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Politik Inland
09/20/2019

Ältester Holocaust-Zeitzeuge Marko Feingold verstorben

Marko Feingold überlebte vier Konzentrationslager. Er war Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg.

Marko M. Feingold, geboren am 28. Mai 1913, war der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Er ist gestern, Donnerstag, im Alter von 106 Jahren in Salzburg verstorben, bestätigt die Israelitische Kultusgemeinde.

Feingold erlitt im Vorjahr einen Oberschenkelhalsbruch, seither seien seine Kräfte geschwunden, heißt es gegenüber dem KURIER. Kürzlich erkrankte er an einer Lungenentzündung und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Dort starb er am Donnerstag im Kreise seiner Angehörigen.

Geboren wurde Feingold am 28. Mai 1913 in Banska Bystrica in der heutigen Slowakei. Er wuchs als eines von vier Kindern in Wien auf, wo er eine kaufmännische Lehre machte.

Kurz vor der Machtübernahme Dollfuß' wurde er arbeitslos und ging 1933 mit seinem Bruder Ernst nach Italien. Die Brüder tourten dort als Vertreter für Flüssigseife und Bohnerwachs durch das Land. Im Februar 1938 kamen sie zurück nach Wien, 1939 wurden sie in Prag verhaftet und kamen ins KZ Ausschwitz. Feingold wurde später nach Dachau und 1941 nach Buchenwald überstellt, wo er bis zur Befreiung interniert war.

Nach Kriegsende 1945 ließ er sich in Salzburg nieder, dort wohnte er bis zuletzt mit seiner Ehefrau Hanna Feingold.

"Österreich verliert einen großen Menschen"

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, schrieb auf Twitter, es falle ihm schwer, den Tod von Marko Feingold bekanntzugeben. Er sei in Gedanken bei der Witwe Hanna Feingold. " Mit ihm verliere nicht nur ich einen guten Freund, sondern die jüdischen Gemeinden und ganz Österreich einen großen Menschen."

Kardinal Christoph Schönborn meldete sich ebenfalls via Twitter zu Wort: "Marko Feingold war eine herausragende Gestalt in der österreichischen Gesellschaft. Er wurde nie müde, uns ohne Bitterkeit an die Last unserer Geschichte zu erinnern."

Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigt sich tief betroffen: „Marko Feingold hat vier Konzentrationslager überlebt: Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Er war als Überlebender des Terrors des NS-Regimes ein wichtiger Zeitzeuge und hat sich dieser Aufgabe noch bis ins hohe Alter mit großem Engagement gestellt.Vor allem die Diskussion mit jungen Menschen war ihm ein besonderes Anliegen. Für die Aufklärung und das Anliegen 'Niemals wieder' hat er alles gegeben. Gleichzeitig hat sich Marko Feingold stets für eine positive Entwicklung unseres Landes in einem friedlichen Europa eingesetzt.“

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kultusminister Alexander Schallenberg kondolieren via Twitter und erinnern an Feingolds Wirken. "Wir alle haben ihm für seinen unermüdlichen Einsatz im Kampf gegen Faschismus und Antisemitismus zu danken. In seinem langen Leben war es ihm ein Herzensanliegen, als Zeitzeuge und ältester KZ-Überlebender Österreichs seine Erlebnisse an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben." Feingold habe "unentwegt daran erinnert, dass es unsere historische Verantwortung ist, dass die Gräueltaten des Holocaust niemals vergessen werden und sie sich niemals wiederholen. Unser herzlichstes Beileid gilt seiner Frau Hanna Feindgold und seiner gesamten Familie."

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) würdigte Feingold als „Symbolfigur, der Zeit seines Lebens nicht müde wurde, seine Geschichte und Erfahrungen weiterzutragen und eine mahnende Stimme in und für unsere Gesellschaft zu sein“. Die zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) betonte, er sei bis zuletzt ein aktiver Mahner gegen ein Aufflammen von Rechtsextremismus und Antisemitismus gewesen.

"Mit Marko Feingold geht ein beeindruckender Mann von uns, der sich als Zeitzeuge und ältester Holocaust-Überlebender stets dafür eingesetzt hat, dass wir die NS-Gräueltaten niemals vergessen“, erinnert Ex-Kanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz. „Sein Humor, aber auch seine mahnenden Worte werden niemals vergessen werden und noch lange nachwirken. Das Ableben Feingolds soll uns nochmal in Erinnerung rufen, dass Österreich eine besondere Verantwortung im Umgang mit Antisemitismus und dem Gedenken an die Grausamkeiten des Holocaust trägt."

