Caritas warnt vor "sozialer Klimakrise"
Zusammenfassung
- Caritas-Präsidentin Tödtling-Musenbichler warnt vor sozialen Kipppunkten durch Kürzungen bei Familien- und Sozialleistungen.
- Die Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel wird begrüßt, reicht laut Caritas aber nicht aus, um armutsbetroffene Menschen ausreichend zu entlasten.
- Appell an Bund und Länder, Verantwortung für Ukraine-Vertriebene zu übernehmen, und Lob für das Engagement des neuen Wiener Erzbischofs Grünwidl.
Die Caritas begrüßt grundsätzlich den begünstigten Mehrwertsteuer-Satz auf Lebensmittel, sieht Menschen mit geringem Einkommen aber dadurch nicht wirklich entlastet.
Von der Regierung beschlossene Kürzungen seien weitaus bedrohlicher für armutsbetroffene Menschen, so Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler im APA-Interview. Besonders Einschnitte bei den Familienleistungen und der Sozialhilfe führten zu sozialen "Kipppunkten", die es so bisher nie gegeben habe.
"Die Senkung der Mehrwertsteuer, gerade für Produkte des alltäglichen Lebens, ist sicher eine Entlastung, gerade für armutsbetroffene Familien", meint Tödtling-Musenbichler zur jüngsten Regierungsmaßnahme. Ersparnisse zwischen 80 und 100 Euro im Jahr würden auf den ersten Blick zwar nach wenig klingen. Allerdings handle es sich um eine "kleine Maßnahme, die gerade für jene notwendig ist, die jetzt wirklich um ihre Existenz kämpfen müssen". Für Menschen mit wenig bis gar keinem Einkommen würde die Senkung "wieder ein Stück weit Freiheit" bedeuten.
Warnung vor gesellschaftlicher "Klimakrise"
Dem gegenüber stehen laut der Caritas-Präsidentin aber "sehr hohe Kürzungen, die dazu führen, dass ein großes Loch für gerade jene Menschen entsteht, die wirklich am Ende des Monats kein Geld mehr zur Verfügung haben". Sorge bereitet Tödtling-Musenbichler, dass es auf der anderen Seite zu noch mehr Einschnitten bei Sozial- und Familienleistungen kommt. "Wir erleben auch, dass das wirklich soziale Kipppunkte sind, wo wir an der Grenze stehen. Diese bedeuteten einen "Kipppunkt hin zu einer sozialen oder gesellschaftlichen Klimakrise".
Essenziell aus dem Blickwinkel der Caritas ist, gerade in diesen Zeiten von Budgetkonsolidierung nicht bei den Ärmsten zu sparen, betont Tödtling-Musenbichler ein weiteres Mal. Daher brauche es ein Schutzpaket, das Existenz sichert, Kinder schützt und Chancen sichert. Gerade Frauen und Kindern müsste eine Perspektive geboten werden, dass diese ohne Armut aufwachsen können - "weil Armut wird vererbt". Konkret bedeute das eine Valorisierung der Familienleistungen, die derzeit ausgesetzt ist. Gerade Familien mit mehr Kindern würden dadurch Hunderte Euro weniger bekommen, "und das ist eine große Gefahr". Oft gehe dies auf Kosten der Bildung.
Appell an Bund und Länder wegen Ukraine-Vertriebenen
Eine der jüngsten Maßnahmen der Caritas betrifft die Unterbringung von aus der Ukraine vertriebenen Menschen in Wiener Pfarren angesichts fehlender staatlicher Unterkünfte. "Ich setze hier wirklich einen großen Appell an Bund und Länder, ihre Verantwortung wahrzunehmen", so die Caritas-Präsidentin. "Wir reden hier von Menschen aus einem Kriegsgebiet, wo jeden Tag Häuser zerbombt werden, wo Kinder wirklich in Schutzkellern leben." Die Caritas-Präsidentin erinnert in diesem Zusammenhang an das Bekenntnis der politisch Verantwortlichen, "und ich glaube, das muss nach dem vierten Winter einfach aufrechterhalten bleiben".
Auch in ihrer alltäglichen Arbeit, der Betreuung von wohnungslosen Menschen, war die Caritas angesichts der jüngsten Rekordkälte besonders gefordert. "Wir erleben wirklich einen der schlimmsten Winter, gerade für jene Menschen, die tagtäglich auch auf der Straße leben", erinnert sie. Dies sei zum Teil lebensbedrohend, bereits zwei Menschen hat die Lebenssituation das Leben gekostet. Zwar sei man österreichweit bei den Notquartieren gut aufgestellt, so Tödtling-Musenbichler. Das Wichtigste sei aber noch immer, hinzuschauen und etwa zum Kältetelefon zu greifen.
Freude über Erzbischof Grünwidl
Was das Engagement für arme Menschen betrifft, lobt die Präsidentin der katholischen Hilfsorganisation auch den neuen Wiener Erzbischof Josef Grünwidl: "Ich freue mich einerseits für die Erzdiözese Wien, aber ich freue mich vor allem für ganz Österreich, dass wir einen Erzbischof bekommen haben, der wirklich mitten im Leben steht, der bei den Menschen ist und der auch sehr verbindend ist." So habe Grünwidl gleich nach seiner Weihe einen Gottesdienst mit armen Menschen abgehalten. "Das hat er auch schon zuvor gemacht", erinnert Tödtling-Musenbichler, die darin nicht nur einen reinen Symbolakt sieht.
Rückendeckung hat die Caritas zuletzt von der katholischen Bischofskonferenz erhalten, die in einer Erklärung vor immer heftiger werdenden Anfeindungen gegenüber Hilfsorganisationen gewarnt hat. "Das tut nicht nur unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Hauptamtlichen und vielen Freiwilligen weh und schmerzt", betont die Caritas-Präsidentin.
Es betreffe alle Menschen, die das gesellschaftliche Leben stützen und den Zusammenhalt tagtäglich fördern. "Und deshalb hoffe ich auf viel Rückhalt. Wir spüren und erleben, dass vielen nicht gleichgültig ist, wenn Hilfsorganisationen jetzt angegriffen werden."
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