© Kurier/Gilbert Novy

Serie
01/23/2022

Besuch bei Van der Bellen: Hinter der Tapetentür mit Juli und Donald

In der Serie „Mein Büro“ besuchte der KURIER diesmal die Hofburg: Bundespräsident Alexander Van der Bellen erklärt, wer hier Staatsgeheimnisse hütet und was einen Hitzkopf sympathisch macht.

von Raffaela Lindorfer, Gilbert Novy, Dieter Frauenlob

Kaiser Joseph II ist hier drinnen gestorben, in seinem Arbeitszimmer. Eine wichtige Information über diesen Raum, sagt Alexander Van der Bellen – man hat ihm das gleich beim Einzug mitgeteilt. Warum das wichtig ist? Nun, alles in der Hofburg ist irgendwie historisch bedeutsam, sagt der Bundespräsident.

Wir befinden uns in seinem Büro im Leopoldinischen Trakt – hinter der berühmten roten Tapetentür des Maria-Theresien-Zimmers. Der Raum ist so bedeutsam, dass es schwierig war, ihn nach eigenem Geschmack und Bedarf zu gestalten, sagt Van der Bellen.

Zwei Gemälde mit Töchtern von Kaiserin Maria Theresia spannen sich fast über die ganze Breite des Raumes. An den anderen Wänden prangen Stuck und goldene Ornamente. Platz für ein eigenes Bild ist auf einem schmalen Streifen beim Fenster.

Das barocke Mobiliar mag gemütlich und einladend wirken – ist es aber nicht. An den üppig verzierten Tischen ist man nicht davor gefeit, dass Gold auf die Hose abfärbt. Beim Sitzen haut man sich die Knie an, obwohl die Sessel zu niedrig und die Tischplatten zu hoch sind.

Van der Bellen hat sich als Erster getraut, das Mobiliar, das dort seit 1945 stand, teilweise auszutauschen. Wenn man durch die Tapetentür schreitet, stehen rechts ein Besprechungstisch und links ein Schreibtisch mit Sesseln, die sich elegant ins historische Ambiente einfügen.

Besuch

Der Arbeitstag des Bundespräsidenten beginnt mit Zeitungslektüre und endet häufig mit formellen Abendessen. Dazwischen werden Beamtenbestellungen und Gesetze unterzeichnet, Politiker und Staatsgäste empfangen.

Womit wir bei dem Teil wären, der Van der Bellen an seinem Job am meisten Spaß macht: Bei der Zeitungslektüre, sagt er, stößt er manchmal auf interessante Persönlichkeiten – auch abseits der Politik. „Wenn ich dort anrufen und fragen lasse, ob der- oder diejenige Zeit für ein Gespräch hätte, dann sagen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Nein.“ Er schmunzelt.

Für hohen Besuch wird er bestens vorbereitet: Nicht nur die korrekte Ansprache inklusive Titel der Repräsentanten, sondern auch Small-Talk-Themen und ernste Anliegen der jeweiligen Länder muss er parat haben. Aktuell liegt auf seinem Schreibtisch ein Dossier über den Kongo. Der betreffende Kongo (es gibt zwei!) ist auf einer Karte gelb markiert.

Geheim

Die Delegationen werden im Jagdzimmer nebenan empfangen, die Vieraugengespräche finden hier im Bundespräsidentenbüro statt.

Wobei es ja eher Sechsaugengespräche sind. Juli ist immer mit dabei und damit wohl die „größte Geheimnisträgerin der Zweiten Republik“. Diskret, schweigsam, zurückhaltend. Die Besucher vom KURIER grüßt sie freundlich, rollt sich dann auf einem Sessel gegenüber vom Schreibtisch zusammen und döst vor sich hin. Aus der Ruhe bringen sie eigentlich nur Applaus und Hymnen, sagt ihr Herrli.

Mit der zehn Jahre alten Hündin geht Van der Bellen gerne am Heldenplatz spazieren, im Herbst klaubt er Kastanien auf – und sammelt sie in einer Schachtel auf seinem Schreibtisch. „2020 war ein ausgezeichnetes Kastanienjahr“, stellt er fest. Mittlerweile sind sie verschrumpelt, bis neue kommen, dauert es.

Hitzkopf

Etwas weiter rechts am Schreibtisch steht eine Donald-Figur. Van der Bellen ist Fan – aber nur vom Donald in den Carl-Barks-Comics aus den 1940er-Jahren, wie er betont. Donald steht da mit geballter Faust, weit aufgerissenem Schnabel. „Er ist ein Hitzkopf, nicht so wie ich.“ Was dem Bundespräsidenten imponiert: „Er gerät immer wieder in Schwierigkeiten, aber am Ende kann er es immer wieder geradebiegen.“

Das Hitzige und das Geradebiegen – auch das gefällt ihm an seinem Job. Und davon gab es in seinen bisher fünf Jahren im Amt wahrlich genug. Fünf Bundeskanzler und 64 Minister hat er nach diversen Krisen und Skandalen angeloben müssen.

Ob er noch einmal sechs Jahre ranhängen und im Herbst für die Hofburg kandidieren will? „Wir sind bei dieser Entscheidung in der Endphase“, sagt Van der Bellen. Wir? Juli und er? Sein Team und er?

Und was würde Kaiser Joseph II dazu sagen?

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