Und FPÖ-Chef Norbert Hofer erklärte: „Marko Feingold hat den Nationalsozialismus als schrecklichstes Verbrechen der Menschheit erlebt und überlebt. Sein Wirken und seine Erzählungen waren beeindruckend, aber auch erschütternd und dienen uns allen als Warnung, dass sich so ein dunkles Kapitel unserer Geschichte nie mehr wiederholen darf. Mein tiefes Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und seinen Freunden“, so Norbert Hofer.

SPÖ-Bundesparteivorsitzende Pamela Rendi-Wagner und SPÖ-Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda sind ebenfalls tief betroffen über das Ableben des Holocaust-Zeitzeugen. „Mit Marko Feingold verliert Österreich einen bis zuletzt aktiven und engagierten Zeitzeugen und Mahner, der unschätzbar Wichtiges für unsere Demokratie und die so wichtige Erinnerungsarbeit geleistet hat“, sagten Rendi-Wagner und Drozda heute, Freitag.

Die Grünen ließen wissen: Wir sind dankbar für die vielen Jahre, in denen er der österreichischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten konnte und mit seinem Engagement für gesellschaftliche Bewusstseinsarbeit beeindruckt hat." Marko Feingold zähle zu den Menschen, "die diese Republik insbesondere in den letzten Jahren mit ruhiger Stimme geprägt haben. Dafür bleibt uns nur größter Respekt."

Der Holocaust-Überlebende hatte unermüdlich gegen Antisemitismus und Fremdenhass gekämpft. Seine Überzeugung: "Geschichte, auch die dunkelste und menschenverachtendste, kann sich wiederholen."

Lesen Sie dazu ein KURIER-Interview zu seinem 104. Geburtstag:

Marko Feingold: "Geschichte kann sich wiederholen"

KURIER-Interview vom 22. Mai 2017

Wir treffen uns in der Synagoge in der Salzburger Lasserstraße: Marko Feingold, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in der Stadt, sitzt an seinem aufgeräumten Schreibtisch und wartet schon. Seinen Krankenhausaufenthalt steckt er weg wie nichts. Kurz vor seinem 104. Geburtstag am 28. Mai geht es ihm wieder besser. Vorträge und Diskussionen mit Schülern hat er vorerst aber abgesagt. Seine Frau, Hanna Feingold, besteht auf Schonung und etwas Ruhe. Beim Interview ist Marko Feingold, wie er immer ist: Er sprich wie ein Wasserfall, ist voller Esprit, aufgeladen mit immensem Wissen, detailverliebt und entwaffnendem Humor.

Zu Beginn unseres Gespräches zeigt er einen Band mit Zeichnungen des niederländischen Künstlers Henri Pieck (1895-1972). Auf eine Grafik weist er besonders hin. Sie zeigt einen abgemagerten Mann angelehnt an eine Schaufel, die er nicht mehr hochheben kann. "Das könnte ich gewesen sein. Wenn mich damals niemand angesprochen und ich mich nicht zusammengerauft hätte, wäre ich tot . Dieser Moment geht mir bis heute durch den Kopf."

Vier Konzentrationslager überlebt

Im Konzentrationslager Auschwitz wurde ihm und seinem Bruder Ernst ständig gesagt, nicht einmal drei Monate zu überleben. "Dann geht ihr durch den Kamin", waren die Worte der SS-Männer. Sein Bruder wurde ermordet, Marko Feingold überlebte vier Konzentrationslager. Wenn er über diese Zeit erzählt, erwähnt er gerne, dass die Häftlinge die Lager organisierten. "Die konnten rechnen und schreiben, die SS-Leute waren zu blöd."

Nach der Befreiung des KZ Buchenwald durch die Amerikaner am 11. April 1945, ließ er sich in Salzburg nieder. Der Weg nach Wien war versperrt. Bis heute kann er nicht vergessen, dass 27 Nationen ihre Häftlinge aus dem Lager nach Hause brachten, "nur 500 Österreicher wurden nicht geholt". Es schmerzt ihn zutiefst, dass sich österreichische Nachkriegspolitiker nicht um Juden und andere von den Nazis Verfolgter gekümmert haben. Als "antisemitisch" und beleidigend empfindet er die Haltung des Sozialdemokraten Karl Renner, dem ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik, der keine Juden zurückhaben wollte und erklärt habe, dass Österreich nichts zurückgeben werde. "Es handelte sich um Diebstahl, den man nicht wieder gut machen wollte."

