Politik | Inland
19.06.2018

Selbst Sozialressort warnt vor zu viel Arbeits-Flexibilität

In einem Gesundheitsbericht des Sozialministeriums wird just nach der türkis-blauen Ausdehnung der Arbeitszeit vor zu hoher Arbeitsbelastung gewarnt.

„Zu arbeitsplatzbezogenen Stressfaktoren gehören zunehmend steigende Anforderungen in Bezug auf Flexibilität, Erreichbarkeit und steigenden Zeitdruck.“ Die steigende Arbeitsbelastung führe nämlich zu einer Erhöhung des Depressions- und gar Suizidrisikos. Und bereits jetzt sei mehr als jeder dritte Arbeitnehmer von Arbeitsüberlastung betroffen.

Diese Passage stammt nicht etwa aus einem Papier der Gewerkschaft, die gerade heftig gegen die Flexibilisierung der Arbeitszeit – vulgo der Einführung des 12-Stunden-Tages – mobilisiert. Nein, diese eindringliche Warnung findet sich im „Gender-Gesundheitsbericht“ des Sozialministeriums, der gestern im Rahmen eines Kongresses präsentiert wurde – nicht einmal eine Woche, nachdem die Regierungsparteien den Initiativantrag für die Erhöhung der täglichen Höchstarbeitszeit im Parlament eingebracht haben. Das Sozialministerium ist federführend an der türkis-blauen Arbeitszeitflexibilisierung beteiligt. Am Bericht wurde laut Insidern rund ein Jahr gearbeitet, der Auftakt erfolgte also lange vor Hartinger-Kleins Zeit als Ministerin.

Ministerin leitete ein

Brisant: Die blaue Politikerin, die der Opposition in ihrer Verteidigung des 12-Stunden-Tages „Klassenkampf“ vorgeworfen hat, hielt sogar eine 15-minütige Auftaktrede der Veranstaltung. In deren Fokus stand eigentlich die Gender-Medizin und das Aufzeigen der Gesundheitsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Als der heikle Bericht, der auch auf der Website des Ressorts heruntergeladen werden kann, schließlich präsentiert wurde, hatte Hartinger-Klein die Veranstaltung bereits wieder verlassen.

Indes sind die Mitarbeiter des Ressorts, die an diesem 79-seitigen Bericht gearbeitet haben, nicht die einzigen, die einer starken Ausweitung der Arbeitszeit eher skeptisch gegenüberstehen. Christine Mayrhuber etwa, Ökonomin der Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), erklärt dem KURIER, dass man bei steigender Arbeitszeit immer unproduktiver werde. „Das sieht man vor allem im Produktionssektor in etlichen Studien ganz klar“, sagt sie. „Nebst steigender Fehleranfälligkeit sinkt auch die Produktivität ab der achten Stunde pro Arbeitstag“. Einer der Gründe dafür sei in der Industrie schlicht die einsetzende körperliche Müdigkeit. Neben den gesundheitlichen Schäden, die regelmäßiges überlanges Arbeiten verursachen könne, ist es also auch nicht zwingend wirtschaftlich von Vorteil. „Und allein die gesundheitlich höheren Belastungen“, so Mayrhuber, „verursachen aufgrund dadurch möglicherweise resultierender Behandlungen oder gar Arbeitslosigkeit volkswirtschaftlich hohe Folgekosten für die Gesellschaft.“

Zehn Prozent weniger

Die Expertin verweist zudem auf eine aktuelle Studie aus den Niederlanden, die auch im Dienstleistungsbereich – in dem der Output anders als in klassischen Produktionsprozessen schwer zu messen ist – sinkende Produktivität bei steigender Arbeitszeit aufweist. Zwei Jahre haben die Forscher des „IZA“-Instituts die Produktivität einer zusätzlichen Arbeitsstunde bei Vollzeit-Arbeitern beobachtet. Das Ergebnis: In der zusätzlichen Stunde leistet man durchschnittlich um zehn Prozent weniger.