Das Paula-von-Preradović-Haus, erbaut ab 1951, hier auf einer frühen Aufnahme. Auf dem sanften Hang im Vordergrund haben mir meine Eltern das Skifahren beigebracht

© Archiv Europäisches Forum Alpbach

Politik Inland
08/23/2020

Das Dolmetsch-Wunderkind: Als Bub unter Nobelpreisträgern

Vor rund 35 Jahren, als die Welt etwas unkomplizierter war: Eine Enkelkindheit in Alpbach und die Begegnung mit den „Kolletsch“

von Harald Eggenberger

Das Konferenzzentrum liegt einen Katzensprung vom Ortszentrum, hochrangige Politiker, Nobelpreisträger gehen ein und aus. Und ein „Stoz“ (ein kleiner Bub) von etwa 8 Jahren marschiert durch die Eingangstüre, als wäre er hier zu Hause. Kein Sicherheitsmitarbeiter hält ihn auf. Er steuert schnurstracks auf einen erhöhten Tisch zu, an dem junge Dolmetscherinnen sitzen, und fragt, ob sie mit ihm „Hosn owi“ spielen wollen.

Der kleine Bub war ich, vier Sommer lang Mitte der 1980er-Jahre ging das so. Ich war selbst ein halber „Oipecka“, ein halber Alpbacher: Im Nachbarort Reith zur Welt gekommen, verbrachte ich viele Sommer- und Wintermonate bei meinen Großeltern, 100 Meter Luftlinie vom Veranstaltungsort.

Respektvolle Distanz

Keine drei Minuten brauchte ich dorthin, einmal die Straße steil hinunter und dann zweimal um die Kurve. Oma stand in der Küche, Opa saß auf der „Laab“ (dem Balkon) und rauchte sein Pfeiferl, dessen Geruch ich so liebte.

Die beiden waren immer schon in Alpbach gewesen, selbst als der kleine Ort noch kein „Dorf der Denker“ sondern nur ein normales, wenn auch besonders pittoreskes Bergdorf gewesen war. Nach dem Krieg reisten stets im August für zwei, drei Wochen „die Kolletsch“ an – die Bezeichnung leitete sich vom Trägerverein, der damals noch „Österreichisches College“ hieß, ab. Diese Menschen kamen aus einer anderen Welt, sie waren zwar Auswärtige, aber nicht gewöhnliche Touristen. Man war durchaus stolz darauf, dass sie kamen.

Schon meine Urgroßeltern hatten welche bei sich im Haus untergebracht. Meine Mama erinnert sich an die frühen 1960er: „Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, wohnte ein netter, älterer Herr aus Wien bei uns. Von ihm habe ich die ersten Weintrauben meines Lebens geschenkt bekommen. Wir nannten ihn dann den Trau’m-Loda, den Trauben-Mann.“ Vor allem die Kinder von Gastgebern und Gästen freundeten sich naturgemäß leicht an.

Das Miteinander von intellektueller Elite und bäuerlicher Natürlichkeit, es funktionierte in diesem einfach schönen, in diesem schön einfachen Dorf besser als anderswo.

Dolmetsch-Wunderkind

Ich hatte mich meinerseits mit den Dolmetschern angefreundet, die waren alle Jahre da. Entweder in Pause, dann spielten sie mit mir Karten, das erwähnte „Hosn owi“. Im Laufe eines Tages gewann ich mal 20 Schilling, mal verlor ich 7. Oder sie übersetzten bei den Vorträgen und Diskussionen, und ich durfte manchmal mit in die Dolmetscherkabine.

Sie wiesen mir einen Kanal zu, den niemand benutzte. Da saß ich hinter der Glasscheibe, fantasierte irgendetwas ins Mikrofon und drückte pflichtschuldig die Räuspertaste, wenn ich einen Schluck Cola nahm. So hatten sie es mir gezeigt. Immer wieder kamen Studenten und fragten, wer ich sei. Dann erklärte man ihnen, ich wäre ein Sprach-Wunderkind, der jüngste Übersetzer des Landes. Ich platzte vor Stolz.

Schwarz heißt wichtig!

Gelegentlich jedoch war mir das Übersetzen zu langweilig. Dann streunte ich durchs Haus. Lutschte die neben Kaffeeschalerln liegen gebliebenen Zuckerwürfel. Ich kannte das Personal, und das Personal kannte mich. Aber ich sprach auch sonst jeden an, der mich beachtete. Die Tagungsteilnehmer hatten Namensschilder in verschiedenen Farben: Rot, blau, grün – ich weiß nicht mehr, was die Farben bedeuteten. Aber die Menschen mit den schwarzen Schildern, das wären die wichtigsten, so war mir gesagt worden, die Nobelpreisträger. Solche bekam man nicht jeden Tag zu Gesicht – aber die, die da waren, die habe ich alle erwischt.

Heute weiß ich mit Sicherheit, dass nur die Wenigsten davon wirklich Nobelpreisträger gewesen sein können. Damals aber fragte ich sie, woher sie kommen, was sie machen und wie ihnen Alpbach gefällt. Erste Ansätze von Journalismus. Am Ende ließ ich mir von ihnen auf der Rückseite des Kellnerblocks, auf dem wir eben noch die „Hosn owi“-Punkte notiert hatten, ein Autogramm geben. Das war etwas weniger professionell.

Das Europäische Forum Alpbach hingegen ist immer professioneller geworden: 1998 wich das alte Paula-von-Preradović-Haus dem modernen Congress Centrum.

Das Dorf

im Tiroler Unterland liegt auf   1.000 m Seehöhe, hat 2.500 Einwohner, Sommer- wie Wintertourismus. Es war schon „schönstes Dorf Österreichs“ wie auch „schönstes Blumendorf Europas“ – und Drehort des dystopischen 4. Teils der „Piefke-Saga“

1945

Gründung der „Internationalen Hochschulwochen“ durch den Wiener NS-Widerstandskämpfer Otto Molden – seine Mutter Paula von Preradović schrieb den Text der Bundeshymne – und den Tiroler Philosophen Simon Moser: 80 Vortragende und Zuhörer. Ab 1949 „Europäisches Forum Alpbach“

2020

75-jähriges Jubiläum mit dem Generalthema „Grundlagen“ und im Zeichen von Corona: Waren 2019 noch 5.000 Teilnehmer aus 95 Nationen vor Ort, werden die Gespräche heuer zum Großteil digital ablaufen. Damit geht viel des Networking-Effekts verloren. Alexander Van der Bellen reist zur heutigen  Eröffnung an,  andere Gäste wie UNO-Generalsekretär António Guterres (am Dienstag) sind per Zuschaltung dabei

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