Experten fordern: Was sich bei der 24-Stunden-Betreuung in Österreich ändern muss
Anna R. (Name geändert) lebt allein in einem Dorf in Oberösterreich. Sie leidet unter beginnender Demenz und bezieht auf Basis der Pflegestufe drei 590 Euro an Pflegegeld. Sie möchte gerne noch zu Hause leben, wobei sie die nötige 24-Stunden-Betreuung an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten bringt. Kostet doch diese 3.500 Euro im Monat.
Demgegenüber hat Frau R. monatliche Einnahmen von 2.600 Euro – knapp über der Höchstgrenze von 2.500 Euro, bei der noch eine Förderung über 800 Euro beantragt werden kann. Ohne Rückgriff auf das Ersparte und Hilfe ihrer Angehörigen könnte sie sich die alltäglichen Ausgaben abseits der Betreuung kaum leisten. Eine Betreuung im Heim würde wesentlich günstiger kommen. Wird doch diese Form der Betreuung vom Staat wesentlich großzügiger finanziert. Mit mehr als 38.000 Euro pro Jahr und Person, während für die 24-Stunden-Betreuung nur knapp 10.000 Euro ausgegeben werden.
Dabei will die Mehrheit der Betroffenen verständlicherweise zu Hause betreut werden, was obendrein volkswirtschaftlich wesentlich günstiger kommt.
30.000 Familien nehmen 24-Stunden-Betreuung in Anspruch
Auf diese Schieflage weisen die drei großen Hilfsorganisationen Caritas, Hilfswerk und Malteser im Vorfeld der nächsten Sitzung der Pflegeentwicklungskommission am Freitag hin. Steht doch diesmal das Thema 24-Stunden-Betreuung auf der Tagesordnung des Treffens zwischen Vertretern von Bund, Ländern und Gemeinden.
Dafür sei es auch höchste Zeit, kritisiert Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerks: „Man hat viel zu lange weggeschaut. Aber offenbar ist die 24-Stunden-Betreuung eine heiße Kartoffel für die Politik: Wir wissen, dass wir sie brauchen, aber niemand will sie angreifen.“ Dabei wird sie von rund 30.000 Familien in Anspruch genommen.
Sie und ihre Mitstreiter pochen darauf, dass die staatliche Förderung für die Betroffenen deutlich erhöht wird. Seit deren Einführung 2007 lag sie bis 2022 bei 550 Euro pro Monat. Danach wurde sie auf 800 Euro angepasst. „Damit hat man damals nicht einmal den Werteverlust korrigiert und mittlerweile entwertet sich die Förderung laufend weiter“, sagt Helmut Lutz, Geschäftsführer von Malteser Care.
Geht es nach den Hilfsorganisationen, müsste die Förderung auf 1.600 Euro (samt einer jährlichen Valorisierung) erhöht werden.
Anspruchsberechtigt sind Patienten ab Pflegestufe drei, wobei seit 2007 eine Einkommenshöchstgrenze von 2.500 Euro gilt. Auch sie müsste laut den Experten deutlich angehoben werden. Denn für Menschen knapp über der Einkommensgrenze sei eine 24-Stunden-Betreuung kaum leistbar. Die Hilfsorganisationen fordern daher eine Anhebung auf 4.055 Euro, ebenfalls mit einer jährlichen Valorisierung. „Denn die Betreuung darf nicht zum Elitenprogramm werden“, sagt Caritas-Generalsekretärin Anna Parr. „Jeder öffentliche Euro, der es den Menschen ermöglicht, zu Hause gut betreut zu werden, entlastet das System.“
Bezieher von sehr niedrigen Einkommen sollen zudem gesonderte Förderungen bekommen. Entsprechende Modelle gebe es bereits in einzelnen Bundesländern.
Bessere Qualitätsstandards
Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) hatte im November angekündigt, dass bei dieser Sitzung die im Regierungsprogramm festgeschriebene Qualitätssicherung bei der 24-Stunden-Betreuung auf den Weg gebracht werden soll. Ziel sei die Etablierung bundesweit einheitlicher und verbindlicher Qualitätskriterien für die Vermittlungsagenturen, hieß es damals. In Diskussion dürfte etwa auch eine Weiterentwicklung des (derzeit freiwilligen) Qualitätszertifikats „ÖQZ-24“ stehen.
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