Politik | Inland
21.06.2014

Start mit einem Drama

Als Heinz Fischer Bundespräsident wurde, herrschte wegen des Klestil-Todes Staatstrauer.

Donnerstag, der 8. Juli 2004, sollte eigentlich ein schöner Tag für Heinz Fischer werden. Erstmals wird er als Bundespräsident angelobt.

Der damals 65-jährige Politiker spaziert mit Ehefrau Margit von der Wohnung in Wien-Josefstadt zum Parlament – und gesteht ein: "Ich empfinde eine Mischung aus Gefühlen. Stolz, Freude, Dankbarkeit, ein klein bisschen Nervosität." Aber es sei "auch ein trauriger Tag". Bundespräsident Thomas Klestil ist tot – zusammengebrochen drei Tage vor der Amtsübergabe.

Im dicht besetzten Reichsratssaal, wo Fischer kurz danach eintrifft, ist die Stimmung gedämpft. Fast alle Gäste tragen schwarz. Über der Österreich-Fahne an der Wand hängt eine schwarze Schleife – Staatstrauer. Auch in den Tagen zuvor herrscht Ausnahmezustand in der Republik.

Rückblende

Montag, 5. Juli 2004, Wenzgasse 16, Wien-Hietzing. Thomas Klestil will zum Ende seiner Amtszeit eine Pressekonferenz geben – trotz Bedenken seiner Mitarbeiter. Der Präsident ist gesundheitlich angeschlagen, hat einen "Tag der offenen Tür" in der Hofburg abgesagt. Seit Jahren leidet er an einer schweren Lungenerkrankung und laboriert auch an den Folgen einer Achillessehnen-Operation. Ständige Schweißausbrüche machen ihm zusätzlich zu schaffen.

Dennoch beordert er seinen Chauffeur um 8 Uhr Früh nach Hietzing. Im ersten Stock der Klestil-Villa verabschiedet sich der Hausherr gerade von Ehefrau Margot – und will sich auf den Weg ins Büro machen. Doch er schafft es nicht einmal bis zur Eingangstür. Im Erdgeschoß bricht der 71-Jährige zusammen. Herzstillstand. Zunächst bemerkt es niemand. Wenige Minuten später startet ein Bodyguard Reanimationsversuche – bis der Notarzt da ist und übernimmt.

Draußen, in der Wenzgasse, fragen ein paar Anrainer derweil, was in der Klestil-Villa geschehen sei. "Mit dem Herrn Bundespräsidenten is’ was", sagt ein Mann.

Kurz vor 9 Uhr geht die Tür auf. Der bewusstlose Präsident wird auf einer Trage zum Rettungshubschrauber gebracht. Margot Klestil-Löffler, kreidebleich im Gesicht, begleitet ihn. Im Garten des 800 Meter entfernten Don-Bosco-Hauses wartet ein ÖAMTC-Hubschrauber, der den prominenten Patienten ins AKH bringt.

Es dauert nicht lange, ehe sich die Nachricht über den Kollaps des Staatsoberhauptes im ganzen Land verbreitet. "Wir haben Hoffnung, aber wir sind in großer Sorge. Die Lebensgefahr ist akut", berichtet Reinhard Krepler, der ärztliche Direktor des AKH, wenige Stunden später den zahlreichen Journalisten, die ins Krankenhaus geeilt sind. Klestil liegt zu diesem Zeitpunkt auf der Intensivstation im künstlichem Tiefschlaf.

Hinter den Kulissen heißt es bereits, es sei praktisch aussichtslos. Man müsse jederzeit mit der Todesnachricht rechnen.

Kanzler übernimmt

Während Klestils Familie im Krankenhaus um ihn bangt, beschäftigt sich die Politik mit formal-juristischen Dingen. Die Präsidentschaftskanzlei gibt bekannt, dass "die Funktion des Bundespräsidenten gemäß Artikel 64 Absatz 1 Bundesverfassungsgesetz auf den Bundeskanzler (Wolfgang Schüssel) übergegangen ist".

Dienstagfrüh wird aus dem Krankenhaus vermeldet, Klestils Zustand habe sich verschlechtert – die Ärzte können ihn vorübergehend nochmals "stabilisieren". Doch spätabends müssen die Mediziner den Kampf aufgeben. Klestil stirbt um 23.33 Uhr im Kreise seiner Familie. Multi-Organ-Versagen.

"Ganz Österreich trauert", sagt Heinz Fischer. Bis zu seiner Angelobung übernehmen die drei Präsidenten des Nationalrats – Andreas Khol, Barbara Prammer und Thomas Prinzhorn – Klestils Amtsgeschäfte.

Feier abgesagt

Es sei "traurig und tragisch" dass aus der geplanten Verabschiedung Klestils in den Ruhestand "eine Verabschiedung auf Dauer" geworden sei, sagt Fischer bei einer Trauer-Sitzung im Parlament. Eine seiner ersten Aufgaben ist, Klestils Sarg von der Präsidentschaftskanzlei in die Hofburg-Kapelle zu geleiten. Zwei Tage später reisen 25 Staatsoberhäupter zum Staatsbegräbnis an.

Die Feier mit Gardemusik und Flaggenparade anlässlich der Amtsübernahme ist selbstverständlich kein Thema. Die ist Fischer aber sechs Jahre später vergönnt – bei seiner zweiten Angelobung am 8. Juli 2010.