Die Präsidentengruft - eine Erinnerungsstätte der Republik am Wiener Zentralfriedhof.

© KURIER/Jeff Mangione

Wiener Zentralfriedhof
04/16/2016

Die Gruft der Republik: Wo die Bundespräsidenten ruhen

Seit 65 Jahren werden die Bundespräsidenten der Zweiten Republik in der Präsidentengruft am Zentralfriedhof begraben: Ein österreichisches Spezifikum.

von Peter Temel, Jeff Mangione

Sie ist nicht der große Star am Zentralfriedhof – wenn man das von einer Grabanlage überhaupt behaupten kann. "Es gibt sicher Gräber, die mehr ziehen: Udo Jürgens, Beethoven oder Falco …" sagt Christian Schertler. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er als Totengräber am zweitgrößten Friedhof Europas. Die meisten der jährlich rund 100.000 Besucher zieht es wegen großer Komponisten, Sänger und Schauspieler hinaus nach Simmering. Touristenmagnet ist derzeit ein strahlend weißer Marmorflügel, der seit dem Vorjahr an den verstorbenen Musiker und Entertainer Udo Jürgens erinnert.

Sie, die Präsidentengruft in der Gräbergruppe 14C, wirkt hingegen alles andere als strahlend. Sie ist zwar mit 24 Metern Durchmesser die weitläufigste abgeschlossene Grabanlage am Zentralfriedhof, aber man muss schon ganz nahe an sie herantreten, um sie als Grabstätte überhaupt erkennen zu können. Das vor der mächtig aufragenden Friedhofskirche platzierte Rondeau ist an der Sohle rund neunzig Zentimeter abgesenkt. Nur der zentrale Steinsarkophag mit Staatswappen ragt etwas über das Bodenniveau hinaus. Tritt man die Stufen hinab, wird man von grauem Marmor aus der Wachau und Granit aus Oberösterreich empfangen.

Kühle Distanz

"Das hat schon eine strenge und kühle Distanz", sagt Oliver Rathkolb, Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. "Man wollte hier bewusst nicht dieses übersteigerte, imperiale Erbe der Kapuzinergruft reproduzieren. Da wollte man zwar etwas Großzügiges, aber doch Nüchternes, das die Kirche dahinter nicht zudecken sollte. Es trägt die Handschrift einer republikanischen Ästhetik."

Die Republik erinnert hier an alle verstorbenen Bundespräsidenten seit 1945. Nach dem Tod Karl Renners zu Silvester 1950 wurde an der Umsetzung einer Gruftanlage gearbeitet. 1951 wurde der erste Bundespräsident der Zweiten Republik provisorisch an dieser Stelle beerdigt, erst am Allerseelentag 1952 wurde die Präsidentengruft dann feierlich eingeweiht.

Von Renner bis Waldheim: Die Präsidentengruft

TRAUERFEIERLICHKEITEN FUER ALT-BP WALDHEIM: ZENTRA

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ARCHIVBILD: BRUNO KREISKY, HEINZ FISCHER

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Begräbnis Altbundespräsident Rudolf Kirchschläger

Titel fehlt Kirchschläger…

KRAENZ

PUTIN SCHUESSEL SILVIA FISCHER CARL GUSTAV FISCHER

Thomas Klestils letzter Weg - FARBE

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TRAUERFEIERLICHKEITEN FUER ALT-BP WALDHEIM/ ZENTRA

TRAUERFEIERLICHKEITEN FUER ALT-BP WALDHEIM/ ZENTRA

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Geplant von einem Beamten

Es war die Zeit des mühevollen Wiederaufbaus und hoher Arbeitslosenraten, der Staatsvertrag war noch lange nicht unterschrieben. Eine junge Nation übte sich in Identitätsbildung. "Was mein ästhetisches Empfinden betrifft: Mir gefällt’s nicht", sagt Rathkolb. "Aber das ist die Zweite Republik, wie sie leibt und lebt. So wurde wiederaufgebaut. Dass man hier keinen Wettbewerb für Spitzenarchitekten gemacht hat, wie man es heute machen würde, sondern einen Magistratsbeamten mit der Planung beauftragt hat, das war eben die Zeit. Man hatte damals andere Sorgen und Probleme. Da war auch die Politik sehr vorsichtig, viel Geld in die Hand zu nehmen und mit einem übersteigerten Grabmal die Konstruktion einer Identität zu gefährden."

