© Getty Images/iStockphoto/Enes Evren/iStockphoto

Politik Inland
12/29/2021

Bonus fürs Impfen: Was die Geld-Spritze nützt - und welche Nebenwirkungen es gibt

Jetzt soll es 500 Euro Prämie für Geimpfte geben, bevor die Impfpflicht mit Strafen kommt. Die Idee ist nicht unumstritten, ein Experte warnt: Menschen könnten sich daran gewöhnen oder gar misstrauisch werden.

von Raffaela Lindorfer

Es wurde ja schon einiges versucht: Es gab Impf-Lotterien und Impf-Tombolas, eine „lange Nacht des Impfens“, eine Impf-Aktion bei einem Rockkonzert. Geimpft wurde schon in Supermärkten, in Booten, Bussen, Bädern, im Stephansdom und in einem Wiener Bordell (sogar mit Gutschein). Bier und Würstel, Tee und Wurstsemmeln gab es als Draufgabe zum Stich.

Das alles half zwar – aber zu wenig. Nach mehr als einem Jahr Impfkampagne haben erst 74 Prozent der impfbaren Bevölkerung ein aktives Zertifikat.

Die SPÖ ließ mit einem Vorschlag aufhorchen: Ein Gutschein über 500 Euro für jeden, der zum Impfziel von 90 Prozent beiträgt – einzulösen bei einem heimischen Betrieb. Die rund vier Milliarden Euro, die die Aktion kosten dürfte, sollen teilweise über die Mehrwertsteuer zurück in die Staatskasse fließen (mehr dazu hier). 

SPÖ-Parteichefin Pamela Rendi-Wagner will mit der Aktion noch einmal auf positive Anreize setzen, bevor ab 1. Februar die Impfpflicht mitsamt Strafen kommt. Derzeit sei die Impfdebatte zu negativ, zu sehr auf das Strafen fokussiert, sagt sie. Die Idee hat die SPÖ übrigens schon vor knapp drei Wochen präsentiert, die positive Resonanz kam diesen Mittwoch.

Bundeskanzler Karl Nehammer sagt, er hält es für einen „sehr guten Zugang“, auf positive Art zur Impfung zu motivieren. Ähnlich argumentieren ÖVP-Innenminister Gerhard Karner und andere ÖVP-Vertreter. Etwas zurückhaltender reagieren die Grünen: Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein sagt, es dürfe „keine Denkverbote“ geben, es werde weiterhin über verschiedenste Lösungen diskutiert.

Wirtschaftskammer und Handelsverband machen darauf aufmerksam, dass sie die Idee bereits im Juli hatten, WKO-Präsident Harald Mahrer freut sich, wenn sie „endlich aufgegriffen wird“.

ELGA-Geschäftsführer Franz Leisch zeigt gleich auf und bietet an, die Verteilung der Gutscheine über ELGA abzuwickeln. Die Gutscheine könnten, ähnlich wie die mittlerweile eingestellten Wohnzimmertests, in den Apotheken abgeholt werden.

Gegen die Idee ist – wenig überraschend – die FPÖ. „Die Menschen brauchen weder Zuckerbrot noch Peitsche – weder Gutscheine noch Zwang“, sagt Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch.

Idee hat Potenzial …

Noch einmal auf den Punkt gebracht: Die Menschen sollen dafür beschenkt werden, an einer Aktion teilzunehmen, die seit mehr als einem Jahr kostenlos und frei verfügbar ist, und die sie noch dazu vor einem tödlichen Virus schützt. Wie sinnvoll ist das?

Verhaltensökonom Florian Spitzer, der sich mit dem Prinzip des „nudging“ (zu Deutsch: anstupsen, anregen) auskennt, sieht in der Idee durchaus Potenzial: „Natürlich wäre es besser gewesen, man setzt gleich eine gute Impfkampagne auf. Aber nachdem man das bisher nicht geschafft hat, und jetzt die Impfpflicht kommt – mitsamt der zu erwartenden Verwerfungen – kann es sich positiv auswirken, wenn man die Menschen noch mit finanziellen Anreizen zum Impfen bringt, bevor sie finanziell gestraft werden.“

… aber Nebenwirkungen

Der Nudging-Experte warnt aber vor drei möglichen Nebeneffekten: Erstens könnten sich die Menschen daran gewöhnen und sich bei der nächsten Auffrischung – dem vierten, fünften oder sechsten Stich – wieder eine Prämie erwarten.

Zweitens könnten die Zögerlichen eine Strategie entwickeln: „Wenn ich jetzt die Erfahrung mache, dass es sich für mich auszahlt, abzuwarten, dann warte ich beim nächsten Mal wieder bis zum letzten Drücker“, schildert Spitzer den Gedankengang.

Drittens könnten die Menschen misstrauisch werden, also das Gefühl bekommen: „Wenn man mich sogar dafür bezahlt, mich impfen zu lassen, dann stimmt doch wohl etwas nicht damit.“

Im Detail sieht der SPÖ-Plan so aus: Der Bonus soll erst dann ausgeschüttet werden, wenn die 90-Prozent-Quote geknackt ist; und es sollen ihn nur jene bekommen, die einen dritten Stich vorweisen können.

Der Verhaltensökonom findet es positiv, wenn das gemeinsame Ziel in den Mittelpunkt gestellt wird. Was dann allerdings fehlt, sei der unmittelbare Anreiz, der das Nudging so erfolgreich macht: Für einen derzeit noch Ungeimpften dauert es Monate, bevor er den dritten Stich bekommt und sich damit für die Geldspritze qualifiziert.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.