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Klima-Aktivistin Rogenhofer: "In China sitzen ja keine Ober-Ökos"

Die Klimaaktivistin über das Ende von Fridays for Future, warum die Spritpreisbremse einer Symptombekämpfung gleicht, und wofür sie Ex-FDP-Chef Christian Lindner dankbar ist.
Eine Frau mit rötlichem, lockigem Haar und einem hellen Oberteil sitzt vor einem grauen, gestreiften Hintergrund.

Die Vorständin des Kontext Instituts für Klimafragen sieht in Speichertechnologien einen Zukunftsmarkt für Europas Industrie.

KURIER: Wie finanziert sich das Kontext Institut für Klimafragen?

Katharina Rogenhofer: Durch private Spenden und Forschungsförderung. Politisch sind wir unabhängig. Wir nehmen keine Gelder von Parteien und machen keine Auftragsforschung. 

Von "Fridays for Future", die Sie in Österreich mitbegründet haben, ist keine Rede mehr. Haben das Klima-Thema wie die Klima-Kleber keine Konjunktur mehr?

Die Pandemie hatte Einfluss auf das Ende von Fridays for Future, weil es sich größtenteils um eine Schülerbewegung gehandelt hat und Menschen nicht mehr auf die Straße gehen durften. Das Bewusstsein für Klimaschutz ist da – es ist nur von der Oberfläche der Debatte verschwunden. So, als hätte man einen Kochtopf, auf dem sich unten Blasen bilden, bevor es zu kochen beginnt. Man sieht das Potenzial jetzt nicht mehr auf der Straße, aber es ist da – in Institutionen und Unternehmen.

Die EU will die CO2-Emissionen bis 2040 um 90 % senken. Was soll das bringen, wenn sich die USA und China nicht daran halten – außer Wettbewerbsnachteilen?

Ich bin genau gegenteiliger Meinung. Wenn wir weiterhin den Zug der Ökologisierung verpassen, werden wir in die industrielle Bedeutungslosigkeit abrutschen. Das haben wir schon bei der E-Mobilität gesehen. E-Autos werden jetzt in China produziert. Und auch PV-Anlagen stammen großteils aus China, obwohl sie in Deutschland aufgekommen sind. Das Innovationspotenzial, das wir in den letzten Jahren gezeigt haben, das fließt 1:1 ab. Und die Automobilindustrie in Europa schwankt nicht, weil wir so ambitionierte Klimaziele haben, sondern weil China keine Verbrenner mehr kauft. Zukunftstechnologien wie Wärmepumpen, Speicher, PV-Anlagen und E-Autos verzeichnen ein exponentielles Wachstum. Viele sagen: Wir dürfen im Klimabereich nichts machen, weil sonst unsere Industrie ächzt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir jetzt nichts machen, dann werden wir in der Welt von morgen keine Rolle mehr spielen. 

Wenn die Industrie nicht grüner wird, dann haben wir keine Chance am Weltmarkt?

Ganz sicher! In China sitzen ja keine Ober-Ökos am Steuer, sondern sehr gut rechnende Menschen, die sich die Märkte anschauen. 

Greta Thunberg

Greta Thunberg

Ist es für Europas Auto-Hersteller nicht schon zu spät?

Wir sind tatsächlich schon überrundet worden in diesem Bereich. Wenn die Politik ihren Zick-Zack-Kurs endlich beendet, dann kann es in Europa aber noch in die richtige Richtung gehen. Viele Autoteile, gerade in der Zulieferindustrie, werden weiter verbaut werden – egal ob in einem Verbrenner- oder einem E-Auto. Viel wichtiger ist: Finden wir Bereiche, wo wir vorne sein können? 

Wo können wir vorne sein? 

Gerade in der Batterietechnologien ist China auch schon abgezogen. Lithiumbatterien sind die gängigen Akkus. Aber: Wenn wir es hinkriegen, Batterien ohne kritische Rohstoffe zu erzeugen, wäre das ein Feld, wo Europa wirklich groß werden könnte. Auch bei Wärmepumpen und Windrädern ist das Rennen noch nicht beendet.

Sie können Technologieoffenheit beim Auto gar nichts abgewinnen?

In der Forschung brauchen wir Technologieoffenheit – zum Beispiel in der Speichertechnologie. Aber gegen jede Vernunft auf unterlegene Technologien zu setzen ist ein Irrweg. Während E-Fuels Autos nur 13 Prozent der zugeführten Energie nutzen können, sind es bei E-Autos 80. 

Funktioniert der Umstieg auf Erneuerbare Energie oder klimafreundliches Verhalten nur durch Förderungen oder Sanktionen?