Gegenstück zur Kaisergruft

Selbst in viel stärker präsidial ausgerichteten Demokratien wie den USA oder Frankreich gibt es nichts Vergleichbares. Wie kam es gerade in Österreich zu der Idee einer gemeinsamen Grabanlage für Präsidenten? Historiker Rathkolb: "Man hat versucht, in Wien ein republikanisches Gegenstück zur Kapuzinergruft der Habsburger zu schaffen, um diese Konstruktion einer kleinstaatlichen österreichischen Identität zu stärken und die wichtige geschichtspolitische Ebene von Friedhöfen zu nützen." Es dürfte für die Planung der Anlage bereits erste Kontakte mit Renner selbst gegeben haben, sagt Rathkolb (ganzes Interview siehe unten). Aufzeichnungen darüber gebe es zwar nicht, aber "er war jemand, der in Kategorien der identitätsstiftenden, symbolischen Maßnahmen gedacht hat."

"Ja, aber nur mit meiner Frau!" soll Renner zu dieser Idee gesagt haben. Ob die Worte genau so fielen oder nicht – seine Frau Aloisia wurde, wie von ihm verfügt, bei ihm beerdigt. Der Steinsarkophag, der mit Renners Namen beschriftet ist, dient aber ausschließlich als Mahnmal. Beigesetzt ist das Ehepaar unten, in der Gruft.

Unter der Erde

"Das Unten ist ein großes Geheimnis", sagt Cornelia Reisel, Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsabteilung von der Bestattung und Friedhöfe Wien GmbH bei einem Lokalaugenschein am Zentralfriedhof. Aus Pietätsgründen mache man keine Angaben dazu, wie viele Verstorbene noch in der Gruft Platz finden können. Man wolle nachfolgende Bundespräsidenten nicht stressen, heißt es. "Aber es ist nicht so: 'Oh Gott, der Letzte ist drin, jetzt müssen wir überlegen …'. Nein, da muss man keine Angst haben," sagt sie. Auch in der Präsidentschaftskanzlei sieht man auf Anfrage noch lange keinen Handlungsbedarf: "Die verstorbenen Bundespräsidenten des 21. Jahrhunderts werden voraussichtlich alle in der Präsidentengruft beigesetzt werden können, so sie dies wünschen. Was im 22. Jahrhundert geschieht, werden das dann amtierende Staatsoberhaupt und seine Mitarbeiter sicherlich sorgfältig, verantwortungsbewusst und selbstverständlich im Zusammenwirken mit der Stadt Wien überlegen".

Auf einer Hinweistafel zwischen den Bäumen rechts der Gruft ist eine schematische Darstellung des "Unten" zu sehen. Dort sind insgesamt neun nebeneinander liegende Sargnischen verzeichnet, darunter noch einmal neun, wo die Gattinnen ihre letzte Ruhe finden. Gegenüber befinden sich laut Plan neun Urnennischen.

"Für uns ist es eine Gruft wie jede andere", sagtChristian Schertler. Drei schwere Grabplatten verschließen den Zugang. Nur vor Begräbnissen werden diese mit einem Kranwagen gehoben. Die Grabkammer wird dann gereinigt, alte Kränze werden entfernt. Ein Mal war Schertler bisher unten, das war 2007, beim Begräbnis Kurt Waldheims. "Optisch ist sie vielleicht etwas anders als andere Gruften", sagt er, als er die ungefähre Lage des Ganges anzeigt. "Sie ist halt recht lang, das haben wir so am Friedhof sonst nicht".

Rot-Weiß-Rot

Üblicherweise ist das Rondeau mit Blumen in Rot-Weiß-Rot eingefasst. Derzeit sind die roten Violen noch etwas dunkel gefärbt. Die Friedhöfe Wien GmbH ist für die Pflege der Gruft, die von der Stadt Wien als Ehrengrab geführt wird, verantwortlich. Drei Mal im Jahr wird die Bepflanzung ausgetauscht und an die Jahreszeit angepasst. Ebenfalls drei Mal im Jahr kommt ein Werkmeister der Friedhofs-Steinmetze vorbei, und überprüft das steinerne Rund auf Verwitterungsschäden.