Auch die Haltung des damaligen Bundeskanzlers Leopold Figl (ÖVP) gegenüber jüdischen Organisationen, ist für Feingold unverständlich. Auch Figl zögerte bei den Verhandlungen über die Wiedergutmachung.

Für den ältesten Holocaust-Überlebenden der Republik ist die österreichische Geschichte immer noch nicht aufgearbeitet. Deswegen hat er sich zeitlebens zur Aufgabe und zu seiner Mission gemacht, zu erzählen, was war, und was ist. "Die ersten, zu denen ich schon im Juni 1945 sprach, waren Nonnen in Salzburg. Die hatten keine Ahnung. Hinter die dicken Klostermauern ist eine keine Nachricht und keine Information durchgedrungen."

Jugendliche als Zielgruppe

Im Laufe der Jahre wurden Schüler und Lehrer seine Zielgruppe. "Es geht darum, dass wir die Geschichte niemals vergessen dürfen. Wir erleben jetzt die dritte Generation. Sie sind die interessanteste, weil sie fragen, was ihre Väter und Großväter nicht wissen wollten."

Jahr für Jahr nimmt Marko Feingold am March of the Living teil, dem Gedenken an die ermordeten Juden durch Nazis im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Hier diskutiert er stundenlang mit Jugendlichen. "Heuer kamen besonders viele Schüler aus Österreich, mehr als 600", freut sich der Zeitzeuge. "Eine muslimische Schülerin mit Kopftuch war auch dabei, sie ist weggegangen, weil ich sagte: Ich kenne keine Religion, die befiehlt, zu töten", erzählt Feingold. Im Namen Allahs verüben Muslime Terroranschläge und sprengen sich dabei in die Luft.

Unzufrieden ist der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg immer noch mit dem Geschichtsbewusstsein und der Aufklärung über Faschismus und den Holocaust an den Schulen. "Der Unterricht ist mangelhaft. Nicht alle Lehrer sind engagiert."

Seit 72 Jahren informiert er, "drei, vier Vorträge waren es bis zuletzt pro Woche, alle aus dem Stegreif". Sein Credo: "Es braucht mehr Lehrerfortbildung und mehr Informationen an Schüler, denn die Zeitzeugen sterben aus."

Unermüdlich

Feingold rüttelt unermüdlich auf, er ist überzeugt: "Geschichte, auch die dunkelste und menschenverachtendste, kann sich wiederholen." Er spürt wachsenden Antisemitismus, verstärkt nicht zuletzt durch den Flüchtlingsansturm. "Viele Muslime sind Gegner der Juden. Tötet jeden Juden, wird in muslimischen Texten unverhohlen gefordert. Ich fürchte, dass viele Muslime von ihrer Judenfeindlichkeit nicht abkehren werden." Er appelliert an Migranten, die in Österreich bleiben wollen, sich auch "als Österreicher zu fühlen. Wir haben schon Schwierigkeiten mit Türken, die seit 30 Jahren bei uns leben, und keiner gibt sich als Österreicher aus". Feingold erinnert an Juden, die vor 200 Jahren hierher kamen, und "gute, bewusste Österreicher geworden sind. Das erwarten wir auch von den Arabern".

Die Wunschliste in seinem "außergewöhnlich hohen Alter", wie er selbst sagt, ist lang: Er hat es bis heute nicht aufgegeben, ein Eingeständnis von Politikern zu hören, historische Fehler begangen zu haben: "Wie kann ein guter Österreicher beim Anschluss 1938 sagen, ich bin dafür? Der muss ja gewusst haben, was zwischen 1933 und 1938 in Deutschland passiert war", kritisiert er mit Verve Karl Renner.

"Sie sollen zu dem stehen, was sie sagen"

Mit viel Aufmerksamkeit verfolgt Marko Feingold die Innenpolitik. Er erwartet sich "mehr Berufung, mehr inhaltliche Kompetenz und mehr Ehrlichkeit von den handelnden Politikern. Sie sollen zu dem stehen, was sie sagen. Ich möchte mehr Fachleute in der Regierung." Das Springen von einem Ministeramt ins andere ist ihm nicht geheuer. Und er gibt auch zu, dass er sich "eine Frau als Verteidigungsministerin nicht vorstellen kann".

Ein großes Anliegen ist ihm die Stärkung der jüdischen Gemeinde in Österreich. "200.000 Juden lebten vor 1938 in Österreich. Auf diesen Stand sollten wir wieder kommen. Jetzt leben 8000 Juden im ganzen Land, in Salzburg sind es gerade einmal 30."

Margaretha Kopeinig