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Politik | Inland
04/04/2015

Neuerscheinung zum Fall Borodajkewycz

Wie brutal die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit in Österreich begann

Am 31. März 1965 wird bei einer antifaschistischen Demo gegen den antisemitischen Uni-Professor Taras Borodajkewycz in Wien der Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger vom rechtsextremen Studenten Günther Kümel tödlich verletzt. Diese Tragödie mit dem ersten politischen Todesopfer nach dem 2. Weltkrieg hatte eine Vorgeschichte: Der Student Ferdinand Lacina notierte in der Vorlesung an der Hochschule für Welthandel Borodajkewycz’ antisemitische und nationalsozialistische Aussagen. SPÖ-Mitarbeiter Heinz Fischer kritisierte daraufhin den Professor und ÖVP-Protegé in diversen Artikeln. Borodajkewycz klagte Fischer und bekam recht.

Der Journalist Oscar Bronner begann, die NS-Vergangenheit und Rechtslastigkeit von Richtern und Staatsanwälten zu recherchieren, mit erschütternden Ergebnissen. Das beschreibt Historiker Rafael Kropiunigg im Buch "Eine österreichische Affäre". Lesenswert ist vor allem der Teil "Medien". Kropiunigg hebt die Haltung des KURIER und die kritischen Kommentare seines damaligen Chefredakteurs Hugo Portisch hervor. "Portisch, einer der bekanntesten Journalisten des Landes und überzeugter Antifaschist, erklärte Borodajkewycz den Krieg".

Portisch bemühte sich, das kritische Potenzial zugunsten der Vergangenheitsbewältigung zu nutzen. Es war der Versuch, sich von der "Schlussstrich-Mentalität" zu verabschieden. Diese Haltung gegen Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus brachte dem KURIER, schreibt der Autor, viele zusätzliche Leser.

Kropiunigg, Rafael: Eine österreichische Affäre. Der Fall Borodajkewycz. Wien 2015, Czernin-Verlag, 119 Seiten,17,90 Euro