Auf den Banknischen am Rand lassen sich immer wieder Leute nieder, "zum Verweilen und Sonne tanken", erzählt Cornelia Reisel. "Besonders die älteren Herrschaften setzen sich gerne her." Auch Schulklassen kommen regelmäßig. Viele Friedhofbesucher besichtigen das Monument, aber die Reisegruppen, die zum Großteil aus Japan kommen, wollen vor allem die Gräber von Beethoven, Schubert und den Sträussen sehen.

Josef Kirchberger macht seit einigen Jahren Führungen am Zentralfriedhof. Wenn er kurz vor Ende seines Programms mit einer Gruppe bei der Präsidentengruft angekommen ist, sind die meisten schon müde, meint er. "Wenn ich die Leute frage, welcher Präsident zuletzt gestorben ist, sagen alle: 'Der Klestil'. Jeder vergisst auf den Waldheim." Der wegen seiner Kriegsvergangenheit umstrittene Bundespräsident diente nur eine Amtsperiode lang, ist aber neben Rudolf Kirchschläger bisher der einzige Präsident der Zweiten Republik, der das planmäßige Ende seiner Amtszeit erlebt hat.

Anspruch der Gattinnen

Was die meisten Besucher fragen: Warum die geschiedene Frau Thomas Klestils nicht hier begraben ist. Kirchbergers kurze Antwort: "Weil sie geschieden ist". Nach Anfrage bei der Präsidentschaftskanzlei existiert keine klare Regelung für solche Fälle. "Diesbezüglich wird man sich in erster Linie an allfälligen letztwilligen Verfügungen verstorbener Bundespräsidenten orientieren. Solche gibt es gelegentlich". Frau Edith Klestil wurde 2011 hinter der Friedhofskirche bei ihrer Familie beigesetzt. In der Präsidentengruft wurden bisher die Ehefrauen von Renner, Schärf, Jonas und Kirchschläger bestattet. Theodor Körner blieb unverheiratet, alle weiteren Präsidentengattinnen sind noch am Leben.

Das große Licht der Öffentlichkeit wird nur bei Staatsbegräbnissen auf die Präsidentengruft gelenkt, dann aber mit allen staatlichen, kirchlichen und militärischen Ehren. 1957 sah das "Leichenbegängnis" für Theodor Körner "mehr Menschen auf der Straße als je eines seit dem November 1916, als Kaiser Franz Joseph bestattet worden war", heißt es in einer Körner-Biografie. "Bei großen Begräbnissen konnte man früher kaum gehen vor lauter Leut'", erzählt Kirchberger. Im 21. Jahrhundert hat sich das Gedränge am Zentralfriedhof etwas verlaufen. Bei der Trauerfeier für Thomas Klestils im Jahr 2004 waren aber immerhin 26 Staatsoberhäupter zugegen, unter anderem König Gustaf von Schweden, Russlands Wladimir Putin und Arnold Schwarzenegger als Gouverneur von Kalifornien. Klestil starb nur 36 Stunden vor dem Ende seiner Amtszeit. "Die Anteilnahme der Bevölkerung war daher natürlich besonders groß", heißt es aus der Präsidentschaftskanzlei.

Gegensätzlicher Nachbar

Ein weiterer Auftritt für die Präsidentengruft ist die jährliche Kranzniederlegung durch den Bundespräsidenten und den Wiener Bürgermeister zu Allerseelen. Dabei werden auch die nahe gelegenen Gräber verstorbener Bundeskanzler und Bürgermeister besucht. Ein Grab ist hingegen nicht Teil dieser Runde: Jenes des wegen seines populistischen Antisemitismus umstrittenen Jahrhundertwende-Bürgermeisters Karl Lueger. Er wurde 1911 unter der monumentalen Friedhofskirche beigesetzt. Diese heißt eigentlich Karl-Borromäus-Kirche, ist landläufig aber nur als "Lueger-Kirche" bekannt.

Zurückhaltung, wie bei der Gestaltung der angrenzenden Präsidentengruft, sucht man hier vergeblich. Gleich auf zwei Altarbildern ist Lueger verewigt. Und in der Unterkirche steht hinter Glas der massive Sarkophag, versehen mit Luegers Spitznamen "Doktor". Für den Zeithistoriker ist das Nebeneinander der so gegensätzlichen Bauweisen spannend. Rathkolb: "Sie haben mit der Karl-Borromäus-Kirche die Überreste des imperialen Erbes und die ersten Vorzeichen der Moderne, und davor dann die sehr nüchterne, schlichte Bauweise der Zweiten Republik in der Wiederaufbauphase. Beide Architekturen widerspiegeln einfach die kulturpolitischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse."

