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Politik Inland
02/03/2019

Die Babyboomer gehen – und wer macht dann die Arbeit?

750.000 zusätzliche Pensionisten wegen Geburtenrekord aus 1960er-Jahren lassen Alarmglocken läuten.

von Michael Bachner

Seit 2000 sind Jahr für Jahr zwischen 70.000 und 95.000 Österreicherinnen und Österreicher in Pension gegangen, rund 2,3 Millionen Pensionisten sind es bereits insgesamt.

Ging es angesichts dieser Zahlen bisher vor allem um die Finanzierbarkeit des Pensionssystems, rücken jetzt die Arbeitsmarktsorgen mehr und mehr in den Mittelpunkt der politischen Debatte.

Denn: Österreich steht vor einer gewaltigen Pensionierungswelle, und schon heute fehlen in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst Nachwuchs- und Fachkräfte zu Tausenden.

Nicht sofort, aber schrittweise ab kommendem Jahr kommen die überaus geburtenstarken Jahrgänge der 1960er-Jahre ins Pensionsalter. Die Rede ist von den sogenannten „Babyboomern“. Sie sind heute zwischen 50 und 60 und werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen – Frauen früher, Männer etwas später.

Wer macht die Arbeit?

Auf gut eine dreiviertel Million zusätzliche Pensionisten bis 2035 schätzt Pensionsexperte Bernd Marin diesen Babyboomer-Effekt.

Spätestens dann wird grob gesprochen jeder dritte Österreicher ein Pensionist sein und die Frage stellt sich: Wer macht dann noch die Arbeit, wer zahlt dann noch unsere Pensionen?

Kurz gesagt: Die Jungen, ältere Beschäftigte, Frauen und Zuwanderer sollen jene Lücken schließen, die die Babyboomer hinterlassen. Vielfach werden Stellen auch nicht nachbesetzt oder durch den technologischen Fortschritt wegrationalisiert werden. Die Umwälzungen dürften jedenfalls gewaltig sein.

Unterm Strich gilt es – trotz der 750.000 zusätzlichen Pensionisten – die gesamtwirtschaftliche Arbeitskraft zu erhalten. Das Potenzial ist vorhanden: Derzeit verbringen Österreichs Arbeitnehmer im Durchschnitt ihres Berufslebens 13 bis 18 Jahre nicht auf dem Arbeitsmarkt – wegen Krankheit, Arbeitslosigkeit, Kindererziehung, Pflege etc.

Diese Zeiten könnte man verkürzen. Man könnte aber auch die Zeit auf dem Arbeitsmarkt verlängern, also das Pensionsantrittsalter anheben.

"Gewaltige Umwälzungen"

Speziell im öffentlichen Dienst wird die kommende Pensionswelle der Babyboomer-Generation der 1960er-Jahre zur Mega-Herausforderung. Bis zu 50 Prozent aller Beamten gehen in manchen Bereichen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Die Debatte über schon heute fehlende Lehrer, Polizisten oder Finanzbeamte steht stellvertretend für die Gesamtproblematik.

Die Beamtenschaft ist älter ist als die Durchschnitts-Belegschaft in der Privatwirtschaft, das Problem ist aber auch dort immens. Schon heute fehlen Tausende Fachkräfte, schon jetzt wäre die Wirtschaft auf „qualifizierte Zuwanderung“ angewiesen.

Wirtschaftsforscher, IHS-Chef Martin Kocher nennt als Vorbilder das geplante deutsche Zuwanderungsgesetz oder das erfolgreiche kanadische Punktesystem. Letztlich brauche es auch im Industrieland Österreich eine „neue Art von Willkommenskultur“ für Höherqualifizierte aus aller Welt. Dass Oberösterreich Arbeitslose aus Wien anlocken will, kann da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben.

Auch  Sozialforscher Bernd Marin sagt: „Nicht gegen, sondern ohne Zuwanderung müssten wir Österreich dicht machen. Aber selbst mit Zuwanderung braucht es tief greifende Reformen bei Pensionen, Pflege, Gesundheit, Bildung und Arbeitsmarkt.

Man versteht, warum die Wirtschaft so Druck macht: sie erfährt die Überlebensfragen einer Hochleistungsgesellschaft zuerst – zeitgleich mit den sozial Schwächsten.“

Die Babyboomer-Problematik stellt sich in den nächsten 15 Jahren. Ab 2035 ist die heftigste Pensionswelle dieses Jahrhunderts wieder vorbei.

Bis dahin erwartet Marin „gewaltige Turbulenzen und Umwälzungen des gesamten sozialen Gefüges“.

Mehr Voll- statt Teilzeit

Neben der nötigen Zuwanderung von rund 44.000 Menschen  pro Jahr müsste es gelingen, Ältere und Frauen  wesentlich stärker als heute in den Arbeitsprozess einzubinden, sind sich Fachleute einig. Nur so sei der Anteil der  arbeitenden Bevölkerung stabil zu halten.

Die Ideen lauten: Kürzere Ausbildungszeiten, mehr Vollzeit statt Teilzeit vor allem bei Frauen, die Rationalisierungschancen der Digitalisierung nutzen oder länger arbeiten – also  das Anheben des Pensionsantrittsalters.

Andernfalls verschlechtert sich das Verhältnis zwischen arbeitender Bevölkerung und Pensionisten immer weiter. 2017 kamen noch mehr als drei Österreicher zwischen 20 und 65 auf eine Person über 65. 2030 werden es  2,47 sein; im Jahr 2040 werden nur noch zirka zwei Erwerbstätige auf einen Pensionisten kommen, sagt Wolfgang Nagl, Ökonom bei der Agenda Austria.

Nagl: „Immer mehr Menschen beziehen immer länger Pension. 2040 werden die Ausgaben für Pensionen ihren Höhepunkt erreichen und bereits 15 Prozent des  BIP ausmachen.“ Nagl schlägt wie viele andere Experten vor, das Pensionsantrittsalter an die steigende Lebenserwartung zu koppeln.

Löhne steigen kräftig

Die Politik drückt sich bisher vor solchen Schritten. Wenn die Zahl der Pensionisten kräftig steigt – 2035 wird jeder dritte Österreicher ein Pensionist sein – werden Einschnitte bei der mit weitem Abstand größten Wählergruppe immer schwieriger, warnt IHS-Chef Kocher.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Geringer Qualifizierte kommen leichter zu einem Job, auch die Arbeitslosenquote muss kräftig sinken, wenn Hunderttausende in die Pension wechseln. Detto sollten Löhne und Gehälter steigen, wenn die Nachfrage nach qualifiziertem Personal weiter steigt und steigt.

In Deutschland ist das Fachkräfteproblem noch viel größer, weiß IV-Chefökonom Christian Helmenstein.  Dort fehlen in den nächsten zwölf Jahren 12,5 Millionen Fachkräfte. Abzüglich der erhofften Zuwanderung fehlen immer noch 4,5 Millionen Arbeitskräfte.

Helmenstein sagt: „Wenn also alle österreichischen Arbeitnehmer auf einen Schlag nach Deutschland gingen, würden bei unseren Nachbarn noch immer eine  Million Jobs unbesetzt bleiben. Das wird die Löhne kräftig nach oben treiben.“