Wir machen ja beides nicht. Es ist eine paradoxe Situation: Heuer haben wir 1,36 Milliarden Euro für Klima- und Umweltausgaben budgetiert. Im gleichen Jahr geben wir 5,7 Milliarden Euro für klimaschädliche Förderungen aus. Das ist Steuergeld.  Das Dienstwagen-Privileg könnte man beispielsweise abschaffen und die Pendlerpauschale reformieren. Das Geld könnte viel klüger eingesetzt werden. 

Inwiefern?

In Litauen wurden nach dem Öl-Preisschocks zum Beispiel die Öffi-Ticketpreise halbiert. Man könnte Pendler-Pauschale und Pendler-Euro zusammenlegen und in ein generelles Mobilitätsbudget umwandeln. Gerade Menschen, die in Mobilitätsarmut leben, würde das mehr bringen als eine Pendlerpauschale.

Aber was machen die Menschen, die auf‘s Auto angewiesen sind? 

Sie haben Recht, in Städten gibt es viel mehr  Möglichkeiten. Wenn ich aber die Öffis nicht vor der Tür habe, wenn kein Zug oder Bus fährt, dann ist es auch Aufgabe der Gemeinde Alternativen zu bieten. Für die letzte Meile gibt es viele Möglichkeiten wie Rufbusse, Sammeltaxis oder auch Carsharing. Da muss man einfach kreativ werden. Als Staat kann man mit zwei Sachen arbeiten: Entweder ich fördere das Verhalten, das ich sehen will, wie zum Beispiel leistbare Tickets oder ich mache es ordnungspolitisch. 

Womit wir bei der Spritpreisbremse sind. Hilft diese à la longue gegen hohe Spritpreise und Mobilitätsarmut?

Wenn wir uns langfristig vor hohen Energiekosten retten wollen, dann brauchen wir keine kurzfristigen Symptombekämpfungen, sondern Umsteuern. Wir müssen weg von Öl und Gas. Wir geben jedes Jahr rund acht bis zehn Milliarden für den Import fossiler Treibstoffe aus. Das Ziel der Regierung müsste es sein, diese Milliarden vor Ort zu investieren und die Wertschöpfung im Land zu behalten. Dann profitieren tatsächlich Leute wie der Elektriker, der die Photovoltaikanlage aufs Dach baut oder jene, die den Heizkessel austauschen oder den Fahrradweg bauen. Ziel muss sein, uns mittel- bis langfristig aus der Öl- und Gasabhängigkeit zu befreien. 

Windrad

Wie soll das kurzfristig gehen?

Es gibt andere Wege, um Sprit zu sparen. Ich weiß, Dinge wie Tempo 100 sind nicht beliebt, aber wir haben in den Ölpreiskrisen der Vergangenheit gesehen, dass Tempolimits durchaus wirkungsvoll sind. 

Wie kann der Umstieg auf Erneuerbare Energien konkret aussehen?

Wir müssen elektrifizieren, damit Strom die Antriebskraft für alles werden kann. Das heißt zum Beispiel ein Verbrennerauto mit einem E-Auto und  die Öl- und Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen. Und dann müssen wir diesen Strom erneuerbar und heimisch produzieren. Das geht sich tatsächlich aus, wenn wir die Industrie mitnehmen. Auch dort sind Strom, aber auch Wasserstoff, die Lösung. Und da kann man dann so weit runterkommen, dass man die letzten CO2-Emissionen, die kann nicht vermieden werden können – das sind um die fünf bis allerhöchstens zehn Prozent – natürlich aus der Luft holt, etwa durch Wälder oder Moore, die das CO2 speichern. Stichwort Renaturierung. 

Erneuerbare - Ausbau

Windkraft sorgt für viele Kontroversen. Windkraftgegner führen u. a. den Infraschall ins Treffen.

Infraschall gibt es nicht über die Maße, die wirklich Auswirkungen auf die Menschen hat. Mit Greifvögeln gibt es tatsächlich immer wieder Kollisionen. Allerdings wird dieses Problem angegangen - mit Schallsignalen oder auch Abschaltungen, wenn ein Vogel in die Nähe der Schneise kommt. Ich bin Christian Lindner, dem ehemaligen FDP-Chef, für eine Sache sehr dankbar. Er hat von Windrädern als "Freiheitsenergien“ gesprochen. Das trifft’s: Windräder befreien uns von hohen Energiepreisen und von der Abhängigkeit von Diktaturen, die uns Öl und Gas liefern.

Was spricht für Windräder?

Eine durchschnittliche Gemeinde in Österreich könnte sich mit einem Windrad locker mit Strom versorgen. Photovoltaikanlagen produzieren Strom, wenn die Sonne scheint: besonders untertags und im Sommer. Bei Windrädern ist es genau umgekehrt. Die produzieren mehr in der Nacht und im Winter. Wenn man beides klug miteinander ausbaut, dann hat man die Grundlast relativ gut bereitgestellt. Was wir dann noch brauchen, sind Speicher, um die Energie dort zu speichern, wo wir sie auch brauchen: vor Ort.

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