Türkei: Die blutige Putschnacht im Minutenproto­koll

People surround a Turkish army tank in Ankara
Foto: REUTERS/TUMAY BERKIN Ein Panzer wird gestürmt.

Vor einem Jahr versuchten Angehörige des Militärs den türkischen Präsidenten Erdoğan zu putschen. Was ist in dieser blutigen Nacht passiert? Der Versuch einer Rekonstruktion.

Die erste Eilmeldung erreichte die Redaktion um 21.42 Uhr:

"Istanbul - Beide Bosporus-Brücken gesperrt - TV"

Eine Stunden später:

"Türkisches Militär: Haben Macht übernommen"

In der Nacht auf den 16. Juli 2016 überschlugen sich in der Türkei die Ereignisse. Kampfjets bombardierten Ankara, Panzer rollten durch Istanbul, Soldaten schossen auf Zivilisten. Bald wurde an jenem 15. Juli 2016 klar, dass Teile des türkischen Militärs gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan putschten. Ein Jahr ist seit der blutigen Nacht mit rund 250 Opfern vergangen. Der Versuch einer Rekonstruktion.


Freitag, 15. Juli 2016 (Ortszeit Ankara):

22.00/22.05 Uhr: In Istanbul sind die Bosporus-Brücke und die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke gesperrt. Die Gründe sind unklar. Die ersten Schüsse fallen. Kampfhubschrauber und Militärjets fliegen über die Hauptstadt Ankara.

22.10 Uhr: In Ankara wird eine Koordinationsstelle für die jüngsten Vorfälle eingerichtet.

22.20/22.30 Uhr: Schüsse aus dem Gebäude des Generalstabs sind zu hören, Panzer positionieren sich am Atatürk-Flughafen in Istanbul. Die Meldungslage ist unübersichtlich.

23.03 Uhr: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim spricht via Telefon zu türkischen Fernsehsendern. Ein versuchter Putsch sei im Gange, sagt er. Eine Gruppe innerhalb des Militärs versuche die Regierung zu stürzen. Man tue alles, "was notwendig ist", kündigt Yildirim an. Die Beteiligten würden "den höchsten Preis" zahlen.

23.24 Uhr: Eine laute Explosion ist im Süden Ankaras zu hören. Eine Bombe ist in der Nähe des Dezernats für Sondereinsätze der türkischen Polizei detoniert.

23.28 Uhr: Militärangehörige senden an türkische TV-Stationen eine Erklärung, in der es heißt, dass man die Macht übernommen hat.

23.38 Uhr: Staatspräsident Erdoğan ist in Sicherheit, meldet die Nachrichtenagentur Reuters und bezieht sich auf einen Reporter von CNN Türk.

23.45 Uhr: Der Flugverkehr am Atatürk-Flughafen wird eingestellt. Ein Helikopter eröffnet das Feuer auf Menschen in den Straßen.

23.50 Uhr: Menschen stürmen in Istanbul auf die Straßen. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie sie auf Panzer steigen und mit Soldaten sprechen.

23.57 Uhr: Der Zugang zu Internet-Diensten wie Facebook, Twitter und YouTube in der Türkei ist nach Angaben von Internet-Beobachtergruppen eingeschränkt. Soziale Medien sind nur noch eingeschränkt verfügbar.

23.58 Uhr: Putschisten dringen in das Gebäude des türkischen Staatssenders TRT in Ankara vor.


Samstag, 16. Juni 2016 (Ortszeit Ankara):

00.00 Uhr: Zum ersten Mal fällt der Name Fethullah Gülen (Foto). Der in den USA lebende Prediger soll hinter dem Putschversuch stehen. Anhänger bezeichnen den Vorwurf als "irrational". Still image taken from video of U.S.-based cleric Foto: REUTERS/REUTERS TV

00.01 Uhr: Präsident Erdoğan verlässt die Küstenstadt Marmaris im Süden der Türkei. Er will zum Flughafen in Istanbul.

00.09 Uhr: Die Feuergefechte werden intensiver.

00.13 Uhr:  Auf Befehl des "Militärs" verliest eine TRT-Journalistin eine Erklärung: Eine neue Verfassung wird vorbereitet. Das Land wird von einem "Friedensrat" regiert. Über die Türkei wird das Kriegsrecht und eine Ausgangssperre verhängt. Der Staatssender stellt seinen Betrieb ein.

00.18 Uhr: Aus dem Präsidialamt heißt es, Erdoğan ist trotz des Putschversuches nicht abgesetzt. Wo er sich befindet, ist weiter unklar.

00.26 Uhr: Der türkische Präsident meldet sich via Facetime zu Wort: Eine Minderheit innerhalb des Militärs versucht ihn zu stürzen. Darauf werde es die "nötige Antwort" geben. Zu CNN Türk sagt Erdoğan, er sei auf den Weg nach Ankara.

00.30 Uhr: Nach dem Anruf von Erdoğan strömen noch mehr Menschen auf öffentliche Plätze und demonstrieren für ihren Präsidenten.

00.51 Uhr: Erneut sind Schüsse zu hören. Ein Helikopter hat das Feuer eröffnet. Im Gebäude von TRT gibt es eine Explosion.

00.57 Uhr: Putschisten versuchen den türkischen Satellitenbetreiber Türksat einzunehmen. Es gelingt ihnen nicht. Zwei Sicherheitsmänner sterben, das Gebäude wird bombardiert.

