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Politik von innen
10/13/2019

Aufmüpfige Steirer? "Das ist Geschichte"

Politische Querschüsse zählten lange als steirischer Brauch. Doch der schwindet mit dem Bedeutungsverlust der Länder.

von Daniela Kittner

Sie waren eine Gruppe aufstrebender Jungschwarzer und gefielen sich in der Rolle aufmüpfiger Querdenker mit radikalen Visionen. Bernd Schilcher hieß etwa einer von ihnen. Schilcher forderte schon die Ganztagsschule, als die ÖVP noch gegen „Zwangstagsschulen“ vom Leder zog.

Ein anderer war der wortgewaltige Gerhard Hirschmann (er ist kürzlich verstorben). Hirschmann rieb sich am damals noch heiligen Föderalismus und forderte, die neun Bundesländer in drei Regionen zusammenzufassen. Wütende Proteste aus der eigenen Partei waren ihm gewiss.

Die Gruppe, zu der auch der heutige Investor und Unternehmensberater Herbert Paierl zählt, trieb es unter der schützenden Hand von Landeshauptmann Josef Krainer wirklich bunt. Unerreichter Höhepunkt der Provokation: 1988 stellten acht steirische ÖVP-Nationalratsabgeordnete gegen den eigenen ÖVP-Verteidigungsminister Robert Lichal im Parlament einen Misstrauensantrag. Sie protestierten damit gegen die Stationierung von Abfangjägern, die sie „Schrottgeier“ nannten. Die SPÖ rettete Lichal damals vor der Abwahl im Nationalrat.

Granteln über den Semmering

Die Mehrzahl der steirischen Revolten betraf die ÖVP – aber nicht nur. Auch Krainers Nach-Nachfolger, SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves, grantelte über den Semmering. „Mit einer Nichtlinie und einem ,Ja, aber‘-Kurs kann man keine Wahl gewinnen“, richtete Voves dem damaligen SPÖ-Kanzler Werner Faymann aus.

Bis heute legendär ist, wie Voves Alfred Gusenbauer kurz nach dessen Angelobung düpierte. „Der Bundeskanzler will mich sprechen? Ist etwas spät. Ich kann jetzt nicht, ich bin in einer Pressekonferenz“, beschied Voves grantig seinem verdatterten Sekretär, als dieser ihn zum Telefonieren aus dem Raum holen wollte. Die Szene spielte sich vor laufenden Kameras ab und wurde damals medial rauf und runter gespielt.

In der ÖVP führte Christopher Drexler die Tradition des politischen Aufsteirerns ein Zeit lang fort. Den diesbezüglich stockkonservativen Kanzler Wolfgang Schüssel provozierte Drexler mit der Forderung nach Einführung der Homo-Ehe. Schüssel weigerte sich, die Idee seines Parteifreundes überhaupt auszusprechen.

Drexler ließ es sich nicht verdrießen, er füllte auch das nächste schlagzeilenarme Sommerloch – mit dem Ruf nach Tempo 160.

Heute befindet sich Drexler in der Rolle des Kronprinzen, und als angehender Landeshauptmann ist Räson statt Provokation angesagt.

"Landesebene verlor an Bedeutung"

Wie überhaupt die steirische Aufmüpfigkeit aus der Mode gekommen ist. „Das ist Geschichte“, befundet Herbert Paierl. Früher seien die Landeshauptleute stark, der Bund schwach gewesen. Die Landeshauptleute glänzten mit guten Wahlergebnissen, während die Bundes-ÖVP schwächelte.

„Die Landesebene hat seither an Bedeutung verloren“, sagt Paierl, „auch beim Geld“. Früher hatte die Bundes-ÖVP wenig eigenes Geld, mit der Anhebung der Bundesparteienförderung unter Michael Spindelegger habe sich der Bund ein Stück unabhängiger gemacht. Paierl: „Früher war der Bund Befehlsempfänger. Jetzt sagt Sebastian Kurz den Steirern, wen sie bei der Nationalratswahl aufzustellen haben.“ Schließlich habe die Steiermark auch als Land mit einer Schuldenexplosion von 500 Millionen auf fünf Milliarden an Gewicht verloren. „Es gibt keinen Grund mehr, frech – oder sagen wir, selbstbewusst – zu sein“, meint Paierl.

In dieses Stärke-Schwäche-Analyse passt, dass die einzige aktuelle steirische Revolte die SPÖ betrifft: Landesparteichef Michael Schickhofer boykottiert die Bundes-SPÖ. Und kaum wer merkt’s.