Sprachphilosoph Gerald Posselt hat die Zusammenhänge zwischen Sprache und Gewalt untersucht

© Stefan Scherhaufer

Politik Inland
03/06/2021

Die neue Schrankenlosigkeit

Was Sprache mit Gewalt zu tun hat und warum das Gendern so empört

von Barbara Mader

Erfahrung mit Shitstorms? Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des deutschen „Duden“, hat reichlich davon. Frauen sind nun im deutschen „Duden“ nicht mehr nur mitgemeint. Personen- und Berufsbezeichnungen haben jetzt ein eindeutiges Geschlecht. Grund für viele, sich zu empören. „In den sozialen Netzwerken, via eMail und Post gab und gibt es – neben viel Zuspruch – auch sehr abwertende und persönlich beleidigende Zuschriften. Dabei sind es tatsächlich Männer, die bewusst die Grenzen überschreiten. Es gibt zwar auch vereinzelt negative Zuschriften von Frauen, die werden aber nicht persönlich“, sagt Kunkel-Razum.

Warum polarisiert gendergerechte Sprache derart? „Sprachliche Gewohnheiten werden infrage gestellt. Das trifft einige tief. Sprache ist ein Teil unserer Identität. Wenn es an Sprachthemen geht, dann berührt das offenbar den Kern des menschlichen Daseins. Das habe ich bereits bei der Rechtschreibreform erlebt. Beim Gendern ist jetzt nicht nur Sprache betroffen, sondern auch das Geschlecht. Beide Themen zusammen sind nochmals kraftvoller.“

Wie gewalttätig kann Sprache sein? „Philosophisch-geschichtlich gesehen wird Sprache als Gegensatz zu Gewalt betrachtet“, sagt Sprachphilosoph Gerald Posselt. Tatsächlich aber haben wir täglich mit sprachlicher Gewalt zu tun: Beleidigungen, Diskriminierung, Verhetzung. „Wer online Tageszeitungen liest, kann das bestätigen: Auf Artikel zu Frauenthemen schießen sich die Kommentatoren immer ein. Die Postings unter Artikeln, die Frauen geschrieben haben, sind wesentlich herber und respektloser als die Kommentare, die unter Artikeln von Männern zu lesen sind. Zugleich sind es vor allem Männer, die sich lautstark zu Wort melden. In einem aktuellen Artikel über die Tatsache, dass bei Wikipedia vor allem Männern aktiv sind, waren auch die Kommentare darunter überwiegend von Männern.“

Wahrnehmung der Welt

Sprache, sagt Posselt, sei nie neutral. „Indem wir sprechen, vollziehen wir eine Handlung und schaffen damit soziale Tatsachen. Etwa, indem wir ein Versprechen abgeben oder einem Vertrag zustimmen.“ Mit der Verwendung bestimmter Ausdrücke gehe immer eine bestimmte Wahrnehmung der Welt einher. „Ich kann ein und dieselbe Sache als Terrorismus oder als Freiheitskampf bezeichnen.“ Die Anonymität im Internet hat eine Form der Schrankenlosigkeit erzeugt. „Das spezifische Geschäftsmodell der sozialen Medien ist es, permanent Reaktionen hervorzurufen. Jemand, der verletzende Äußerungen in der Öffentlichkeit von sich gibt, erhält mehr Aufmerksamkeit als jemand, der differenziert.“

Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, können davon ein Lied singen: Mails und Postings zu ihren Artikeln und ihrer Person reichen von Belehrungen von oben herab bis zu Drohungen und gewalttätiger Vulgärsprache: Hat sich die Sprache insgesamt radikalisiert? „Einerseits sehen wir eine sehr explizite Sprache, die mit offenen Drohungen und Diskriminierungen arbeitet, andererseits eine hochtechnokratische Sprache, die versucht, zu verschleiern – insbesondere in der Politik. Physische Gewalt ist tabuisiert. Gewalt in der Sprache ist häufig subtil und schwer fassbar. Man kann immer sagen, man habe es doch gar nicht so gemeint oder das Gegenüber solle nicht so empfindlich sein.“ Barbara Mader

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