24-Stunden-Betreuung: „Wir sind mitten in einer Pflegekatastrophe“
Helmut Lutz, Manager der Hilfsorganisation Malteser Care, über die aktuellen Herausforderungen bei der 24-Stunden-Betreuung.
KURIER: Die Regierung will bei der 24-Stunden-Betreuung bundesweit einheitliche und verbindliche Qualitätskriterien für Vermittlungsagenturen schaffen. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Helmut Lutz: Das ist ein guter Ansatz, der allerdings jetzt im bereits dritten Regierungsprogramm drinsteht. Wichtig ist, dass die Qualitätskriterien verpflichtend werden. Ich wäre auch sehr dafür, dass die 24-Stunden-Betreuung künftig kein freies Gewerbe mehr ist. Wir betreuen schließlich Menschen ab Pflegestufe 3, wir reden also über Leib und Leben. Trotzdem kann das jeder machen, der das will. Wenn ich eine Gastherme warten will, muss ich auch ein ausgebildeter Installateur sein. Nötig wären also gewisse Mindeststandards, um dieses Gewerbe ausüben zu dürfen. Etwa eine Fachpflegeperson in der Geschäftsführung.
Kommen in der Praxis häufig Schäden durch unsachgemäße Betreuung vor?
Statistiken kenne ich nicht. Es gibt schon Fälle von wundgelegenen Menschen, die stationär aufgenommen werden müssen, die aus einer nicht-qualitätsgesicherten 24-Stunden-Betreuung kommen.
Welche Qualitätskriterien müssen festgelegt werden?
Das Um und Auf ist die zwingende Einbindung der Fachpflege. Beginnend bei der Erst-Anamnese, also der Einschätzung der zu pflegenden Person und ihres häuslichen Umfelds. Sie muss auch einschätzen können, ob die Betreuerin die geeignete Person für den Einsatz ist. Die Fachpflege sollte auch regelmäßig vor Ort sein, um das Setting zu überprüfen. Im bestehenden freiwilligen Gütesiegel ÖQZ24 ist das schon vorgesehen. Allerdings nur quartalsweise, was viel zu wenig ist.
Wer soll die Einhaltung der Kriterien kontrollieren?
Hier wären keine zusätzlichen Strukturen notwendig. Es gibt ja jetzt schon eine Qualitätssicherung in Form der Kontrollbesuche vom Sozialministeriumsservice, die von Fachpflege-Personen durchgeführt wird. Wichtig wäre, dass dies immer die gleiche Person ist. Denn sie kann die Veränderungen bei der zu betreuenden Person besser beurteilen und ob die Betreuungsperson die richtige ist. Aber auch, ob die 24-Stunden-Betreuerin adäquat untergebracht und versorgt wird.
Besteht nicht die Gefahr, dass mit höheren Qualitätsstandards die Betreuung deutlich teurer wird?
Absolut. Deshalb ist die Finanzierungsfrage so wichtig. Es sei denn, man will die Familien sich selbst überlassen und nimmt in Kauf, dass die Betreuung ein Angebot für Eliten bleibt. Die, die sie sich nicht leisten können, haben dann eben Pech gehabt.
Warum schiebt Ihrer Einschätzung nach die Politik die Reformen so lange schon vor sich her?
Es hat den Anschein, dass es Lobbys gibt, die dagegen intervenieren. Aktuell hakt es auch am Geld. Wobei grundsätzlich genügend vorhanden wäre. Es fließen allerdings 80 Prozent der Mittel in die stationäre Pflege. Und das, obwohl sie wesentlich teurer ist und laut einer Gemeindebund-Studie 87 Prozent der Menschen lieber zu Hause betreut werden wollen. Trotzdem wird das stationäre Angebot massiv forciert.
Warum?
Pflegeheime sind den Gemeinden zugeordnet. Für einen Kommunalpolitiker ist es ein Benefit, wenn er über die Vergabe von Pflegeplätzen entscheiden kann. Mittlerweile wird aber den Kommunen langsam klar, dass sie dieses System nicht mehr finanzieren können.
Um dem drohenden Mangel an Betreuungskräften zu begegnen, wird die Rekrutierung aus Drittstaaten angedacht. Ist das sinnvoll?
