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Allerheiligen
10/31/2012

Arbeiten mit dem Tod

Allerheiligen: Was hält Menschen am Leben, die regelmäßig mit dem Tod zu tun haben? Eine Reportage, die Mut machen soll.

von Uwe Mauch

Herzstillstand im Arm der Mutter! Das Leben des Mädchens hing in diesem Augenblick an einem zarten Faden. Eigentlich war sie schon tot, bevor ihr noch die Eltern einen Namen geben konnten. Dabei war sie erst zwei Stunden auf der Welt. Doch dann holten sie eine Krankenschwester, die um ihr Leben lief, und eine beherzte Ärztin, die um ihr Leben rang, wieder zurück.

"Heute noch kommt uns die Familie besuchen", sagt Klaudia Graf-Rohrmeister. Sie ist seit zwanzig Jahren Ärztin, heute eine erfahrene wie anerkannte Fachärztin für Neonatologie in der Wiener Semmelweis-Klinik.

Die Demut

Sie begleitet winzige Geschöpfe, die früh, oft zu früh zur Welt kommen. Sie hat in ihrem Beruf dem Tod oft ins Auge geblickt. Sie hat ihn auch in Händen gehalten: "Als junge Ärztin hätte ich mir das nie erlaubt. Aber wenn es heute sein muss, dann schäme ich mich nicht, dann weine ich gemeinsam mit den Eltern."

Was bleibt, ist die Demut. Demut, dass sie Mutter einer gesunden Tochter ist. Demut, dass sie ihren Traumberuf ausüben darf. Demut auch für diese Einsicht: "Ja, ich kann als Ärztin alles richtig machen. Aber die Entscheidung, ob es gut oder nicht gut ausgeht, liegt nicht in meiner Hand." Eine traurige Erkenntnis: "Denn ganz ehrlich, mein Herz akzeptiert den Tod nicht."

Der Abschied

Auch Christian Schertler hat in seinem Beruf täglich mit dem Tod zu tun. Er ist seit bald einem Vierteljahrhundert Totengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof. Jeden Tag werden hier, auf dieser riesigen Ruhestätte am East End von Wien, in Simmering, von ihm und dreißig Kollegen bis zu zwanzig Verstorbene unter die Erde gebracht. "Ich rede mir immer ein, dass in den Särgen ältere Leute drinnen sind, die schon ein längeres Leben hinter sich haben", gibt Schertler zu. Nur beim Anblick eines kürzeren, eines Kindersarges, da kann sich auch ein Totengräber nicht viel vormachen.

Heute sieht er das Leben und das Lebensende auch noch mit anderen Augen. Im Februar musste er sich auf dem Friedhof, der sein Arbeitsplatz ist, von seinem jüngeren Sohn verabschieden. Für immer. Nach fünf Jahren zwischen Hoffen und Bangen, nach einem heldenhaften Sieg über den einen hat der Sohn mit 25 seinen beherzten Kampf gegen den anderen Krebs verloren.

"Als Totengräber weiß ich, dass der Tod zum Leben gehört", sagt Christian Schertler. "Aber als Vater ist das anders. Da wollte ich den Tod bis zum Schluss nicht wahrhaben." Stille in Simmering. Totenstille fast. Auch Totengräber dürfen weinen.

Heilt die Zeit die Wunden? Weiterhin als Vater, nicht als Totengräber schüttelt er den Kopf: "Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen. Ich kann nur jedem raten, das Leben bewusst zu leben. Es kann so schnell gehen."

Was ihn am Leben hält: "Diese fünf Jahre mit unserem Sohn, sie waren die intensivsten, härtesten, wichtigsten für uns als Familie."

Das Echo

Ist das Grab einmal geschaufelt, dann kommt er. Michael Jankowitsch ist einer von 45 Begräbnissängern in Wien. Der ausgebildete Tenor hat in den vergangenen zwanzig Jahren bei mehr als 12.000 Begräbnissen gesungen. "Dabei habe ich – um ehrlich zu sein – mehr mit den Lebenden zu tun als mit den Toten."

Egal, ob er im Musikverein vor sorglos gestimmtem Publikum auftritt oder auf dem Friedhof vor einer Trauergesellschaft – jeden Auftritt nimmt Jankowitsch ernst: "Ich versuche immer, möglichst gut zu musizieren."

Auf die Frage, wo es schwieriger ist, sagt der Sänger: "Der Unterschied ist das Echo. Den einen will man Freude bereiten, den anderen Leid abnehmen." Ja, und vermutlich ist doch der Friedhof die schwierigere Bühne: "Oft kämpfen auch wir mit den Tränen. Weil wenn die Emotion hochkommt, geht die Nase zu, und die Schleimhäute öffnen sich, dann bekommst du kaum mehr einen Ton raus."

Aus den Begegnungen mit den Lebenden hat der Sänger auch für sich eine Lehre gezogen: "Man muss sich von den Menschen, die einem wichtig sind, rechtzeitig verabschieden. Wenn sie tot sind, dann ist es zu spät."

Das Loslassen

Am Ende dieses Tages noch einmal der schmale Grat zwischen Leben und Tod: Auch der Internist, Intensivmediziner und Chefarzt vom Roten Kreuz, Wolfgang Schreiber, kennt ihn. Von seiner täglichen Arbeit im Wiener AKH, vor allem von seinen regelmäßigen Einsätzen mit dem Notarztwagen und einem Rettungshubschrauber.

Was er in bald dreißig Jahren als Arzt über das Leben gelernt hat, wird nicht von allen Kollegen geteilt: "Es gibt auch Einsätze, da ist es besser, man trennt sich von dem Gedanken der Unsterblichkeit, da muss man auch loslassen können." Er sagt das keineswegs leichtfertig: "Ich habe mich oft gefragt, wie das für mich selbst wäre. Ich habe ehrlich gesagt keine fixe Antwort darauf, aber ich glaube, dass ich auch eine Demut vor dem Tod habe."

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