Trump klopfte vor seinen Anhängern wieder einmal derbe Sprüche

© APA - Austria Presse Agentur

Interview
01/16/2020

"Donald Trump ist ein Monster"

Buchautor David Goodhart über falschen Rassismus und echte Probleme der politischen Eliten.

von Christian Böhmer

Warum wählen Menschen einen Haudrauf wie Donald Trump? David Goodhart, der die selbe Elite-Schule wie David Cameron und Boris Johnson besuchte, hat dafür streitbare Erklärungen. Auf Einladung der Politischen Akademie war der Journalist (Guardian, Financial Times) in Wien.

KURIER: Herr Goodhart, Sie haben als einer der Ersten versucht zu zeigen, wie es zu Trump, dem Brexit und dem Aufstieg des Populismus kommen konnte. Können Sie uns kurz ihr Konzept erklären?

David Goodhart: Vereinfacht gesagt geht es um den Streit zweier Gruppen, die ich „Anywheres“ und „Somewheres“ nenne. Die „Anywheres“ sind gut ausgebildete, mobile Menschen, denen Autonomie und gesellschaftliche Offenheit wichtig sind, und die mit sozialem Wandel kein Problem haben.

Wer sind diese „Anywheres“?

Menschen mit hohem Bildungsabschluss, sie erledigen Kopfarbeit. Die andere, politisch weniger einflussreiche Gruppe sind die „Somewheres“. Sehr oft sind es Handwerker. Sie bleiben, wo sie aufgewachsen sind, schätzen Sicherheit und Familie. Zwischen diesen beiden Gruppen besteht ein Streit über Werte und Haltungen. Die Handwerker-Gruppe fühlt sich von den Kopfarbeitern nicht wertgeschätzt. Und die Situation hat sich durch ein Problem verschärft, das ich das „15 zu 50“-Problem nenne.

Was ist damit gemeint?

Die kognitive Klasse hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv ausgedehnt. Enorm viele Menschen gehen an Hochschulen. Das hat im angloamerikanischen Raum – mehr noch als in Österreich und Deutschland – dazu geführt, dass es nur einen Weg gibt, um Karriere zu machen: Man muss an die besten Unis. Früher stellten die geistigen Arbeiter 10, 15 Prozent der Gesellschaft, sie fielen nicht so ins Gewicht. Heute sind es 50 Prozent – daher der Name 15 zu 50.

Mit Verlaub, aber ist es nicht ein Fortschritt, wenn viele Menschen Zugang zu guter Bildung haben?

Absolut! Aber geistige Fähigkeiten sind nicht das Einzige, was eine funktionierende Gesellschaft benötigt. Und die Wissensgesellschaft braucht längst nicht so viele geistige Arbeiter, wie wir ausbilden. In den letzten 20, 30 Jahren waren im OECD-Schnitt 45 Prozent der 25- bis 35-Jährigen an einer Uni. Aber schon in naher Zukunft wird Künstliche Intelligenz viele Tätigkeiten dieser geistigen Arbeiter erledigen. Wir bilden also Menschen für Jobs aus, die es bald nicht mehr gibt.

Und der Aufstieg des Populismus?

Der liegt am Fehlverhalten der etablierten Politik. Der Glaube an die Globalisierung war mitunter zu naiv. Die Globalisierung hat viel Gutes gebracht. Aber es haben nicht alle gleich profitiert, und die Politik war nicht gut darin, die Verlierer zu beschützen. Meine liberalen Freunde in London sagen zu Trump und Brexit: „Die Welt ist ja verrückt geworden!“ Ich antworte ihnen: „Nein, das nennt man Demokratie!“ Die alten Parteien haben die Ängste der Wähler nicht wahrgenommen, also gibt es neue Politiker – und sie werden irgendwann wieder verschwinden.

Wann?

Wenn die Ängste der Bürger nicht lächerlich gemacht, sondern ernst genommen werden. Es hat nichts mit Rassismus zu tun, wenn Menschen sagen: „Ich will nicht, dass nur noch Fremde in die Nachbarschaft ziehen.“

Meinen Sie das ernst?

Ja. Es wäre ja auch nicht rassistisch zu sagen, ich will nicht, dass nur noch reiche Menschen in meinem Haus wohnen. Mein Punkt ist: Es ist ein legitimer Wunsch, dass gesellschaftlicher Wandel nicht zu schnell passiert. Die meisten haben kein Problem, wenn jemand einen anderen Gott anbetet oder anders aussieht. Aber sie haben ein Problem, wenn sich ihr Lebensumfeld so rasch verändert, dass sie nicht mitkommen.

Was ist die Alternative? Wollen Sie die Globalisierung abschaffen?

Nein, es gibt keine Alternative zu einer globalisierten Welt. Aber man kann versuchen, den Prozess zu kontrollieren, zu verlangsamen.

Und wie erklären Sie sich, dass vernunftbegabte Menschen einen Rüpel wie Donald Trump wählen?

Trump ist ein Bully, ein Tyrann, ein Monster. Er hat Demokratie nicht begriffen. Aber man muss seinen Charakter davon trennen, wofür er steht. Trump ist das hässliche Gesicht eines nationalen Konsenses, wonach China in die Schranken gewiesen werden muss, weil es sich nicht so demokratisch entwickelt hat, wie man es sich einst erhoffte.

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