Politik | Inland
03.02.2018

Antisemitismus: "Geschichte kann sich wiederholen"

Was jüdische Studenten an der Universität Wien und in ihrer Freizeit an Ablehnung erfahren.

Antisemitische Vorfälle häufen sich in der EU, auch in Österreich. Der KURIER befragte drei Vertreter der Vereinigung Jüdischer Hochschüler in Österreich (JöH) über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus auf der Universität und in der Freizeit: Sharon Krichely (Publizistik, 1. Semester), Bini Guttmann (Jus, Politologie, 6. Semester) und Samy Schrott (Politikwissenschaft, 1. Semester) waren bereit, zu erzählen und Perspektiven aufzuzeigen.

KURIER: Vom 18. bis 22. Februar findet eine internationale Antisemitismus-Konferenz auf der Universität Wien statt. Was sind Ihre Erwartungen?

Sharon Krichely: Viele Leute wissen gar nicht, dass Antisemitismus, wie er derzeit präsent ist, existiert, oder sie ignorieren Antisemitismus ganz einfach. Sie sagen, so lange nach der NS-Zeit, wird es nicht noch mal dazu kommen. Viele Aussagen sind nicht absichtlich antisemitisch, es gibt eine große Ignoranz. Von der Konferenz sollte ein Signal ausgehen für mehr Bildung und Programme für Schüler und Jugendliche, die eines vermitteln: Wir sind alle gleich, wir unterscheiden uns nur im Glauben. Es braucht dringend Programme für interkulturelle Kommunikation.

Samy Schrott: Wir werden als Hochschüler an der Konferenz aktiv teilnehmen. Ich erwarte mir Pläne und Werkzeuge, wie Antisemitismus bekämpft werden kann. In Österreich sind wir damit konfrontiert, und wir haben viel zu tun. Es braucht auch mehr Teamwork auf europäischer Ebene. Die Rechten versuchen, sich an uns anzubiedern. Es muss auch Druck auf den israelischen Premier Netanjahu geben, nicht in das Boot der Rechten zu steigen.

Gibt es unter jüdischen Jugendlichen das Gefühl, auswandern zu wollen?

Schrott: Ja, das erleben wir unmittelbar. Drei unserer besten Freunde sind in den vergangenen Jahre nach Israel gezogen. Der Wunsch nach Israel zu gehen, wird größer.

Bini Guttmann: Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass die jüdische Gemeinde in Wien wächst. Es gibt ein facettenreiches jüdischen Leben in Wien.

Krichely: In Wien gibt es ein starkes jüdisches Netz, aber nicht so in anderen Teilen Österreichs.

Guttmann: Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg nie große jüdische Gemeinden außerhalb Wiens. Es gibt jüdische Familien in Graz, Salzburg oder Innsbruck.

Schrott: Wien ist etwas anders, das stimmt.

Krichely: Ich komme aus Karlsruhe, war ein Jahr in Israel und habe auch ein Jahr in Deutschland studiert, wo es mir nicht gefallen hat, weil es keine starken jüdischen Bündnisse gab. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich die einzige Jüdin in der Stadt. Vor allem wenn Aussagen kommen, ‚ich habe noch nie im Leben einen Juden gesehen‘. In Wien wurde ich sehr schnell aufgenommen. Ich gehe sehr offen mit meiner jüdischen Identität um, mein Bruder macht das nicht gerne öffentlich. Hie und da bekommen ich komische Kommentare, man hört schon Aussagen wie ‚Scheiß Juden‘.

Sofort nach dem sogenannten Anschluss 1938 sind mehr als 2700 Professoren, Assistenten und Studenten von der Universität Wien vertrieben worden, die große Mehrheit Juden. Kann so etwas wieder passieren?

Guttmann: Geschichte kann sich wiederholen. Nie wieder, ist eine Handlung, keine leere Phrase. Auch aktuelle Entwicklungen in Österreich verlangen, etwas zu tun, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Wenn man nicht dagegen aufsteht, kann sich Geschichte wiederholen.

Sind Sie mit Antisemitismus auf der Universität konfrontiert?

Schrott: Ja, es gibt Beispiele: Da gab es den Vorfall der Aktionsgemeinschaft am Juridicum im vergangenen Jahr. Im Rahmen der Hochschülerschaftswahl gab es in Chat-Verläufen ganz klar antisemitische und rassistische Witze. Zum Beispiel ein Haufen Asche und dabei wird auf Anne Frank Bezug genommen. Dann gibt es immer wieder Veranstaltungen von BDS (Boycott, Divestment and Sanctions, Anm.), einer internationalen Kampagne und Bewegung, die Israel wirtschaftlich, politisch und kulturell isolieren will. In Österreich ist BDS zum Glück noch nicht sehr groß.

Was macht die BDS-Bewegung ganz konkret?

Guttmann: Das ist eine Organisation in Europa und den USA, die einen Handels-, Wissenschafts- und Investitionsboykott für Israel fordert. BDS will, dass keine israelischen Produkte in Supermärkten verkauft werden. BDS ist eine zutiefst antisemitische Bewegung, in der auch die Hamas sitzt. BDS-Leute haben in Europa und den USA schon jüdische Studenten tätlich angegriffen. In Wien hat die Vorgängerorganisation von BDS vor einigen Jahren eine Gedenkveranstaltung zum Pogrom gestürmt. Am Juridicum war eine israelische Ministerin zu Gast, die Veranstaltung wurde gestört, auch am Geschichte-Institut gab es Proteste gegen Professoren der Uni Tel Aviv.

Was haben Sie dagegen unternommen?

Schrott: Die Kooperation mit der ÖH gegen BDS war sehr erfolgreich. Im Herbst 2017 hat die ÖH-Bundesvertretung nach Überzeugung von uns beschlossen, dass Organisationen, die mit dem BDS kooperieren, kein Geld mehr bekommen.

Gibt es auch antisemitische Vorfälle in Ihrer Freizeit?

Schrott:Bini und ich haben bei Makabi, dem jüdischen Fußballverein, gespielt. Immer wieder passierte es, dass antisemitische Sätze geschrien worden sind. Einmal wurde ein Match unterbrochen. Wir sind von klein auf mit Antisemitismus konfrontiert, weil wir immer bei Makabi spielten. Wir sind passionierte Fußballfans von Austria Wien und jede Woche im Stadion, sowohl zu Hause als auch auswärts.

Guttmann: Es gibt Antisemitismus unter Studenten und Professoren. Am Juridicum wurde in einer Lehrveranstaltung über Arbeitsrecht über jüdische Nasen und jüdisches Aussehen geredet. Ein Student hat dann an das Institut geschrieben und eine Entschuldigung bekommen. Es gibt Burschenschafter als Professoren am Juridicum und am Institut für Geschichte. Am meisten Sorgen macht uns aber die Regierung.

Was stört Sie?

Wir haben ein Problem mit der ÖVP, weil sie ermöglicht, dass Antisemiten in Regierungsämter kommen. Es ist problematisch, dass die ÖVP zur Normalisierung von Rechtsextremismus in Österreich beiträgt.

Schrott: Wir laden keine Freiheitlichen zu unseren Veranstaltungen ein. Wichtig für ist, dass wir die Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde haben.

Das Interview entstand in Kooperation mit der "Internationalen Antisemitismus-Konferenz" .