Grüne und Biogasverband warnen vor Pleitewelle in Österreich
Biogas-Pressekonferenz: Johannes Hauptmann, Lukas Hammer, Matthäus Gollackner
Was neben den jahrelangen Debatten rund um Ökostromanlagen vergessen wird, ist eine Möglichkeit einer weiteren klimaneutralen Energiequelle aus Österreich: Biogas. Das fristet aber seit jeher ein tristes Dasein.
Zur Einordnung: Im Vorjahr verbrauchte Österreich etwa 80,9 Terawattstunden (TWh) Erdgas. Nur ein winzig kleiner Teil von 0,2 TWh Biogas wird derzeit in Österreich, vor allem von Landwirten, erzeugt. Aus Abfall wie Gras oder abgelaufenen Futtermittel.
Im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz haben Lukas Hammer, Energiesprecher der Grünen, der Landwirt und Biogas-Anlagenbetreiber Matthäus Gollackner und Johannes Hauptmann, Obmann des Kompost- und Biogasverbandes, der Bundesregierung am Dienstag akute Untätigkeit vorgeworfen. Das seit langem angekündigte Erneuerbare-Gas-Gesetz (EGG) – auch als „Grüngasgesetz“ bekannt – befinde sich trotz früherer Versprechen weiterhin in der Warteschleife. Die Branche warnt nun eindringlich vor einer drohenden Pleitewelle heimischer Biogasanlagen, sollte nicht bald ein Gesetz beschlossen werden.
Angekündigt, aber nicht geliefert
Ursprünglich hatte der zuständige Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) die Vorlage des Gesetzes für Sommer 2025 in Aussicht gestellt. Ein Jahr nach Ablauf dieser Frist liegt jedoch noch immer kein konkreter Begutachtungsentwurf vor.
Hintergrund sind schlicht die Mehrkosten für Biogas im Vergleich zu Erdgas, und wie diese Mehrkosten abgefangen werden sollen. Biogas ist etwa vier Mal so teuer wie Erdgas. Weder die WKÖ noch die Industrie sind erfreut darüber, noch mehr für die Energie ausgeben zu müssen. Dazu muss man anmerken, dass die Bundesregierung auf Wasserstoff setzen will - und dieser ist derzeit mehr als doppelt so teuer wie Biogas.
"Grob fahrlässig"
Hammer kritisierte das Vorgehen der Koalition scharf und bezeichnete die Verzögerung angesichts der anhaltenden fossilen Energiekrise – Stichwort Straßenblockade von Hormus - als „grob fahrlässig“. Obwohl sich ÖVP, SPÖ und NEOS im Regierungsprogramm das gemeinsame Ziel gesetzt hatten, die heimische, klimafreundliche Biogasproduktion bis zum Jahr 2030 auf 6,5 Terawattstunden (TWh) auszubauen, fehle bis heute der gesetzliche Fahrplan, wie diese Vorgabe erreicht werden soll. Österreich bleibe damit weiterhin stark von fossilen Energieimporten, insbesondere von Erdgas, abhängig. Das Gas kommt derzeit als Fracking-Gas, dass dann gekühlt und somit verflüssigt wird, vor allem aus den USA.
Die Biogasproduktion hat in Österreich eine jahrzehntelange Tradition. Bereits im Jahr 2005 ging in Oberösterreich die erste Biomethan-Einspeiseanlage Mitteleuropas in Betrieb. Aktuell erzeugen rund 15 Großanlagen circa 200 Gigawattstunden (GWh) grünes Gas pro Jahr. Laut Johannes Hauptmann schöpft dies das eigentliche Potenzial des Landes bei weitem nicht aus.
Experten beziffern das theoretisch nutzbare Gesamtpotenzial in Österreich auf bis zu 20 Terawattstunden, was nicht nur zur Energieunabhängigkeit beitragen, sondern auch tausende Arbeitsplätze sichern und eine Wertschöpfung im Milliardenbereich generieren könnte.
Was der Branche jedoch fehlt, sind verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen, ähnlich wie sie mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) bereits erfolgreich für den Stromsektor geschaffen wurden. Die Technologie sei ausgereift, Investoren stünden bereit, würden jedoch durch das gesetzliche Vakuum blockiert.
Betreiber vor dem Ruin: Ein Praxisbeispiel
Wie akut die Situation für bestehende Betriebe ist, schildert der Anlagenbetreiber Matthäus Gollackner. Seine Biogasanlage, die seit 2005 Ökostrom aus Gülle und Restgrünland erzeugt und rund 30 Haushalte sowie öffentliche Gebäude mit Nahwärme versorgt, wurde über die Jahre kontinuierlich erweitert. Im Vertrauen auf das in Aussicht gestellte Erneuerbares-Gas-Gesetz investierte der Betrieb noch im Jahr 2023 massiv in die Modernisierung der Gasaufbereitungsanlage, um sie auf den neuesten Stand der Technik zu bringen.
Da das Gesetz im Ministerrat jedoch blockiert wurde und rechtliche Vorgaben fehlen, wurden bestehende Abnahmeverträge für das Biogas nicht verlängert. Gollackner warnt stellvertretend für viele Kollegen: „Diese politische Untätigkeit treibt uns Anlagenbetreiber in den Ruin!“ Ohne eine Anschlussregelung stehen etablierte Betriebe vor existentiellen Herausforderungen.
Forderung an Bundesregierung
Am Ende der Pressekonferenz richteten Hammer, Hauptmann und Gollackner einen dringenden Appell an die Bundesregierung, das Erneuerbares-Gas-Gesetz unverzüglich und ohne weitere Verzögerungen vorzulegen. Dies sei nicht nur im Sinne der heimischen Wirtschaft und der betroffenen Unternehmen, sondern auch eine Notwendigkeit, um die Kunden vor fossilen Preissprüngen zu schützen und die strategische Energieunabhängigkeit Österreichs abzusichern.
Innerhalb der ÖVP-SPÖ-Neos-Regierung soll seit einigen Wochen ein erster koalitionsinterner Entwurf vorliegen, allerdings nur mit einem Ausbauplan von einer Terawattstunde bis 2030. Damit dürften die Pläne aus dem Regierungsprogramm, eine Biogasindustrie mit 6,5 TWh jährlich, wieder Makulatur sein.
Kommentare