Wenig Hintergrundinformation am Friedhof

Diese Gegensätze werden am Zentralfriedhof nicht in dieser Form vermittelt. Technisch ist man schon ziemlich weit. Es gibt neben den Führungen auch Audio Guides und eine "ARtours-App", mit der die einzelnen Monumente vor Ort per Smartphone angesteuert werden können. In den Texten wird aber hauptsächlich biografische Information geliefert, wenig Hintergrund. In dem auch Online verfügbaren "Ehrengräberbuch" wird etwa Lueger als "Volkstribun von faszinierender Wirkung" bezeichnet. Für Rathkolb ist das "ein lexikalischer Eintrag, der der Bedeutung und der Ambivalenz Luegers einfach nicht entspricht. Ich hoffe, dass das nicht von einem internationalen Publikum wahrgenommen wird."

Bei den Friedhöfen Wien beruft man sich darauf, dass es bei einer Anzahl von 1.900 Ehrengräbern in ganz Wien derzeit nicht zu bewältigen sei, alle Gräber neu zu recherchieren. "Das Ehrengräberbuch wird jährlich überarbeitet", sagt Sprecher Florian Keusch. "Dass man bei umstrittenen Personen an den Texten arbeitet, ist eine Überlegung wert. Da wären wir aber auf Hinweise angewiesen."

Kreuze vor den Namen

Im Text zu Kurt Waldheim wird trotz der Kürze auf die "Waldheim-Affäre" und seine "Haltung in der NS-Zeit" hingewiesen. Zur Präsidentengruft gibt es im "Ehrengräberbuch" aber keinen eigenen Eintrag.

Auch die Gruft selbst zeigt sich, ihrem zurückhaltenden Stil entsprechend, verschwiegen. Auf ihr ist keine feierliche Inschrift zu finden, keinerlei pathetische Worte. Nur Kreuze vor manchen der in eisernen Versalien geschriebenen Präsidentennamen geben Zeugnis von Hintergründen. Kirchschläger wünschte sich das als Hinweis auf seinen christlichen Glauben. Die Familien Klestils und Waldheims haben laut der Präsidentschaftskanzlei gebeten, sich daran zu orientieren.

Ein republikanisches Gegenstück zur Kapuzinergruft

KURIER: Es gibt auch in präsidial geprägten Demokratien wie den USA oder Frankreich nichts, das mit der Präsidentengruft vergleichbar wäre. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das in Österreich so gelöst worden ist?

Oliver Rathkolb: Das hängt damit zusammen, dass man versucht hat, ein republikanisches Gegenstück zur Kapuzinergruft der Habsburger in Wien zu schaffen, um diese Konstruktion einer kleinstaatlichen österreichischen Identität zu stärken und die wichtige geschichtspolitische Ebene von Friedhöfen zu nützen. Genau in diese Richtung geht das. Und es dürfte, da gibt es leider keine Literatur darüber, auch schon erste Kontakte mit Renner selbst gegeben haben. Renner hat schon 1919 und noch einmal nach 1945 die Idee eines Republiksmuseums entwickelt und konkret in der Hofburg gestaltet. Er war jemand, der in Kategorien der identitätstiftenden, symbolischen Maßnahmen gedacht hat, und dazu gehört diese erst posthum, nach dem Tod Renners gebaute und 1952 fertiggestellte Grabanlage für die Bundespräsidenten.

Renner war also federführend in die Planung involviert?

Das weiß man nicht so genau. Aber es gab offensichtlich Gespräche. Es gibt auch diese Überlieferung, dass er gesagt hat: Ja, ihr könnt so etwas machen, aber nur, wenn meine Frau auch hineinkommt. Und deswegen liegen auch die jeweiligen Gattinnen am Zentralfriedhof in dieser Gruft, Mit Ausnahme Körners, der zwar in einer Lebensgemeinschaft war, aber nicht verheiratet.

Erst nach dem Tod Renners wurde mit dem Bau begonnen …

Es gab eine provisorische Grablegung 1951 und dann erst am Allerseelentag 1952 wurde diese Anlage eröffnet, die aus verschiedenen Granitelementen aus Oberösterreich und Marmor aus der Wachau besteht, und auch von einem Beamten einer Magistratsabteilung designt wurde.

War die Idee von Anfang an vorhanden, alle Nachfolger Renner dort zu beerdigen?

