START DER DIALOG-TOUR ZU PFLEGE, SOZIALES & GESUNDHEIT: MOSER

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Interview
04/18/2022

Diakonie-Direktorin: "Den Krieg führt nicht Gott, sondern Russland"

Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie, über den Ukraine-Krieg, wachsende Ohnmacht, das Osterlachen und Empathie als politisches Gefühl.

von Johanna Hager

KURIER: Seit vier Jahren sind Sie Direktorin der Diakonie. Wir sind im dritten Jahr der Corona-Pandemie. Seit über 50 Tagen herrscht Krieg mitten in Europa. Wie sehr beeinflussen Krise und Krieg Ihre Arbeit und wie sehr sind Ziele, die Sie sich womöglich zu Amtsantritt gesteckt haben, ins Hintertreffen geraten?

Maria Katharina Moser: Ich denke, soziales Engagement in einer Gesellschaft hat die Aufgabe, sich an dem zu orientieren, was gerade ist. Es heißt: Immer noch aufmerksamer zu werden, Nöte wahrzunehmen und Antworten zu finden. Das gilt für die Einzelnen und das Kollektiv. Es geht um die Frage: Wie organisieren wir unser Zusammenleben? Die Corona-Krise und der schreckliche Krieg gegen die Ukraine haben massive Auswirkungen auf unser Tun, beeinflussen unsere Arbeit zutiefst. Aber gleichzeitig gehört genau die Reaktion auf solche Krise zum sozialen Engagement für Menschen, die soziale Probleme haben.

Als studierte Theologin wird Ihnen manchmal die Frage gestellt, wie Gott das zulassen kann oder stellen Sie sich die Frage selbst?

Vor dieser Frage verstummt man auch als Pfarrerin. Jede Antwort, die wir geben können, wird dem Leiden nicht gerecht. Worauf wir eine Antwort haben müssen, das ist die Frage: Was ist unsere menschliche Verantwortung? Den Krieg führt nicht Gott, sondern Russland gegen die Ukraine. Es geht um die Reflexion, was uns zu Menschen macht. In der Geschichte der Menschheit sehen wir beides: Bestialisierung und Humanisierung. Dieses Thema finden wir schon in der Bibel.

Welche Bibelstelle meinen Sie?

Ich denke an die große Vision im Buch Daniel: Da werden vier Bestien beschrieben, die menschliche Züge tragen. Sie stehen für vier Großmächte, die einander abgelöst haben in der Antike. Und dann kommt ein "Menschensohn“. Das Weltreich der Bestien wird abgelöst durch ein menschliches Reich. Die Herausforderung ist eine ständige Selbst-Humanisierung. Deshalb sind uns in der Diakonie Menschenrechte ein derart zentrales Anliegen. Menschenrechte sind ein wesentlicher Humanisierungsschub in der Geschichte und auch und gerade in Kriegssituationen zentral.

Diesen Gedanken aufnehmend: Was müssen wir jetzt tun, damit wir eine lebenswerte Gegenwart und Zukunft haben?

Empathie üben – egal in welchem Bereich. Empathisch sein, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, das ist ein ganz zentraler Punkt. Egal ob im Krieg, auf der Flucht, bei Krankheit oder Pflegebedarf. Die Fähigkeit besitzen, sich in das Leid anderer hineinzuversetzen und sich vorzustellen: Das könnte auch ich sein und mich betreffen. Und wenn es mich betreffen würde: Was würde ich mir wünschen? Wie würde ich von anderen behandelt werden wollen? Das ist in der Bibel die berühmte Goldene Regel: "Was Du willst, dass Dir die Menschen tun, das tue auch ihnen.“ Die Regel ist einfach und doch so wirksam. Es ist eine Übung, die wir alle und ständig im Alltag machen können. Empathie ist auch nichts Romantisches oder nur Persönliches, sondern ein sehr politisches Gefühl, weil es eine gesellschaftspolitische Dimension hat.

