Gerhard Baumgartner: "Der Salafismus kommt nicht vom Islam"

© KURIER/Gerhard Deutsch

Dokumentationsarchiv
02/23/2015

"Gestiegene Gewaltbereitschaft ist besorgniserregend"

DÖW-Chef machen extreme Strömungen Sorgen. Er kritisiert Justiz wegen Ermittlungen beim Verbotsgesetz.

von Christian Böhmer

Wie ist es um das gesellschaftliche Klima bestellt, wenn Ableger der islam-kritischen "Pegida" in Wien demonstrieren oder wenn die Israelitische Kultusgemeinde über vermehrte Übergriffe klagt? "Mir macht vor allem die gestiegene Gewaltbereitschaft an den extremistischen Rändern Sorgen", sagt Gerhard Baumgartner, wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, kurz DÖW, zum KURIER.

Das DÖW beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit neonazistischen, antisemitischen oder ausländerfeindlichen Umtrieben. Bei der Debatte um das vergleichsweise junge Phänomen des radikalen Islamismus irritiert Baumgartner ein hartnäckiger Irrtum: "Es wird oft behauptet, der Islamismus sei einfach eine ins Radikale gesteigerte, arabisch-muslimisch geprägte Lebensweise."

Orientierungslosigkeit

Tatsächlich komme der Salafismus aber nicht vom Islam, sondern aus dem Gegenteil, nämlich aus einer Orientierungslosigkeit. Baumgartner: "Die Attentäter, die in London die U-Bahnen gesprengt haben, waren im Westen erzogene und aufgewachsene Uni-Absolventen. Die Radikalisierung ist vielfach eine Revolte gegen die Eltern-Generation und die Gesellschaft an sich."

Ähnliches könne man bei den Rechten beobachten: "Die Kern-Proponenten von Pegida oder der ungarischen Jobbik sind keine glatzköpfigen Arbeitslosen. Jobbik wurde an einer Universität gegründet."

Was aber tun? Mehr politische Bildung an den Schulen? Baumgartner ist skeptisch: "Wir unterrichten seit Jahrzehnten den Holocaust und hoffen auf humanistisch gebildete Menschen." Doch Humanismus könne nicht intellektuell vermittelt werden. "Es geht um Respekt. Der muss an den Schulen und zu Hause gelebt und nicht nur gelehrt werden."

Gerade was die Integration angeht, sieht der Wissenschafter noch Chancen. "Als 1956 mehr als hunderttausend Ungarn ins Land flüchteten, hat das Unterrichtsministerium binnen Monaten ein erfolgreiches, zweisprachiges Bildungssystem erfunden", sagt Baumgartner. "Die Kinder lernten zuerst den Stoff in ihrer Muttersprache, dann bis zur Matura kam sukzessive Deutsch hinzu." Diese jungen Ungarn seien gut gebildete, überzeugte Österreicher geworden. "Das Programm wurde in den 60ern eingestellt. Aber was spricht dagegen, das mit türkisch-stämmigen Kindern zu wiederholen?"

Wenige Verurteilungen

Kritisch äußert sich Baumgartner was den Umgang der Justiz mit Verstößen gegen das Verbotsgesetz angeht. "Von den jährlich 200 Anzeigen wegen des Verbotsgesetzes führen zehn Prozent zu Verurteilungen. Wenn ich mir ansehe, wie akribisch die Justiz bei anderen Prozessen, Stichwort Tierschützer, am Werk ist, muss ich mich fragen, was hier los ist."

Link: DÖW-Website

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