Das kann ich nicht genau sagen. Ursprünglich stand nur der Name Renners am Sarkophag. Alle anderen Namen wurden auf den Platten, die den Zugang zur Gruft abschließen, angebracht. Ich nehme schon an, alles andere wäre unlogisch.

Friedhofsführer haben mir erzählt, sie werden oft gefragt, warum die verstorbene frühere Gattin von Thomas Klestil nicht dort beerdigt ist.

Ich glaube, das wollte die Familie nicht. Wenn die Familie keinen Antrag stellt, geht es nicht automatisch. Es ist natürlich eine pikante Geschichte, die aber heute den statistischen Wahrscheinlichkeiten entspricht. Dass es dann zwei Gattinnen gibt, die dort beerdigt werden, war so nicht vorgesehen.

Zurück zur Gründungsidee der Gruft: Geht es um bewusste Abgrenzung zur Habsburgermonarchie?

Ja natürlich. Um einen republikanischen Erinnerungsort zu schaffen. Für die Bundeshymne gab es einen eigenen Wettbewerb, sowohl für die Melodie als auch für den Text, also die klassischen identitätstiftenden Elemente. Die Sozialdemokraten wollten die Melodie der Haydnhymne nicht mehr, da ging es primär um Abgrenzung zur Monarchie.

Man könnte es auch anders wenden: Dass die Präsidentengruft durch die Analogie zur Kapuzinergruft auch monarchische Züge trägt.

Nein, das sehe ich nicht. Also schauen Sie sich das an, und im Vergleich dazu die Kapuzinergruft, dann merken Sie: Das hat schon eine strenge und kühle Distanz. Und dass das kein Stararchitekt, sondern ein Beamter einer Magistratsabteilung gemacht hat, zeigt schon: Man wollte hier bewusst nicht dieses übersteigerte, imperiale Erbe der Kapuzinergruft reproduzieren. Da wollte man zwar etwas Großzügiges, aber doch Nüchternes, das die Kirche nicht zudecken sollte. Es trägt, wenn man so will, die Handschrift einer republikanischen Ästhetik.

Die Karl-Borromäus-Kirche dominiert das ganze Ensemble. Im Volksmund wird sie auch " karl-lueger-gedächtniskirche" genannt unter Lueger wurde die kirche geplant, er selbst auch in der unterkirche einem ziemlich großzügigen grabmal beerdigt. Es stellt sich die Frage, ob Lueger hier gewissermaßen sein eigenes Mausoleum geplant hat …

Der hat schon an seinem Mythos gebastelt, aber alles andere, was dazu gehört, geht dann automatisch, das braucht er dann nicht mehr selber zu gestalten. Die Planungen zur Kirche gehen ja weit vor seine Amtszeit zurück, Lueger hat aber die Grundsteinlegung vorgenommen.

Das hat die Stadt Wien dann in seinem Geiste fertiggestellt und gestaltet?

Genau, richtig. Ich denke, es ist auch gut so: Sie haben mit der Karl-Borromäus-Kirche die Überreste des imperialen Erbes und die ersten Vorzeichen der Moderne, und davor dann die sehr nüchterne, zurückhaltende, ich würde sogar sagen, schlichte Bauweise der Zweiten Republik in der Wiederaufbauphase. Beide Architekturen widerspiegeln einfach die kulturpolitischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse und das ist auch das Spannende daran.

Finden Sie, dass es gelungen ist, diesen Gegensatz zu zeigen?

Was mein ästhetisches Empfinden betrifft: Mir gefällt’s nicht. Aber das ist die Zweite Republik, so wurde wiederaufgebaut. Es gab damals ja hervorragende Architekten. Aber dass man hier keinen Wettbewerb für Spitzenarchitekten gemacht hat, wie man es heute machen würde, sondern einen Magistratsbeamten mit der Planung beauftragt hat, das war eben die Zeit. Und dazu muss man auch stehen, man hatte damals auch andere Sorgen und Probleme. Man darf auch nicht vergessen, der Wiederaufbau ist erst langsam in die Gänge gekommen, es gab noch sehr hohe Arbeitslosenraten, 1950 gab es noch riesige Streikbewegungen in Österreich, weil Löhne und Preise einfach so weit auseinander waren. Da war auch die Politik sehr vorsichtig, viel Geld in die Hand zu nehmen und mit einem übersteigerten Grabmal die Konstruktion einer Identität zu gefährden. Heute würde man sagen: Es war eine bewusste Low-Key-Maßnahme, einen Beamten zu beauftragen, da etwas zu machen.

