Die Defizite unseres Bildungssystems sind bekannt, der Weg aus der Misere ist es noch nicht. Versprochen wird eine Reform, die Schulleitung und Lehrer in die Pflicht nimmt

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Bildungsreform
11/16/2015

Der Plan für die Schule von morgen

Am Dienstag werden die Ergebnisse präsentiert. Was soll sich ändern? Wann ist es ein Erfolg?

von Ute Brühl, Bernhard Gaul

Am Dienstag will die Bundesregierung die in diesem Jahr zweite große Reform (nach der Steuerreform im März) präsentieren: Es geht um eine umfassende Schulreform und eine Schulverwaltungsreform. Was davon zu erwarten ist.

Warum eigentlich schon wieder eine Schulreform?

Weil es zu viele Defizite gibt. Sieben Prozent der Jugendlichen brechen die Schule oder Lehre ohne Abschluss ab. Die Arbeitslosenrate bei jenen nur mit Pflichtschulabschluss liegt bei 20,5 Prozent. Jeder fünfte 15-Jährige kann nicht sinnerfassend lesen. Bildungsarmut wird nach wie vor vererbt. Beim PISA-Test ist Österreich unterdurchschnittlich. Und es gibt zwar Tausende Schulversuche, aber keine wirkliche Reform – auch, weil die Koalition hier nie wirklich einig war und Schulgesetze im Verfassungsrang (Zweidrittelmehrheit mit den Grünen erforderlich) stehen.

Ist das Schulsystem zu teuer?

Laut OECD (Education at a Glance 2014) gibt Österreich je Schüler rund 11.000 Euro aus – das ist deutlich über dem OECD-Schnitt von 7500 Euro. Das Problem ist, dass niemand weiß, wie viel Geld im Klassenzimmer ankommt – das System ist völlig intransparent, beklagen alle Bildungsforscher und der Rechnungshof.

Wie soll die Bildung verbessert werden?

Es gibt einen Konsens, die Schulen selbst mehr in die Pflicht zu nehmen. Das Schlagwort heißt Schulautonomie: Am Schulstandort soll künftig mehr entschieden werden können, ohne viele Vorgaben von der Politik. Direktoren werden auf Zeit (fünf Jahre) bestellt, sie müssen der Schule ein klares Profil geben, können einfacher entscheiden, ob am Nachmittag unterrichtet werden soll oder ob zusätzlich Sozialarbeiter und Psychologen angestellt werden. An der Leistung der Schule – Bildungsstandard-Tests, Ergebnisse der Zentralmatura, etc. – wird der Schulleiter beurteilt. Davon hängt die Wiederbestellung ab.

Wie werden Schulen autonom?

Die Schulen sollen schrittweise in die Selbstständigkeit entlassen werden, das Ministerium muss für jeden Standort grünes Licht geben. Direktoren werden zu Managern weitergebildet. Ziel der Autonomie muss die Eigenverantwortung am Standort sein. Dafür sind zwei Dinge grundlegend: Der Direktor muss über ein globales Budget sowie über alle Lehrer bestimmen können. Beides ist nur in Ansätzen vorgesehen.

Erhalten Schulstandorte mit sozial schwierigem Umfeld mehr Ressourcen?

Kolportiert wird, dass Brennpunktschulen zehn Prozent zusätzliche Mittel bekommen sollen – z. B. für Sozialarbeiter oder Psychologen.

Was ändert sich für mein Kind in der Schule?

Zu hoffen ist, dass die Autonomie dazu führt, dass der Unterricht besser an die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes angepasst wird. Im Alltag bedeutet das, dass zwischen Öffnungs-, Unterrichts- und Betreuungszeiten unterschieden wird. Der Tagesablauf soll gelockert werden, etwa die erste Stunde mit einer betreuten Lern- und Vorbereitungszeit. In höheren Schulen soll ein Kurssystem den Interessen der Schüler mehr entgegenkommen. Das gibt es zum Teil schon, zum Teil in Form von Schulversuchen, zum Teil haben höhere Schulen jetzt schon die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen.

Was ändert sich für die Lehrer an den Schulen?

Die Leistung der Lehrer soll unter erhöhter Beobachtung durch den Schulleiter stehen. Die Testergebnisse ihrer Schüler werden mit dem Direktor besprochen, der notfalls auch Nachschulungen des Lehrers anordnen kann. Ob künftig auch Kündigungen möglich sein werden, ist derzeit sehr umstritten. Offen ist, ob es mehr Personal dafür geben wird. Denn ein Direktor an einer Schule mit 100 oder mehr Lehrern kann nicht mit jedem einzelnen Mitarbeitergespräche führen.

