Politik | Inland
03.09.2018

12-Stunden-Tag: Was sich ändert? „Nichts“

Seit Samstag gilt der 12-Stunden-Tag. Doch viele Betriebe arbeiten jetzt schon flexibel und warten ab.

Von der Wirtschaft freudig begrüßt, von der Gewerkschaft energisch abgelehnt: Seit Samstag gilt das neue Arbeitszeitgesetz, das eine maximale Höchstarbeitszeit von 12 Stunden bzw. 60 Stunden pro Woche erlaubt. Die Gewerkschaft fürchtet, dass Betriebe rasch beginnen werden, das neue Gesetz umzusetzen, bestehende Verträge anzupassen und Überstundenzuschläge zu streichen. Vor allem bei Gleitzeitvereinbarungen könnte der zuschlagsfreie Zeitrahmen auf 12 Stunden ausgeweitet werden – ohne Betriebsrat.

Und die Betriebe? Denen gehe es eher um die Bewältigung von Auftragsspitzen und nicht so sehr darum, länger arbeiten zu lassen, meint Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf. Ein Rundruf des KURIER ergab, dass viele Unternehmen ohnehin schon flexibel arbeiten, weil es die Branchen-Kollektivverträge ermöglichen.

Im Einzelhandel spielt der 12-Stunden-Tag nicht zuletzt wegen der hohen Teilzeitquote eine eher untergeordnete Rolle. Beim Handelskonzern Rewe (Billa, Merkur, Penny) freut man sich zwar über mehr Flexibilität in Auftrags- und Arbeitsspitzen, „für uns ändert sich dadurch jedoch wenig“, heißt es auf Anfrage. „Wir werden das so handhaben wie auch bisher auf Basis vorhandener Betriebsvereinbarungen“. Diese würden es schon jetzt erlauben, in Einzelfällen die Mitarbeiter punktuell bis zu 12 Stunden arbeiten zu lassen. Dabei werde auf „Einvernehmlichkeit und Freiwilligkeit“ Wert gelegt.

Industrie ist gelassen

In der Industrie sind 12-Stunden-Tage schon jetzt als Ausnahme und mit Zustimmung des Betriebsrates möglich. „Wir sind gar nicht betroffen, haben seit vielen Jahren Betriebsvereinbarungen für den 12-Stunden-Tag und Zeitkonten, über die wir das regeln“, bestätigt voestalpine-Sprecher Peter Felsbach. Die Voest stehe im internationalen Wettbewerb, die Produktion laufe 24 Stunden sieben Tage die Woche mit mehreren Produktionsschichten.

Karl Schmiedbauer, Seniorchef beim Wurstwaren-Erzeuger Wiesbauer, verweist ebenfalls auf eine Betriebsvereinbarung zum 12-Stunden-Tag. „Wir nutzen das saisonal manchmal – etwa zu Weihnachten. Aber auch nur in ganz wenigen Abteilungen wie der Räucherei.“ Mit 1. September ändere sich in seinem Unternehmen „gar nichts“.

Beim Feuerwehrausrüster Rosenbauer dürften die längeren Arbeitszeiten vor allem die Büromitarbeiter treffen. „Bei unseren Konstrukteuren, Controllern und dem Vertriebsinnendienst musste bisher die Grenze von maximal zehn Stunden am Tag eingehalten werden“, sagt Rosenbauer-Chef Dieter Siegel. Die Mitarbeiter hätten dann nach zehn Stunden eine eMail bekommen, dass sie nach Hause gehen müssen. Künftig stehe in dem eMail nur noch, dass sie bedenken sollen, dass sie schon zehn Stunden da sind.

F. Peter Mitterbauer, Vorstandsvorsitzender des Industriezulieferers Miba, sieht viel Polemik und Halbwahrheiten rund um den 12-Stunden-Tag. „Fakt ist, dass kein genereller 12-Stunden-Tag eingeführt wird. Es wird nur die Möglichkeit geschaffen, bei Bedarf auch zwölf Stunden zu arbeiten“, sagt Mitterbauer. Das schaffe ein Mehr an Flexibilität für beide, Unternehmen und Arbeitnehmer. „Als Unternehmen können wir flexibler auf Saisonspitzen bei Aufträgen unserer Kunden reagieren.“ Die Arbeitnehmer seien flexibler bei der Einteilung von Arbeit und Freizeit. „Für unsere Miba-Mitarbeiter wird sich neben der erhöhten Flexibilität kaum etwas ändern. Wir haben auch bisher bei Mehrstunden das Prinzip der Freiwilligkeit gelebt und werden das auch weiterhin so tun“, sagt Mitterbauer.

Friedrich Huemer, Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers Polytec, kritisiert „die falsche Kommunikation der sogenannten Arbeitnehmervertreter, wonach durch den 12-Stunden-Tag Nachteile in Form von Lohnraub beziehungsweise Gesundheitsgefährdung entstehen“. Das sei unverantwortlich, insbesondere vom ehemaligen Bundeskanzler, da in den ÖBB der 12-Stunden-Tag schon seit vielen Jahren Standard sei, wofür er als ehemaliger Generaldirektor verantwortlich sei. „Richtig ist vielmehr, dass kein Unternehmen interessiert sein wird, den 12-Stunden-Tag zu forcieren, da dadurch auf jeden Fall Mehrkosten entstehen.“

Nichts Neues am Bau

Die Baubranche verfügt ebenfalls schon länger über flexible Arbeits- und Durchrechnungszeiten. „Bei unseren Modellen ändert sich gar nichts“, sagt Porr-Chef Karl-Heinz Strauss. Zusätzliche Flexibilität habe für Arbeitnehmer viele Vorteile. Dass sie etwa am Donnerstagabend ins Wochenende fahren können. „Beim Betonieren oder Asphaltieren ist klar, dass die Arbeit fertiggemacht werden muss.“

Tourismus jubiliert

In der Hotellerie und Gastronomie war der Ruf nach mehr Flexibilität besonders groß. Mit der Verkürzung der Ruhezeit bei geteilten Diensten auf acht Stunden kam die Regierung den Betrieben besonders entgegen.

Michaela Reitterer, Inhaberin des Boutiquehotel Stadthalle in Wien und Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), kann jetzt besser einteilen. Beim Zimmer- und Frühstücksservice sei ein 12-Stunden-Tag von Natur aus kein Thema, in der Rezeption und im Back-Office ihres Stadthotels umso mehr. „Bei mir arbeiten viele Pendler, die froh sind, wenn sie künftig ihre Dienste so einteilen können, dass sie an vier statt bisher fünf Tagen arbeiten. Bei den gleichen Wochenstunden.“ Von den 30 Mitarbeitern des Hotels wollen zehn diese Möglichkeit nutzen. „Auch alleinstehende Mütter sind über die zusätzliche Flexibilität froh.“