© Kurier/Jeff Mangione

Politik Inland
07/08/2019

Energie OÖ-Chef Steinecker: Wind und Sonne alleine werden nicht reichen

Der Energie-Experte warnt, warum wir bei der Energieversorgung einigen Verirrungen erliegen

von Irmgard Kischko

Bei der Energieversorgung erliegen wir einigen Verirrungen, sagt Werner Steinecker. Der KURIER sprach mit ihm über die Energiewelt, wie sie nach 2030 aussehen könnte.

KURIER: Herr Steinecker, die Klimaziele bis 2030 sehen vor, dass die Stromversorgung komplett aus erneuerbaren Quellen stammt. Ist das realistisch?

Werner Steinecker: Dazu muss man bedenken, dass in Deutschland 2022 rund 11.000 Megawatt Atomenergie vom Netz gehen. Das muss ersetzt werden. Zu glauben, dass man einen Rund-um-die Uhr-Lieferanten wie Atomkraftwerke vom Netz nehmen und mit Windenergie, die 2500 bis 3000 Stunden im Jahr läuft oder durch Solarenergie mit nur 1000 Stunden ersetzen kann, ist ein Irrtum. Das geht sich nicht aus.

Woher soll der Strom dann kommen?

Da ist eine Antwort die Gasverstromung. Die Baukosten dieser Kraftwerke werden massiv steigen. Wir haben einen genehmigten Standort für ein Gaskraftwerk in Riedersbach.

Wann bauen Sie das Kraftwerk?

Mit einem Strompreis von derzeit 50 Euro je Megawattstunde ist der Bau nicht wirtschaftlich. Der Preis müsste doch deutlich über 60 Euro steigen. Das wird passieren, denn es wird zu einer Verknappung am europäischen Strommarkt kommen.

Aus Klima-Sicht ist es aber nicht gut, wenn Gaskraftwerke gebaut werden ...

Gas ist eine Brückentechnologie für die nächsten 40 bis 50 Jahre, bis man wirklich -frei Strom erzeugen kann. Dann wird es Wasserstofftechnologie geben. Dort wird es hingehen. Aber Gas ist für Emissionswerte sehr vorteilhaft. Und das benötigte Gas kann auch biogen erzeugt werden – aus Schlachtabfällen etc. Die Politik versteht auch langsam, dass die klimafreundliche Stromerzeugung nicht nur mit Solarpaneelen auf Hunderttausend Dächern funktionieren wird. Da wird Biogas eine bedeutende Rolle spielen.

Und Wasserstoff?

Das ist unverrückbar: Die Energiezukunft ist die Wasserstoffnutzung.

Woher kommt Wasserstoff?

Er kann aus Wind- und Sonnenstrom kommen. Dort, wo er in großem Stil erzeugt wird, etwa an der Ost- und Nordsee, werden dann große Chemiefabriken stehen. Der Gleichstrom aus Wind oder Sonne kommt dort in die Elektrolyse. Dazu wird das , das man aus Emission absorbiert, dazugegeben. Aus der Mischung von Wasserstoff (H) und wird dann Methangas. Ich produziere also das Erdgas selber.

Also wieder Gas?

Ja, aber mit der Absorption von im Produktionsprozess. Dieses Gas kann ich in die Pipelines leiten und im Gaskraftwerk damit Strom produzieren, und zwar alle 8760 Stunden im Jahr. Und ich bin nicht abhängig davon, dass ich mir im großen Stil Stromspeicher-Möglichkeiten überlege.

Aber Wasserstofffahrzeuge kommen nicht gut an. Die Menschen haben Angst, dass das Auto explodiert ...

Das glauben manche. Ich behaupte, dass Wasserstoff mit Brennstoffzellenantrieb im Verkehrsbereich kommen wird. Aber man wird nicht Wasserstoff tanken, sondern CNG (compressed natural gas).

Die Energiezukunft könnte Überraschungen bringen ...

Und sie wird mit einigen Verirrungen der Jetztzeit aufräumen.

Die wären?

Zum Beispiel der Glaube, man kann das Energieheil nur mit Sonne und Wind darstellen. Und am langen Ende wird nicht das E-Auto mit Batterie unterm Sitz mein Antriebsmedium sein, sondern ein E-Auto mit Brennstoffzelle.

Steigt die Blackout-Gefahr?

Je mehr Kraftwerke in einem geschlossenen System wie in Europa, die verbunden sind und einander helfen, wegfallen, desto mehr müssen verbleibende Player die Last der Sicherheit tragen. Je mehr Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz genommen werden, desto unsicherer ist die Versorgungssicherheit.

Die Netzsicherheit ist nicht immer gegeben?

Nein, wir müssen Netze ausbauen und verstärken. In Teilen Oberösterreichs – etwa im Bezirk Ried im Innkreis – können sich keine Betriebe mehr ansiedeln, weil die Versorgungssicherheit und -qualität nicht mehr garantiert werden. Die oberösterreichische Betriebsansiedlungsgesellschaft hat ein Gewerbegebiet in diesem Raum bereits aus der Bewerbung herausgenommen. Wir müssen eine zusätzliche 110-kV-Leitung bauen. Die Genehmigungen sind da, aber es gibt natürlich Widerstände.