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Politik Inland
08/06/2019

Der Historikerbericht – eine vertane Chance

Die FPÖ ignoriert, dass ihre Vorgängerpartei ein Sammelbecken der Nazis war. War damit zu rechnen? Nicht unbedingt.

von Christian Böhmer

Man muss nicht lange lesen. Die ersten acht Zeilen in der "Zusammenfassung des Rohberichts" genügen. Dann ist klar, was die FPÖ von einer wissenschaftlich sauberen, selbstkritischen, kurzum: von einer ehrlichen Aufarbeitung ihrer Parteigeschichte hält, nämlich: exakt gar nichts.

Allein in den ersten zwei Absätzen des erwähnten Papiers kommt der Begriff „angeblich“ so oft vor, dass selbst angehende Historiker im ersten Semester stutzig werden müssen. Da ist von „angeblichen braunen Flecken“ die Rede; von „angeblich“ problematischen Äußerungen von FPÖ-Funktionären; und auch das „Naheverhältnis“ zur NSDAP ist nur „angeblich“ vorhanden.

War damit zu rechnen, dass es die FPÖ so anlegt? Dass sie einfach weglässt, dass sie selbst und ihre Vorgänger-Partei das Sammelbecken der früheren Nationalsozialisten waren? Dass sie also den „Common Sense der Zeitgeschichteforschung“ (Heidemarie Uhl, Akademie der Wissenschaften) einfach ignoriert?

Nicht unbedingt. Erst im Vorjahr erstaunte der damalige FPÖ-Chef Strache selbst erklärte Gegner mit einem Auftritt beim FPÖ-Burschenschafterball. Er rief den Gästen in der Hofburg zu, Österreich trage bis heute Verantwortung für den Holocaust. Und wer das nicht akzeptiere, solle „aufstehen und gehen“. Das war eine Ansage. Aber offenkundig war sie doch nicht so ernst gemeint.

Denn wenn der Vorsitzende der FPÖ-Historikerkommission Wilhelm Brauneder meint, es sei für die FPÖ „irrelevant“, wenn ihr erster Parteichef ein SS-Brigadeführer war, dokumentiert er: Man hat es noch immer nicht verstanden. Und die FPÖ hat eine Chance vergeben.

Vielleicht war das absehbar. Bitter ist es dennoch.