freundeskreis.“
Die schwedische Uni hat zudem den beruflichen Horizont erweitert: „Wie man Themen wie Inklusion oder Gleichberechtigung in der Tanzpädagogik umsetzt, habe ich hier gelernt.“

"Die EU macht den Jungen im Osten Hoffnung für ihr Land"

Bulgarien. „Eigentlich wollte ich in die Niederlande, doch da gab es keinen passenden Studiengang“, erzählt Sarah Babinger, die an der FH Joanneum Kapfenberg Energie-, Verkehrs- und Umweltmanagement studiert hat. „Unerwartet wurde es Gabrowo in Bulgarien.“ Freunde und Familie waren anfangs nicht sonderlich begeistert, hat das Land doch eher  den Ruf, unsicher zu sein. „Ich machte aber nur positive Erfahrungen, auch weil die Bulgaren sehr hilfsbereit zu mir waren “, berichtet sie.
Heute ist sie froh, sich für den Osten entschieden zu haben: „Hier könnte ich beruflich viel erreichen. Dinge wie Mülltrennung stecken noch in den Kinderschuhen.“ Doch es ist nicht nur der Beruf: „Es haben sich gute Freundschaften entwickelt.“ Auch deshalb freut sie sich für die jungen Bulgaren: „Die EU macht ihnen Hoffnung, dass in ihrem Land etwas weitergeht. Und sie haben die Möglichkeit, vieles leichter zu lernen, z.B. Englisch.“ Babinger bleibt dem Osten treu: Das nächste Ziel heißt Litauen.

"Erfahrung im Ausland erweitert den Horizont"

Österreich. Am 2. Juni war die deutsche Jessica Petersen, 24, richtig aufgeregt. Am nächsten Tag würde ihr Praktikum in Österreich beginnen. Heute weiß sie, dass die Nervosität nicht notwendig war: „Es war  richtig  super!“  
Petersen macht in Deutschland eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und arbeitet  bei der Firma Brückner Rohrtechnik GmbH. Über den 1995 gegründeten  Verein IFA (Internationaler Fachkräfteaustausch) konnte sie drei Wochen lang bei der  Firma Kontinentale in Gerasdorf, NÖ,  mitarbeiten. Vor vier Jahren hat Lehrlingsausbildner Klaus Moormann bei der Kontinentale den ersten Lehrling dazu ermutigt, über IFA ein Praktikum zu machen. Daraus wurde ein regelmäßiger Austausch. „Es ist einfach eine super Chance“, findet er.   Petersen hat sechs verschiedene Abteilungen gesehen, Offerte geschrieben, Angebote bearbeitet, ist im Einkauf gesessen. „Es ist spannend zu sehen, wie in anderen Firmen, in anderen Ländern gearbeitet wird. Man denkt, über das was man kennt, anders. Es  erweitert den Horizont.“  
Dazu kam die Möglichkeit, ein Land kennenzulernen. Gleich drei Mal war sie im Schloss Schönbrunn. „In einem Mal kann man ja nicht alles sehen.“ Am Samstag kam sie zurück nach Deutschland. „Aber ich komme  wieder. Zumindest für einen Urlaub.“ 

"Habe Kontakte geknüpft, die bis heute bestehen"

Finnland. „Ich kann nur jedem raten, als Lehrling ein Auslandspraktikum zu machen“, sagt Dominik Nemecek, der gerade bei ACP IT Solutions in Wien und St. Pölten seine Lehre als IT-Techniker abschließt und nebenbei seine Matura macht.
Im April 2107 absolvierte der 21-Jährige  ein vierwöchiges Praktikum in Helsinki, das IFA  organisiert wurde. In einer Friseur-Schule bekam  Nemecek die Aufgabe, das IT-Netzwerk zu betreuen.
Beeindruckt hat ihn vor allem, wie viel in Finnland in Bildung investiert wird. „Selbst in der Friseurschule hat man an der Ausstattung gemerkt, wie viel Geld vorhanden ist – im Vergleich zu Schulen bei uns. Sie hatte sogar einen 3D-Drucker, mit dem ich mich ein wenig spielen konnte.“
Sprachprobleme hatte er keine: „Wir haben uns auf Englisch verständigt. Die Finnen können sehr gut Englisch.“ Was dem IT-Techniker noch in sehr guter Erinnerung ist: „Es wird oft behauptet, die Finnen seien so unfreundlich. Doch das stimmt überhaupt nicht. Ich habe einige Kontakte geknüpft, die noch bis heute bestehen“, sagt Nemecek.
Insgesamt nahm er sehr positive Erfahrungen aus Helsinki mit:  Ich kann mir sehr gut vorstellen, einmal auch länger im Ausland zu arbeiten“, sagt er. „Früher war ich kein Typ, der gerne verreist ist. Das hat sich geändert.“