Das ist die einzige Chance, die wir haben. Vorausgesetzt, wir gestalten den Prozess der Anerkennung der Ausbildung im Herkunftsland möglichst einfach. In Frage kämen Länder wie Albanien, Bosnien oder Serbien. Das hat den Vorteil, dass die dortigen Menschen unserem Kulturkreis sehr nahe sind.
Hilfsorganisationen kritisieren, dass die Betreuung zunehmend unerschwinglich ist, weil die bestehende Förderung (800 Euro/Monat) und die Einkommensobergrenze (2.500 Euro) viel zu niedrig sind. Was müsste sich konkret ändern?
Die Förderung müsste auf 1.600 Euro verdoppelt werden, wobei man hier eine Zweckbindung für ein faires Honorar und eine Qualitätssicherung einführen könnte. Das würde 200 Millionen Euro Mehrkosten bedeuten. Zumindest den gleichen Betrag können wir dann aber im stationären Bereich einsparen. Hinzu kommt die unselige Einkommensbarriere für die Förderung, die seit 20 Jahren nicht mehr geändert wurde. Damals waren 2.500 Euro ein gutes Einkommen. Heute macht eine legale, qualitätsgesicherte 24-Stunden-Betreuung schon 3.000 bis 3.500 Euro aus. Deshalb müsste die Einkommensgrenze auf zumindest 4.000 Euro angepasst werden.
Die Antwort der Politik?
Wir stoßen permanent auf taube Ohren. Damit treibt man die Menschen aber wieder in den Bereich der illegalen Betreuung wie vor 20 Jahren. Man hat den Anschein, dass das sogar der politische Wille ist. Umso spannender ist es, wenn die Regierung gleichzeitig von der Anhebung der Qualitätskriterien spricht. Wir haben hier ein absolutes Steuerungsversagen. Ich frage mich, wie wir die Menschen ab 2030, 2040 versorgen wollen, wenn wir nicht jetzt handeln. Wir sind wirklich mittendrin in einer Pflegekatastrophe. Es ist wie ein Sprung aus dem Flieger ohne Fallschirm, und die Regierung stellt am Boden nicht einmal einen Heuschober hin, um den Aufprall zu dämpfen.
Aber was wären die politischen Motive dahinter?
Offenbar hat man hinsichtlich des selbstständigen Arbeitsverhältnisses der Betreuerinnen ideologische Barrieren im Kopf. Es wird Geschäftemacherei und vieles mehr unterstellt. Dagegen wehre ich mich entschieden. Wir haben überhaupt kein Problem mit Anstellungsverhältnissen. Das wäre aber nicht finanzierbar. Die Familien müssten ungefähr das Achtfache der jetzigen Mittel in die Hand nehmen. Ich habe den Eindruck, man will das Problem aussitzen. Das geht aber nicht. Wir werden die Toten aus den Häusern tragen, wenn wir nichts unternehmen. Denn zur Versorgung der Babyboomer werden wir auch nicht genug stationäre Pflegeplätze haben.
Medial ist häufig von einer Ausbeutung der Betreuungskräfte die Rede. Wie groß ist dieses Problem tatsächlich?
Es gibt in der Branche schwarze Schafe. Aber weil wir ein freies Gewerbe sind, können wir sie nicht loswerden. Umso wichtiger sind Qualitätsstandards, die auch einen Notfallplan für Betreuungspersonen in solchen Situationen sicherstellen.
Abschließend: Was raten Sie Menschen bei der Wahl einer Betreuungsagentur?
Auch wenn das ÖQZ24-Qualitätszertifikat weiterentwickelt werden sollte, kann ich nur dazu raten eine Agentur zu wählen, die über dieses verfügt. Nur dann können sie sicher sein, dass beispielsweise binnen drei Tagen für Ersatz gesorgt wird, wenn eine Betreuungsperson ausfällt.
Zur Person
Helmut Lutz wurde 1961 in Wien geboren und startete seine berufliche Laufbahn in der Versicherungsbranche, wo er unter anderem im Controlling tätig war. 2003 wechselte er ins Wiener Hilfswerk, wo er Geschäftsführer wurde, 2016 schließlich zu Malteser Care.
Malteser Care GmbH
Das auf mobile Pflege und 24-Stunden-Betreuung spezialisierte Unternehmen ist Teil des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens.
24-Stunden-Betreuung
Rund 30.000 Menschen nehmen in Österreich 24-Stunden-Betreuung in Anspruch, 22.234 davon als geförderte Leistung. Das ist ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu 2017 (25.281).
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