Zurück zur Karl-Borromäus-Kirche: Um Lueger gab es ja in den letzten Jahren viel Aufregung, das ging bis zur Umbenennung des Dr. Karl-Lueger-Rings in Universitätsring. Warum war die "Lueger-Kirche" nie so prominent in der Diskussion?

Erstens heißt sie je nach Façon Karl-Borromäus-Kirche oder Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche. Also tut man sich da relativ leicht. Und viele Leute kriegen das gar nicht so schnell mit, dass es dort primär um Lueger geht. Es gehört einfach zu unserer Geschichte dazu. Mir ist es wichtiger, dass man weiß, wer Lueger war. Mit seinen Schattenseiten, seinen negativen, antisemitisch-rassistischen politischen Stellungnahmen und seiner Politik in diese Richtung. Man kann Geschichte nicht auslöschen, dazu müssen wir stehen. Das ist eben Teil dieser Endphase der Monarchie. Und ich finde es auch insofern spannend, weil Lueger am Beginn der Massenparteien steht. Und auch die Bundespräsidenten sind, wenn man so will, ein Produkt dieser politischen Kultur in der Zweiten Republik. Es war auch so typisch, dass man so etwas wie die Präsidentengruft, Anm.] in der Ersten Republik nicht gemacht hat, Miklas, der letzte Bundespräsident vor 1938, ist am Döblinger Friedhof begraben. Man hatte kein großes Interesse an einer kleinstaatlichen Identität, es gab den Anschlussgedanken, die Idee einer Republik Deutsch-Österreich. Und insofern finde ich hier einen Kontrapunkt durch die Zweite Republik, so ästhetisch kalt, nicht ansprechend, vom Material her. Aber es ist die Zweite Republik, wie sie leibt und lebt. In dem Versuch, mit den damaligen Mitteln dort anzuknüpfen, wo die Monarchie am erfolgreichsten war, nämlich in der Symbolpolitik und Identitätsstiftung um das Kaiserhaus. Dennoch ist es, wenn Sie so wollen, das totale republikanische ästhetische Kontrastprogramm – auch zur Kirche.

Worin liegt die identitätsstiftende Wirkung von Friedhöfen?

Am Zentralfriedhof ist der Topos Musikstadt Wien ganz stark repräsentiert. Was nicht so stark rüberkommt, eher bei Touristen als bei Wienern, ist diese unglaubliche Innovationskraft der großen Unternehmerfamilien vor 1914, die sich in großartig gestalteten Gräbern manifestiert, wenn man dann auf den jüdischen Friedhof geht, sieht man das dann noch einmal ganz stark. Es ist schon der Überrest des Glanzes der Monarchie im Bereich Wirtschaft, Kultur, Politik, mit Ausnahme der imperialen-aristokratischen Ebene, und dann merkt man auch, dass die Republik und die Stadt Wien mit Ehrengräbern nachzieht. Es sind auch die meisten Bundeskanzler, mit Ausnahme von Fred Sinowatz, Josef Klaus und Alfons Gorbach, in der Nähe zur Präsidentengruft beerdigt. Kreiskys Grab befindet sich in unmittelbarer Nähe. Also man merkt, dass man da doch versucht, einen neuen Anlauf zu nehmen, und dort, wo die Monarchie 1918 aufgehört hat, nach 1945 doch wieder stark einzugreifen.

Was sagen Sie zu der Regelung, dass Staatsbegräbnisse nur für Bundespräsidenten und Bundeskanzler vorgesehen sind, die im Amt verstorben sind?

Ich finde das kleinkariert und bürokratisch. Ich hab das bei Kreisky ab 1984 aus nächster Nähe erlebt, der sich auch im Alter 24 Stunden mit Politik zum Wohle der Menschen beschäftigt hat und nie wirklich loslassen konnte. Und dass man da noch einmal Reverenz erweist, weil es ja auch ums öffentliche Wohl geht, finde ich schon in Ordnung. Dass man dann Unterschiede macht zwischen im Amt verstorben oder nicht, das ist ein bisschen kleinkariert, aber das ist auch Österreich. Aber bis auf Josef Klaus, der dies ablehnte, erhielten alle Bundeskanzler der Zweiten Republik ein Staatsbegräbnis.

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