Muss man auch Empathie üben für jene, die nun Krieg führen?

Empathie ist nicht das richtige Wort. Es berührt eine zentrale Frage im Christentum, die gerade zum Osterfest zum Tragen kommt: Es geht um Vergebung. Vergebung darf nie billig sein und heißt Hinschauen auf Schuld, Hinschauen auf Sünde. Das müssen die Täterinnen und Täter tun. Auf die eigene Schuld zu sehen und umzukehren, Reue zu empfinden, das ist unendlich schwer für jeden Menschen. Dafür braucht es immer auch das Gespräch, das Gegenüber, das zu Schuld vergeben bereit ist.

Woher nehmen Sie persönlich die Kraft, Zuversicht oder Energie in Krisenzeiten?

Seit Corona ist bei vielen die Ohnmacht gewachsen. Ohnmachtsgefühle, dass der einzelne gegen das Virus zu Beginn machtlos war. Jetzt ist es die Ohnmacht gegenüber einer Kriegsmacht. Mir persönlich hilft in diesen Zeiten immer die Fokussierung auf das, was man konkret tun kann. Egal, ob während der Pandemie oder jetzt in der Flüchtlingshilfe. Auf andere Menschen zu schauen und sie zu unterstützen, damit Zusammenhalt zu schaffen und zu erkennen, dass man nicht alleine ist. Auf einer spirituellen oder theologischen Ebene hilft mir tatsächlich der Gedanke an Ostern.

Welcher Gedanke stärkt dabei insbesondere?

Der Gedanke der Auferstehung, der sagt, dass das Leben stärker ist als der Tod. Der Glaube an die Kraft des Lebens. Dass Gott, der Mensch geworden ist, der hilflos am Kreuz hängt, aufersteht und die Hoffnungslosigkeit nicht das letzte Wort hat. Hoffnung heißt nicht, dass alles gut wird. Hoffnung heißt, dass wir die Zukunft nicht der Verzweiflung überlassen. Deshalb heißen unsere Klientinnen und Klienten, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch Hoffnungsträger. Sie geben in schwierigen Situationen nicht aufgeben, das schenkt Hoffnung. Dazu gehört auch, den Humor nicht zu verlieren. Hoffnung ist, wenn man trotzdem lacht. Nicht umsonst gibt es das Osterlachen.

Ist diese Hoffnung Ihrem Elternhaus, Ihrem Studium, Ihrem Charakter geschuldet?

Meine Familie ist durchschnittlich christlich, würde ich meinen. Ich bin die einzige Theologin. Für mich war als Theologiestudentin wichtig, Zeit auf den Philippinen verbracht zu haben. Dort habe ich mich Armutssituationen beschäftigt, mit Menschen gelebt, die arm waren. Dort habe ich erfahren, dass das aufeinander Schauen hilft, auch durch die schwierigsten Situationen zu kommen. Selbst wenn viele kaum etwas haben, so wird es geteilt – ob es das Essen ist oder die Mühen des Lebens.

Seit 2015 ist vermehrt die Rede von Gutmenschen. Ist letzteres ein Kompliment oder ein Schimpfwort für Sie?

Ich freue mich, wenn mich jemand Gutmensch nennt und erinnere mich an ein Zitat von Goethe: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“ Diesen Satz hat mir schon mein Vater in mein Stammbuch geschrieben. Warum gut zu sein etwas ist, das man abzuwerten versucht, das verstehe ich nicht.

Wird die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung anhalten oder durch die wirtschaftliche Krise und Teuerungsrate weniger werden, die Stimmung kippen?

Ob die Stimmung kippt oder nicht, das liegt an der Zivilgesellschaft und der Politik. Wir dürfen ob des Ukraine-Krieges nicht vergessen, dass wir ganz viele soziale Problemstellungen haben, die wir lösen müssen. Stichwort Pflegereform. Entscheidend ist, dass wir die unterschiedlichen sozialen Problemlagen nicht gegeneinander ausspielen.

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