01.00 Uhr: Mehrere Militärangehörige, die nicht am Putschversuch beteiligt sind, melden sich zu Wort.

01.08 Uhr: Panzer umgeben das türkische Parlamentsgebäude. Schüsse sind zu hören, auch am Flughafen von Istanbul. TURKEY-POLITICS-MILITARY-COUP Foto: APA/AFP/GURCAN OZTURK

01.26 Uhr: In der türkischen Hauptstadt sind erneut zwei Explosionen zu hören.

01.36 Uhr: Meldungen machen die Runde, Erdogan versuche nach Deutschland zu gelangen, bekomme aber keine Landeerlaubnis. Bestätigt wird das nicht.

01.40 Uhr: Auf der Bosporus-Brücke eröffnen Putschisten das Feuer.

01:50 Uhr: Erste Putschisten werden verhaftet, einige ergeben sich. Der Putsch wurde vereitelt, heißt es.

02.09 Uhr: Ein Kampfjet schießt über Ankara einen Militärhubschrauber ab, der sich in der Hand der Putschisten befand.

02.25/02.30 Uhr: Die Putschisten, die in das TRT-Gebäude eingedrungen sind, werden von Bürgern und Polizisten aus dem TV-Studio entfernt. TRT sendet wieder.

02.30 Uhr: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet, dass 17 Polizisten im Hauptquartier der Spezialkräfte in Ankara bei einem Luftangriff getötet wurden.

02:35 Uhr: 13 Soldaten, einschließlich dreier höherer Offiziere, werden bei dem Versuch gefasst, den Präsidentschaftspalast in Ankara einzunehmen. In Istanbul wurden vier Soldaten von Bürgern und Polizisten "neutralisiert". TURKEY-POLITICS-MILITARY-COUP Foto: APA/AFP/OZAN KOSE

02.42 Uhr: Das Parlament in Ankara wird von einer Bombe getroffen, meldet Anadolu. Die erste von insgesamt sieben Detonationen. Laut Reuters war auch eine Explosion in Istanbul zu hören.

02.55 Uhr: Premier Yildirim spricht von einem "Terrorakt" und ruft die Bevölkerung auf, auf die Straßen zu gehen.

03.00 Uhr: Erneut sind Schüsse in Ankara und Istanbul zu hören.

03.11 Uhr: Das Militär wird angewiesen, von den Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Mehr als 120 Putschisten werden festgenommen.

03.20 Uhr: Präsident Erdoğan landet am Flughafen in Istanbul und kündigt ein hartes Vorgehen gegen die Aufständischen an. Der Sender NTV zeigt Bilder des Präsidenten, umgeben von Anhängern.

03.23 Uhr: CNN Türk berichtet live, während Soldaten in das Studio eindringen. Kurz darauf stellt der Sender den Betrieb ein.

03.45 Uhr: Rund 30 Soldaten legen am Taksim-Platz ihre Waffen nieder und ergeben sich. Auf Fernsehbildern sind Polizisten zu sehen, die Soldaten abführen.

04.00 Uhr: Ankaras Staatsanwalt ordnet die Verhaftung der Militärs, die am Putsch beteiligt sind, an.

04.30 Uhr: CNN Türk nimmt die Berichterstattung wieder auf.

05.20 Uhr: Yildirim twittert, dass 130 Soldaten verhaftet wurden.

06.00 Uhr: Die Soldaten auf der Bosporus-Brücke ergeben sich. Menschen steigen auf Fahrzeuge und jubeln über den Sieg. TURKEY-POLITICS-COUP-ARMY Foto: APA/AFP/OZAN KOSE

06.43 Uhr: Eine zweite Bombe detoniert in der Nähe des Präsidentenkomplex in Beștepe.

07.00 Uhr: Eine Militärmaschiene wirft eine Bombe auf eine Straßenkreuzung ab, an der sich das Generalkommando der Gendarmerie nahe dem Präsidentenkomplex befindet. 15 Menschen werden im Regierungsviertel getötet.

Bis 12.00 Uhr: Nachrichtenagenturen melden weitere Verhaftungen und zivile Opfer.

12.57 Uhr: Premierminister Yildirim gibt eine Pressekonferenz. Die Situation ist wieder vollständig unter Kontrolle. Insgesamt seien neben den Putschisten 161 Menschen getötet worden. Mehrere Tausende wurden verhaftet.

Freitagabend: Die Lage ist angespannt. Die Polizei in Ankara ruft das komplette Personal zum Dienst, Krankenwagen stehen bereit. Es gibt erste Meldungen über Jets im Tiefflug. Über Istanbul kreisen Hubschrauber, Sicherheitskräfte sind in den Straßen unterwegs. Teile des Militärs hätten einen Putschversuch begonnen. "Dieser Versuch wird nicht erlaubt werden", sagt Ministerpräsident Binali Yildirim Die putschenden Streitkräfte melden, sie hätten die Macht in der Türkei vollständig übernommen. Wo ist Erdogan? Aus dem Präsidialamt heißt es nur, er sei an einem sicheren Ort. Augenzeugen berichteten von Solidaritätskundgebungen für die Putschisten. Staatspräsident Erdogan landet nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV in Istanbul.

  Erdogan kündigt an, das Militär vollständig zu "säubern". Ministerpräsident Yildirim weist das Militär an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Die Putschisten ziehen vom Atatürk-Flughafen wieder ab, nachdem Demonstranten auf das Gelände eingedrungen sind, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet. Immer mehr Soldaten, die am Putsch beteiligt sind, werden verhaftet.   Die Lage hat sich weitestgehend beruhigt. Politiker erklären, dass der Putsch gescheitert sei.      
(KURIER / jk) Erstellt am
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