42 Prozent haben Abstiegsängste

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BP-Wahl
05/25/2016

Wahlanalyse: 42 Prozent haben Abstiegsängste

Die FPÖ profitiert von Sorgen, den Lebensstandard nicht halten zu können.

von Daniela Kittner

Unter den Österreichern grassieren Abstiegsängste, und diese befeuern den Zulauf zur FPÖ: Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Feinanalyse der Bundespräsidentenwahl durch die Politik-Experten Fritz Plasser und Franz Sommer.

42 Prozent der Bevölkerung sagen, sie werden in den nächsten Jahren gezwungen sein, immer mehr Abstriche von ihrem Lebensstandard zu machen. „Das ist ein sehr, sehr hoher Wert. Hier geht es nicht darum, auf eine Fernreise zu verzichten, sondern um Engpässe im Alltag, um Fairness und Lebenschancen“, sagt Plasser. „Bis hinein in die unteren Einkommensbereiche des Mittelstands zeichnen sich zentrifugale, konfliktträchtige Bewegungen ab.“ Auf diese müsse die Politik eine Antwort finden.

Die finanziellen und sozialen Abstiegsängste konzentrieren sich in der Wählerschaft von FPÖ-Kandidat Norbert Hofer. Von den 42 % der Befragten, die Abstiegsängste plagen, haben zwei Drittel Hofer und ein Drittel Van der Bellen gewählt. Bei den 56 % der Befragten, die glauben, ihren Lebensstandard halten zu können, verhält es sich gerade umgekehrt: Zwei Drittel stimmten für Van der Bellen, ein Drittel für Hofer.

Weitere Indikatoren für die Polarisierung der Wähler:

Einstellung zur EU:
Von den 51 % der Befragten, die in der EU-Mitgliedschaft mehr Vorteile als Nachteile sehen, wählen drei Viertel Van der Bellen, ein Viertel Hofer. Jene 40 %, die in der EU mehr Nachteile sehen, wählen umgekehrt (Grafik).

Einstellung zu Asyl:
Wer meint, man könne weitere Flüchtlinge aufnehmen, wählt Van der Bellen. Von jenen 70 %, die die Aufnahmekapazität erschöpft sehen, ist die große Mehrheit für Hofer.

Vertrauen in Politik:
Die Forscher messen generell ein dramatisch niedriges Vertrauen in die Politik. 54 % der Befragten vertrauen der Politik „wenig“, zusätzliche 24 % „gar nicht“. Ergibt 78 % Misstrauische. Von den 22 %, die „im Großen und Ganzen der Politik vertrauen“, wählen drei Viertel Van der Bellen, ein Viertel Hofer. Bei denen, die gar kein Vertrauen haben, ist es umgekehrt.

Sommer und Plasser sprechen von einer „politisch-kulturellen Zweiteilung“ der Gesellschaft, die durchaus konfliktträchtig sei. Die Stichwahl zwischen einem blauen und einem grünen Kandidaten sei quasi ein Feldversuch gewesen, wie Österreich ohne die Traditionsparteien SPÖ und ÖVP aussehen würde. „Beide Parteien sind soziale Integrationsparteien und deshalb unverzichtbar“, meint Plasser. Doch die Nagelprobe, ob sie diese rolle weiter spielen können, müssten SPÖ und ÖVP erst bestehen.

Die Hofer-Wähler sind von ihrem Kandidaten zu 62 % persönlich überzeugt, während Van der Bellen zu 52 % gewählt wurde, um Hofer zu verhindern.