Der Wiener Drang zur AHS

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Foto: KURIER/Stephan Boroviczeny

Warum bundesweit ein Drittel der Volksschul-Kinder an eine AHS wechseln - in Wien aber fast 70 Prozent

 Wien ist anders. Bereits in der dritten Klasse Volksschule werden Kinder, Eltern und Lehrer zusehends nervöser. Denn spätestens mit dem Halbjahreszeugnis der vierten Klasse müssen sich die Schüler an ihrer Wunsch-AHS anmelden. Damit steigt die Sorge der Eltern, ob das eigene Kind in eine AHS aufsteigen kann oder doch in einer Wiener NMS (mit einem Anteil an Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache von rund 74 Prozent) landet. Bei den Kindern steigt damit die Angst. Und die Lehrer verspüren teilweise einen großen Notendruck, den Kindern nicht ihre "Zukunftschancen" zu versperren.

70 % im Gymnasium

… Es geht um den Übergang der Volksschüler in die nächste (fünfte) Schulstufe. In ganz Österreich hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nur wenig geändert: Rund zwei Drittel der Volksschüler wechselten und wechseln an eine Hauptschule, die heute Neue Mittelschule heißt. Und rund ein Drittel der meist Zehnjährigen wechselt in ein Gymnasium.

Nur nicht in Wien. In der Bundeshauptstadt wechselt nicht ein Drittel, sondern 53,3 Prozent der Schüler an eine AHS. Noch eindrucksvoller sind die Daten der Statistik Austria, wenn nur die Kinder mit deutscher Muttersprache analysiert werden. Da ist die Kluft noch krasser: 69,7 Prozent der Wiener Kinder wechseln in die erste Klasse einer AHS, nur 27,6 Prozent gehen in eine Neue Mittelschule.

Die Gründe dafür sind vielfältig, haben aber nicht damit zu tun, dass Wiener Kinder klüger wären als die Gleichaltrigen in den anderen acht Bundesländern. Und es sorgt für viel Frust, Angst und manchmal auch Horror bei Schülern, Eltern und Lehrern.

"Früher haben die Wiener AHS nur die Kinder genommen, die konnten, heute nehmen sie auch die, die nur wollen", umschreibt Lehrergewerkschafter Christoph Klempa das Problem. "Immer mehr Kinder bekommen in der zweiten, dritten Klasse Volksschule bereits Nachhilfe. Eltern nehmen sich Rechtsanwälte, um die Zeugnisse anzufechten, und die Lehrer müssen ihren Vorgesetzten dann lange Berichte schreiben, warum das Kind nur einen Zweier oder Dreier im Zeugnis verdient."

Schulniveau sinkt

Denn Voraussetzung, um sein Kind an einer AHS anmelden zu können, ist grundsätzlich, dass das Kind im Jahreszeugnis in Deutsch, Lesen und Mathematik keine schlechtere Note als "Gut" und alle anderen Pflichtgegenstände positiv abgeschlossen hat. Dieses Wiener Sonderproblem führt auch dazu, dass das Niveau in den NMS und in den AHS sinkt. Den NMS fehlen die Kinder, die früher im A-Zug waren. Und die AHS sind mitunter die eigentlichen Gesamtschulen, da sie statistisch gesehen doppelt so viele Kinder aufnehmen wie auf dem Land. Das Problem ist nicht neu, doch noch fehlen praktikable Antworten der Bildungspolitik.

"Wir müssten in allen Schultypen viel individueller fördern können", meint Gewerkschafter Klempa. Doch dafür fehle meist das Geld – und damit das notwendige Personal.

(kurier) Erstellt am
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