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Politik | Inland
06/27/2019

12,7 Prozent brechen die Schule vorzeitig ab – Schlusslicht Wien

Offiziell haben wenige Österreicher nur einen Pflichtschulabschluss. Punktuell sind es bis zu zwei Drittel.

Sie sind eine der größten Herausforderungen des heimischen Bildungssystems: Jugendliche, die sich nicht mehr in Ausbildung befinden und die keinen Abschluss über die Pflichtschule hinaus vorzuweisen haben.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat sich die Daten zu diesen Abbrechern nun im Detail vorgenommen und teils Erstaunliches zutage gefördert.

Offiziell meldet Österreich eine Abbrecher-Quote von 7,3 Prozent – Tendenz fallend. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn diese Zahl baut auf der kleinen Volkszählung (Mikrozensus) auf, die auf Eigenangaben basiert.

Die IHS-Forscher haben jedoch genauere Daten. Und daraus eine Abbrecherquote von 12,7 Prozent berechnet – mit beträchtlicher regionaler Variation. Studien-Co-Autor Mario Steiner: „Die Realität der Jugendlichen ist, je nachdem, wo sie sich befinden, eine ganz andere.“

So weisen die Bezirke Zwettl (NÖ) und Freistadt (OÖ) mit je 6 Prozent die landesweit niedrigste Quote auf, am Ende der Statistik liegen gleich fünf Wiener Bezirke mit Favoriten als Schlusslicht (24,3 Prozent).

Stadt-Land-Umkehr

Ein ganz anderes Bild zeigt sich jedoch, wenn man sich Jugendliche mit Migrationshintergrund ansieht: Denn dann wird die Statistik plötzlich von gleich elf Wiener Bezirken angeführt, am Ende liegen hingegen ländliche Regionen wie Neusiedl, Baden und Urfahr-Umgebung.

Letzteres Beispiel ist besonders spannend: Denn der Bezirk, der sich von Linz bis an die tschechische Grenze zieht, liegt insgesamt mit einer Quote von 6,7 Prozent weit vorne. Bei den Migranten jedoch mit 63,8 Prozent am Ende der Statistik. Das heißt: Zwei von drei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fallen dort zu früh aus dem Bildungssystem.

Woran liegt das?

Laut den IHS-Forschern daran, dass Integration am Land viel stärker von informellen und sozialen Netzwerken abhängt als in der Stadt, wo das formale Angebot sowohl in der Breite als auch in der Dichte besser ist.

Argumente für die Gesamtschule

Generell ist der stark trennende Charakter des österreichischen Schulsystems ein Problem. Die vielen Selektionsmöglichkeiten führen laut Steiner zu einem Mangel an Kenntnis der eigenen Fähigkeiten – „kein Wunder bei einem Bildungssystem, das genau danach selektiert“.

Die Bildungspolitik von Türkis-Blau hat selektive Elemente (Wiedereinführung von Leistungsgruppen in NMS bzw. der Benotung in der 1./2. Volksschule, Stärkung von Sonderschulen etc.) weiter gestärkt. „Eine Politik, von der man eigentlich weiß, dass sie gescheitert ist“, nennt das Co-Autor Lorenz Lassnigg.

Die Autoren empfehlen neben weniger Selektion vielmehr individuelle Förderung von Stärken, mehr vernetztes Lernen auf Projektbasis, ein Herausnehmen des Testdrucks (PISA & Co.) und eine Mittel-Verteilung entsprechend den Herausforderungen am Standort – also mehr Geld für Brennpunktschulen. Werde der zuletzt eingeschlagene Weg fortgesetzt, droht hingegen eine weitere Steigerung der Abbrecherquote, warnt Lassnigg. Außerdem stoße diese Politik „die vor den Kopf, die etwas ändern wollen“.

Verlorene Jugend

Was sind FABA?

Unter FABA versteht man Frühe (Aus)BildungsAbbrecher. Darunter fallen alle Jugendliche zwischen 15 und 24, die sich nicht mehr
 in Ausbildung befinden und die über keinen Abschluss über die Pflichtschule hinaus verfügen.

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen hat das?

Das Arbeitslosigkeitsrisiko von FABA liegt 3,5-mal höher als jenes von Jugendlichen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II (AHS, BMS, BHS). Wegen der hohen Bedeutung formaler Qualifikation manifestiert sich diese Arbeitslosigkeit auch häufig.

Der Policy Brief des IHS kann hier kostenlos heruntergeladen werden.