Politik | Inland
03.06.2018

Ein Leben mit nur 563 Euro – wie kann sich das ausgehen?

Türkis-Blau kürzt Sozialhilfe für Migranten auf höchstens 563 Euro/Monat. Jene, die ein Leben am Minimum gewohnt sind, sagen: Das reicht nicht.

Was ist eigentlich das Mindeste? Und vor allem: Wie viel ist es?

Hier, wo eine Flasche Ketchup 50 Cent statt zwei Euro kostet, ein halbes Kilo Löskaffee um einen Bruchteil des Normalpreises zu erstehen ist, und wo vor der Kassa Plastiksandalen für fünf Euro liegen, kommt man der Antwort ein Stück näher. Hier, wo nur einkaufen darf, wer weniger als 1104 Euro pro Monat zur Verfügung hat. Hier, wo das Gros der Kunden von Mindestsicherung oder anderen Sozialleistungen lebt und tagtäglich mit dem Mindesten zurande kommen muss: im Sozialmarkt in der Wilhelminenstraße im 16. Wiener Bezirk.

Aufgeworfen hat die Fragen jüngst Türkis-Blau. Ihr Plan: Jene, die über keinen Pflichtschulabschluss verfügen und schlecht Deutsch sprechen, sollen statt 863 Euro Mindestsicherung nur noch 563 bekommen. Gemeint sind damit vor allem Flüchtlinge. Aber auch für Familien – unabhängig der Herkunft – gibt es künftig weniger. Allein: Geht sich das aus, ein Leben mit 563 Euro?

Nein, sagt Frau Maria, ehrenamtlich tätige Kassierin im Markt. „Die meisten hier sind Mindestpensionisten und Arbeitslose.“ Eigentlich heißt sie anders, aber wie so viele will sie nicht fotografiert werden und anonym bleiben; denn auch sie, die Notstandshilfebezieherin, kauft selbst hier ein: „Ich muss mir meine 850 Euro schon sehr gut einteilen.“

26 Prozent für Wohnen

Eine Vorstellung, wie schwierig ein Leben mit 300 Euro weniger wäre, bekommt man mit einem Blick auf die durchschnittlichen Verbrauchsausgaben der Statistik Austria. Dort werden 26 Prozent des Monatsbudgets fürs Wohnen veranschlagt. Bei der „Mindestsicherung neu“ wären das dann gerade mal 147 Euro. Rechnet man noch jene Posten dazu, die man einsparen kann – etwa Kfz-Kosten oder Alkohol – kommt man auf 235 Euro. Mehr als ein WG-Zimmer deckt das nicht ab.

Auch bei anderem Lebensnotwendigen muss man knapp kalkulieren: Für Essen und Getränke können nach dieser Rechnung 104 Euro budgetiert werden, für Kleidung, Körperpflege und Gesundheit sind es knapp 100. Was dann noch bleibt? Ein Öffi-Ticket um 31, die Handyrechnung um acht Euro – und ein frei verfügbarer Betrag, für Hobbys etwa, von 65 Euro.

In den Sozialmärkten hält diese Rechnung niemand für realistisch. Und dennoch: „Ich find’s in Ordnung, dass Flüchtlinge weniger bekommen“, sagt der 31-jährige Markus, der von rund 850 Euro Notstandshilfe lebt; und mit dieser Meinung ist er nicht allein: Auch Asima, eine gebürtige Bosnierin, sagt, „dass es schon passt, dass die Flüchtlinge jetzt weniger bekommen“. Auch laut einer profil-Umfrage sind 78 Prozent für weniger Leistungen für Migranten. Nur: Das eigene Leben mit 300 Euro weniger bestreiten – das kann sich hier niemand vorstellen.

Der KURIER listet in Einzelfällen auf, wofür jene, die von Sozialhilfe leben, Geld ausgeben. Und warum ein Leben mit 563 Euro kaum möglich ist.

Anna K (30): „Wir sind ja zu zweit, unter 1000 Euro geht da gar nichts“

Seit neun Jahren lebt Anna K., eine schlanke Rumänin von 32 Jahren, in Wien.  Zuletzt arbeitete sie als Aushilfe bei einer Montagefirma,  derzeit ist sie  arbeitslos. Über eine  Ausbildung verfügt sie nicht.  Ihre einzigen Einkünfte bezieht die alleinstehende Mutter eines neunjährigen Buben vom Staat,  und zwar in Form von   600 Euro Notstandshilfe und rund  500  Euro Mindestsicherung und Beihilfen für sie und ihren Sohn  – womit sei eine sogenannte Aufstockerin ist. Das Gros dieses Budgets investiert sie in ihre Wohnung nahe dem Verteilerkreis: „550 Euro Euro kalt“, erzählt sie, mit Strom und Heizung beliefen sich die Kosten auf gut 600 Euro. Außerdem  brauche sie rund 300 Euro für Lebensmittel, dazu kämen 30 Euro für ihren Handyvertrag. „Und weil mein Bub schnell wächst, braucht er oft neues Gewand.“  Ihre  Antwort auf die Frage, ob  man  auch mit weniger leben könnte: „Nein.  Wir sind   zu zweit, da geht unter 1000 Euro   gar  nichts.“

