Politik | Inland
04/15/2019

Claudia Gamon: Schick, pink, radikal

Die 30-jährige EU-Kandidatin will mit mutiger Vision vorangehen, zielt dabei auf junge Wähler ab.

„Freie Märkte, freie Menschen, freie Liebe und so.“

Hippie-Leben und Kapitalismus – das sei kein Widerspruch, meinte Claudia Gamon 2011 in einem Interview, als sie für die Hochschülerschaft kandidierte. Ihren Blog „The Hippie Capitalist“ gibt es heute nicht mehr und aus der Wirtschaftsstudentin wurde eine Berufspolitikerin, die jetzt bei der EU-Wahl als Nummer eins der Neos kandidiert.

 

Ihre Interpretation von etablierten Begriffen ist bis heute recht eigen. Der KURIER trifft sie in ihrer Heimat Vorarlberg, auf der Einladung steht „Frühschoppen“. Der dann in einem schicken Glashaus am Bodensee stattfindet. Als fast zweistündige Podiumsdiskussion mit Fragerunde. Danach gibt es immerhin Bier und Weißwürste, Minestrone für die Vegetarier.

10.000 Instagram-Fans

Claudia, vergiss deine Wurzeln nicht“, will ihr ein älterer Herr aus dem Publikum für Brüssel „ins Stammbuch schreiben“. Ein Zuruf, den die 30-Jährige charmant weglächelt. Sie fühle sich hier „sehr verwurzelt“, sagt sie später im KURIER-Gespräch.

 

Seit eineinhalb Jahren hat Gamon im Bezirk Bregenz wieder eine Wohnung, pendelt für Nationalratssitzungen nach Wien. Ihre Familie lebt hier, die Freizeit verbringt sie gerne am Berg. Wer ihr auf Instagram folgt, weiß das. Kein EU-Kandidat ist in den sozialen Medien so aktiv wie die 30-Jährige.

Ihre knapp 10.000 Abonnenten wissen deshalb auch, dass sie schon seit Wochen – oft mit Funktionären der pinken Jugendorganisation Junos im Schlepptau – durch Österreich tourt; dass sie am laufenden Band Podiumsdiskussionen wie jene hier beim „Frühschoppen“ am Bodensee absolviert; und dass sie für die „Vereinigten Staaten von Europa“ wirbt. Nicht unbedingt ein Projekt, das sich in einer Legislaturperiode ausgeht – aber sie ist ja noch jung, sie hat Zeit, und das ist ihre Vision.

 

„Man kann ruhig einmal etwas radikaler sein, ein oder zwei Schritte vorausdenken. Wir sind die einzigen, die sich das trauen“, erklärt Gamon dazu. Aber wie soll das aussehen – wie die USA? Es gehe ihr um ein Europa, das näher zusammenrückt, schlagkräftiger wird, deshalb schwebt ihr vor: „Auf oberster Ebene sollte es eine Regierung geben und einen direkt gewählten Kommissionspräsidenten.“ Von dort aus soll etwa die Verteidigung – Stichwort EU-Armee – und die Steuerpolitik koordiniert werden. Die Länder können dann noch über die Umsetzung entschieden.

Der Europa-Reisepass, mit dem die Pinken werben, sei in erster Linie eine symbolische Geste, Gamon kann sich aber durchaus vorstellen, dass es irgendwann einen Pass für „Unionsbürger“ gibt und das Herkunftsland nur noch vermerkt ist.

Gewagte Forderungen

Radikal neoliberal – für ihre Politik sei Vorarlberg guter Boden, meint Gamon. Parteigründer Matthias Strolz ist übrigens auch Vorarlberger. „Der Spruch: ’schaffe, schaffe, Hüsli baue‘ zeigt ja, dass es den Vorarlbergern um Selbstbestimmung und Eigenverantwortung geht.“

In dieser Gangart gelang ihr bei der ÖH-Wahl 2011 mit den Jungen Liberalen (JuLis) der Einzug in die Bundesvertretung der Hochschülerschaft. Die zentrale Forderung waren damals Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Das war neu, das war mutig, und Gamon – jung, weiblich, WU-Studentin, eher rechts der Mitte – ein völlig neuer Typus in der Uni-Politik.

 

Im EU-Wahlkampf fällt sie wieder aus dem Rahmen: Sie ist die einzige Frau unter den Spitzenkandidaten – und im Schnitt ungefähr halb so alt wie ihre männlichen Kontrahenten (der älteste ist Johannes Voggenhuber mit 68, der jüngste ist Andreas Schieder mit 49).

Etwaige Sorgen, sie könnte in der Wahlkonfrontation aufgerieben werden, seien unbegründet, meinen zumindest Kolleginnen aus dem Parlament: Stark, energisch, eloquent – so beschreibt man die 30-jährige Abgeordnete. In den Ausschüssen könne sie mit guter Vorbereitung punkten, politisch fehle es ihr „noch etwas an Tiefe“, heißt es da aber auch.

 

Auf Instagram funktionieren ihre Botschaften, wie sehr die 30-Jährige aber außerhalb der jungen, digitalen Sphäre wahrgenommen wird, bleibt abzuwarten. Ein Mitbewerber hält die Strategie für riskant: „Nur, weil jemand für ein Foto ein Like abgibt, heißt noch lange nicht, dass er das auch in der Wahlkabine tut.“

Zur Person

Claudia Gamon, geboren 1988, wuchs in Nenzing, Vorarlberg, auf. Sie hat eine jüngere Schwester, die Eltern sind Unternehmer.
Gamon studierte Betriebswirtschaft an der Wiener WU und engagierte sich für die JuLis (Junge Liberale) in der Unipolitik. Bei den ÖH-Wahlen 2011 gelang ihr der Einzug in die Bundesvertretung.
Im Juni 2013 stieg sie bei der neu gegründeten Partei Neos ein, war im Wahlkampf und in der Pressearbeit tätig. Als Beate Meinl-Reisinger 2015 nach der Wien-Wahl ihr Mandat abgab, kam Gamon als Nachbesetzung in den Nationalrat. Im Jänner wurde sie mit 95 Prozent der Delegiertenstimmen als Spitzenkandidatin für die EU-Wahl aufgestellt.