Was ändert sich für Eltern?

In einem zweiten Reformschritt sollen die Ergebnisse der einzelnen Schulen bei österreichischen Vergleichstests (Zentralmatura, Bildungsstandards) publik gemacht werden. Die Schulwahl wird somit viel wichtiger. Auf der anderen Seite sollen die Schulen durch einen Ausbau der ganztägigen Schulformen beziehungsweise langen Öffnungszeiten berufstätigen Eltern entgegen kommen.

Wird es weiter Kleinschulen geben?

Grundsätzlich schon, allerdings dürften solche Schulen zu größeren Verwaltungseinheiten zusammengefasst werden. So ist ein Direktor für mehrere Schulen verantwortlich. Solche Einheiten sollen zwischen 200 und 2500 Kinder umfassen.

Was ist noch offen?

Bis zuletzt verhandelte die Regierung erneut mit den Landeshauptleuten. Was ist noch offen?

Grundsätzlich ist noch nichts fix. Es gibt bei der pädagogischen Reform im Großen und Ganzen Konsens. Offen ist, wie die Schulverwaltung reformiert werden soll. Da geht es um viel Macht und viel Geld. Experten bekritteln seit Jahrzehnten die Intransparenz in der Landesschulverwaltung. Der Bund spricht von Einsparungen von 220 Millionen Euro, wenn er die ganze Schulverwaltung übernimmt, die (ÖVP-)Länder sagen, es sei um 20 Millionen Euro billiger, wenn sie alles verwalten. Sowohl Wifo-Forscher als auch Rechnungshof geben dem Bund recht. Jedenfalls verhindert die Intransparenz des Systems klare Antworten auf diese Frage.

Kindergärten & Co.

Die Frühkindpädagogik in den Kindergärten soll aufgewertet werden. Was kann man sich da erwarten?

Noch nicht so viel. Angeblich gescheitert ist der Versuch, den Kindergarten aus der Hand der Länder bzw. Gemeinden zum Bund zu verlagern. Vorerst wird es auch keine Akademisierung des Berufes geben, weil einerseits das Geld fehlt, akademisch ausgebildete Kindergärtner entsprechend zu bezahlen. Andererseits gibt es in Österreich gerade einmal eine halbe Professur für Elementarpädagogik in Tirol, eine Professur in Graz ist derzeit vakant. Die Schnittstelle Kindergarten/Volksschule soll dennoch aufgewertet werden. Ein Grund, warum die Pädagogischen Hochschulen sich schon mit dem Kindergarten befassen.

Wird die Gesamtschule kommen?

Darüber wurde bis zuletzt gestritten. Wien und Vorarlberg wollen flächendeckend die Gemeinsame Schule einführen. Die ÖVP will dem nur zustimmen, wenn dafür die Länder generell das Schulsystem nach eigenem Willen gestalten können. Der Bund will das nicht, aus Sorge vor neun unterschiedlichen Bildungssystemen.

Von welcher Seite ist mit Widerstand zu rechnen?

Wenn ein Schulstandort Ganztagsschule wird, werden bestimmt nicht alle Pädagogen glücklich sein. Die Gewerkschaft wird opponieren. Auch dass Bildungsergebnisse für jeden Standort veröffentlicht werden sollen, wird auf Widerstand stoßen. Bekannt ist der Widerstand der Länder, die ihre Macht über die Pädagogen nicht abgeben wollen. Und manche Eltern sind über die Gesamtschule unglücklich – sie fürchten eine Nivellierung nach unten. Nicht zuletzt war für die Wiener ÖVP das Festhalten am Gymnasium einer der Wahlkampfslogans.

Woran kann man den Erfolg der Reform messen?

Wenn sich die Bildungdaten verbessern, ist die Reform auf jeden Fall ein Erfolg. Allerdings würde das erst in vielen Jahren sichtbar sein. Und wenn alle Schulpartner – Schüler, Lehrer und Eltern – zufrieden sind. Das Problem, das sich jetzt schon abzeichnet: Schulen, die autonom agieren sollen, aber kein Geld zum Gestalten bekommen, können kaum erfolgreich sein. Immerhin sollen die Schulleiter drei Prozent der Lehrplanstellen in innovatives Unterstützungspersonal umwandeln können. Es muss sich zeigen, ob die Ministerin klare Ziele und Schritte auf dem Weg zur Autonomie definieren wird.

Und wann soll die Reform wirksam werden?

Bis zum Sommer sollen Gesetze verabschiedet werden. Sicher ist, dass über einzelne Gesetze noch heftig gestritten werden wird.

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