René (32): „Hast’ schon amal a Wohnung um  200 Euro gsehn? I ned“

„Zum Wirt“ würde er gern öfter gehen, erklärt René, vor dem Sozialmarkt in Wien-Donaustadt. „Spielt’s aber nicht“, murrt er.
René, der Badeschlapfen an den Füßen   und zahllose Tattoos an den Armen trägt, ist nämlich arbeitslos. Seine gesamten Einkünfte: 900 Euro Arbeitslosengeld.  Seit einem halben Jahr ist er ohne Job.
Zwei Drittel seines 900-Euro-Budgets brauche er für die Miete:  Seine 40-Quadratmeter-Wohnung in Donaustadt kostet  insgesamt  600 Euro.   Dazu kommen rund 150 Euro für Lebensmittel – „aber nur, wenn ich bewusst   und im   Sozialmarkt einkaufe.“ Die Kosten für Kabelanschluss und Handyvertrag belaufen sich auf 50 Euro, vergleichsweise etwas mehr braucht der ungelernte Mittdreißiger für Zigaretten. Übrig bleiben nach dieser Rechnung rund 50 Euro für  Eventualitäten. Weniger, sagt René, sei nicht möglich: „Oder hast schon amal a Wohnung um 200 Euro gsehn? I   ned.“

Anna (61): „Wenn ich meine Katze hergeb’, wären es 60 Euro mehr“

61 Jahre ist Frau Anna alt, doch statt von der Pension lebt sie von der Mindestsicherung: Sie war ihr Leben lang Hausfrau,  „weil mein Mann das so wollte“. Nun fehlt das Geld: „Der Unterhalt, den ich seit der Scheidung   bekomm’, reicht nicht“, sagt die grauhaarige Dame –  ansehen würde man ihr das knappe Budget nicht.  
Wie sie das macht, mit 863 Euro? Das weiß sie selbst nicht so recht. „400 Euro zahl’ ich für meine Wohnung, der Mietvertrag ist alt. Dazu kommen 100 für Strom und Gas, ein paar Versicherungen hab’ ich auch“, sagt   sie. Sparen könnte sie nur, „wenn ich meine Katze hergeb’, wären es 60 Euro mehr, aber das will ich nicht. Und die Sterbeversicherung brauche sie auch, sagt die Wienerin – schließlich soll später nicht alles die Tochter zahlen. „Übrig bleiben mir   200 Euro. Streichen kann ich  nur bei Lebensmitteln, aber die sind eh alle vom Diskonter. Kleidung kauf’ ich mir dort auch. Und auf eine neue Brille muss ich halt hinsparen.“

Herr W. (54): „Hätte ich weniger, müsste ich im Winter die Heizung abdrehen“

Herr W. (namentlich will er nicht genannt werden), ist seit mittlerweile drei Jahren arbeitslos. Der Mittfünfziger  wohnt alleine, ab und zu kommt ihn seine Tochter besuchen. „Der kann ich aber kein Geld geben, ich hab ja nichts“, sagt er.  
Konkret verfügt er über 863,04 Euro im Monat – das ist der Mindestsicherungsbetrag, der einem in Wien    zusteht.   Abzüglich aller Fixkosten bleiben ihm weniger als 100 Euro „zum Leben“, wie er sagt. Schließlich, so W., braucht er knapp 600 Euro für seine geförderte Wohnung,150 Euro gibt er ungefähr für Lebensmittel aus. Zwei Mal pro Woche kann er sich Fleisch leisten, sagt er.   Sein uraltes Handy kostet ihn zehn Euro pro Monat, fürs Fernsehen bezahlt er nichts, Abonnements jedweder Art  hat er nicht. Weil er keine Waschmaschine besitzt,  müsse er für den Waschsalon Geld zusammenkratzen. „Wenn ich noch weniger hätt“, so W., „müsste  ich im Winter die Heizung abdrehen.“ 

Markus (31): Der gewisse Luxus? Manchmal Pralinen – und das Rauchen

Den „gewissen Luxus“, sagt Markus, gönnt er sich hie und da: Papillon-Pralinen etwa, die heute im Sozialmarkt  sechs Euro das Kilo kosten; oder „die gute NÖM-Milch“, wenn sie gerade im Angebot ist.
Sonst ist bei dem 31-Jährigen nicht viel an Extras drin: 850 Euro plus 122 Euro Wohnbeihilfe hat der Notstandshilfe-Bezieher im Monat; einen Job sucht  der Installateur   wegen Rückenproblemen schon sehr lange. „450 Euro gehen allein für die Gemeindewohnung drauf. Aber weil ich keine Heizung hab’, zahl’ ich mehr als 100 Euro Strom – und hab’ fast immer eine Nachzahlung“,  sagt er. Wie viel ihm bleibt? „Den Mobilpass gönn’ ich mir, ich will ja nicht schwarz fahren. Und das Rauchen ist auch Luxus.“ Im Schnitt hat er am Ende  300 Euro, davon sind 150 fürs Essen reserviert. „Von den 850 Euro Notstand allein könnte ich nicht leben.“  Und von 563? „Schon gar nicht. Aber besser als nichts – immerhin gibt es Länder, wo es gar nichts gibt.“