┬ę KURIER/Stephan Boroviczeny

KURIER-Bildungsserie, Teil 5
04/05/2016

Der Wiener Drang zur AHS

Warum bundesweit ein Drittel der Volksschul-Kinder an eine AHS wechseln - in Wien aber fast 70 Prozent

von Bernhard Gaul

Wien ist anders. Bereits in der dritten Klasse Volksschule werden Kinder, Eltern und Lehrer zusehends nerv├Âser. Denn sp├Ątestens mit dem Halbjahreszeugnis der vierten Klasse m├╝ssen sich die Sch├╝ler an ihrer Wunsch-AHS anmelden. Damit steigt die Sorge der Eltern, ob das eigene Kind in eine AHS aufsteigen kann oder doch in einer Wiener NMS (mit einem Anteil an Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache von rund 74 Prozent) landet. Bei den Kindern steigt damit die Angst. Und die Lehrer versp├╝ren teilweise einen gro├čen Notendruck, den Kindern nicht ihre "Zukunftschancen" zu versperren.

70 % im Gymnasium

Es geht um den ├ťbergang der Volkssch├╝ler in die n├Ąchste (f├╝nfte) Schulstufe. In ganz ├ľsterreich hat sich in den vergangenen drei├čig Jahren nur wenig ge├Ąndert: Rund zwei Drittel der Volkssch├╝ler wechselten und wechseln an eine Hauptschule, die heute Neue Mittelschule hei├čt. Und rund ein Drittel der meist Zehnj├Ąhrigen wechselt in ein Gymnasium.

Nur nicht in Wien. In der Bundeshauptstadt wechselt nicht ein Drittel, sondern 53,3 Prozent der Sch├╝ler an eine AHS. Noch eindrucksvoller sind die Daten der Statistik Austria, wenn nur die Kinder mit deutscher Muttersprache analysiert werden. Da ist die Kluft noch krasser: 69,7 Prozent der Wiener Kinder wechseln in die erste Klasse einer AHS, nur 27,6 Prozent gehen in eine Neue Mittelschule.

Die Gr├╝nde daf├╝r sind vielf├Ąltig, haben aber nicht damit zu tun, dass Wiener Kinder kl├╝ger w├Ąren als die Gleichaltrigen in den anderen acht Bundesl├Ąndern. Und es sorgt f├╝r viel Frust, Angst und manchmal auch Horror bei Sch├╝lern, Eltern und Lehrern.

"Fr├╝her haben die Wiener AHS nur die Kinder genommen, die konnten, heute nehmen sie auch die, die nur wollen", umschreibt Lehrergewerkschafter Christoph Klempa das Problem. "Immer mehr Kinder bekommen in der zweiten, dritten Klasse Volksschule bereits Nachhilfe. Eltern nehmen sich Rechtsanw├Ąlte, um die Zeugnisse anzufechten, und die Lehrer m├╝ssen ihren Vorgesetzten dann lange Berichte schreiben, warum das Kind nur einen Zweier oder Dreier im Zeugnis verdient."

Schulniveau sinkt

Denn Voraussetzung, um sein Kind an einer AHS anmelden zu k├Ânnen, ist grunds├Ątzlich, dass das Kind im Jahreszeugnis in Deutsch, Lesen und Mathematik keine schlechtere Note als "Gut" und alle anderen Pflichtgegenst├Ąnde positiv abgeschlossen hat. Dieses Wiener Sonderproblem f├╝hrt auch dazu, dass das Niveau in den NMS und in den AHS sinkt. Den NMS fehlen die Kinder, die fr├╝her im A-Zug waren. Und die AHS sind mitunter die eigentlichen Gesamtschulen, da sie statistisch gesehen doppelt so viele Kinder aufnehmen wie auf dem Land. Das Problem ist nicht neu, doch noch fehlen praktikable Antworten der Bildungspolitik.

"Wir m├╝ssten in allen Schultypen viel individueller f├Ârdern k├Ânnen", meint Gewerkschafter Klempa. Doch daf├╝r fehle meist das Geld ÔÇô und damit das notwendige Personal.

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