Nelken, Pfeile, Zahlenspiele: Fünf Fakten zum 1. Mai
Von alter roter Herrlichkeit ist nicht mehr viel übrig. Bei mageren 18,3 Prozent liegt die SPÖ derzeit in Umfragen. Umso wichtiger sind Traditionen, die an die große Vergangenheit erinnern. Allen voran der 1. Mai mit seinem Aufmarsch in Wien und der Schlusskundgebung vor dem Rathaus – eine der letzten großen SPÖ-Bastionen. Parteichef Andreas Babler, intern nach wie vor unter Kritik, wird wohl die SPÖ-Errungenschaften wie die Verlängerung der Bankenabgabe im Rahmen der jüngsten Budgetverhandlungen feiern. Neben ihm ans Rednerpult treten werden traditionsgemäß der Hausherr, Bürgermeister Michael Ludwig, ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian sowie die Wiener SPÖ-Frauen-Vorsitzende Marina Hanke.
Doch wie kam es dazu, dass der 1. Mai zum Tag der Arbeit und damit zum Feiertag der Sozialdemokratie wurde? Was steckt hinter den Symbolen, mit denen sich die Genossen auf ihren Marsch in Richtung Rathausplatz schmücken? Und warum kommt es immer wieder zu Debatten, wie viele Teilnehmer sich vor dem Rathaus versammeln? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Hochfest der Sozialdemokratie.
Wie wurde der 1. Mai zum Tag der Arbeit?
Angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse vor Ort mag es nur schwer vorstellbar sein: Die Wurzeln des internationalen Kampftags der Arbeiterbewegung liegen in den USA. Dortige Gewerkschaften haben 1888 den 1. Mai zum Protest- und Streiktag für den Acht-Stunden-Arbeitstag erklärt. Zwei Jahre davor war ein Streik von Arbeitern in Chicago nach Zusammenstößen mit der Polizei blutig eskaliert. Die Ereignisse gingen als sogenannte Haymarkt-Affäre in die Geschichte ein.
Die Haymarket-Unruhen in Chicago 1886.
Schon 1889 wurde in Paris auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale der 1. Mai zum Gedenken an die Opfer zum „Kampftag“ erklärt. 1890 wurde er bereits weltweit mit Streiks und Demonstrationen begangen. So auch in Österreich, wo im Wiener Prater eine Kundgebung mit mehr als 100.000 Teilnehmern über die Bühne ging – die bisher größte in der Geschichte der Stadt.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges verlegten die Sozialdemokraten den Maiaufmarsch auf die Ringstraße, der 1. Mai wurde zum Feiertag. Im Austrofaschismus erfolgte das Verbot der sozialdemokratischen Maifeiern. Bewusst wurde 1934 der Tag umfunktioniert, um die Einführung der ständestaatlichen Maiverfassung zu zelebrieren. Der 1. Mai wurde zum Staatsfeiertag erklärt. Im Nationalsozialismus wurde der Tag schließlich als „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ begangen.
Nach 1945 gewann der Feiertag seine ursprüngliche Bedeutung wieder zurück. Neben der SPÖ nutzen ihn aber auch andere Parteien für diverse Kundgebungen und Aktionen.
Was bedeutet das Symbol der drei Pfeile?
Das markante Logo ist beim Maiaufmarsch auf Flaggen zu sehen und wird von vielen Genossen als Anstecker getragen. Entstanden ist es als sozialdemokratisches „Kampfsymbol“ Anfang der 1930er-Jahre in der chaotischen Endphase der Weimarer Republik. Die drei Pfeile stehen für den Kampf gegen den reaktionären Konservatismus, die NSDAP und die KPD.
Es gibt aber auch andere Lesarten. So sollen sie die Begriffe Aktivität, Disziplin und Einigkeit symbolisieren oder aber für Partei, Gewerkschaft und Wehrverband stehen. Bald wurde das Symbol auch von Österreichs Sozialdemokraten übernommen.
Warum tragen die Genossen rote Nelken?
Dieser Brauch geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück, als die noch junge Sozialdemokratie insbesondere im Deutschen Reich massiven Repressalien ausgesetzt war. Da unter anderem öffentliche Versammlungen mit Flaggen und Transparenten untersagt waren, wurde die rote Nelke im Knopfloch zum Erkennungszeichen und Widerstandssymbol.
Bereits davor galt die rote Rose als Symbol der revolutionären Sozialisten, heißt es auf der Website rotbewegt.at, vermutlich aus Kosten- und Verfügbarkeitsgründen setzte sich im Laufe der Zeit schließlich aber die Nelke durch.
Woher stammt die „Internationale“?
Das Kampflied der Arbeiterbewegung wird traditionell am Ende der offiziellen Mai-Feiern gesungen. Den (ursprünglich französischen) Text schrieb der Dichter Eugène Pottier 1871 unter dem Eindruck der gewaltsamen Niederschlagung der Pariser Kommune. Die Melodie komponierte der Belgier Pierre Degeyter, Dirigent des Arbeitergesangsvereins von Lille, 1888.
Im Jahr 1910 entstand schließlich die deutschsprachige Version. Beginnend mit der Textzeile: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt.“ Gesungen wird das Lied auch am Ende von SPÖ-Parteitagen.
Wie viele Menschen kommen zur 1.-Mai-Feier in Wien?
Das ist eine Frage, die in der Vergangenheit immer wieder zu teils heiteren, teils sehr lebhaften Debatten führte. Anlass dazu boten vor allem die – vorsichtig formuliert – etwa optimistischen Angaben der SPÖ Wien zu den Teilnehmerzahlen. 2022, nach zwei Jahren coronabedingter Pause, sprach die damalige Landesparteisekretärin Barbara Novak von 100.000 Menschen, die sich auf dem Rathausplatz eingefunden hätten, während die Polizei lediglich 1.500 bis 2.000 Teilnehmer gezählt haben wollte. Zur Einordnung: Im Jahr 2023 verfügte die SPÖ über rund 150.000 Mitglieder – österreichweit.
Diskrepanzen, die Medien zu investigativen Höchstleistungen anstachelten. Mittels softwarebasierter Bildanalyse bestätigte etwa der Standard die Angaben der Polizei.
Im Jahr 2019 wurden die Besucherströme beim SPÖ-Maiaufmarsch sogar Thema im Parlament. In diesem Jahr begleitete ein Polizeihubschrauber die Kundgebung der Roten, die dabei geschossenen Fotos landeten rasch in diversen Medien. Die SPÖ ortete eine Instrumentalisierung der Polizei durch den damaligen Innenminister Herbert Kickl (FPÖ). Wobei die Polizei damals immerhin 12.000 Teilnehmer gezählt hatte. Was aber ebenfalls nur einen Bruchteil der 120.000 laut SPÖ-Angaben bedeutete. Damit sei die Gesamtzahl aller Beteiligten am Sternmarsch aus den Bezirken gemeint, argumentierte die Partei.
Mittlerweile scheint die SPÖ selbst schon von diesen Zahlenspielereien genervt zu sein. In den Jahren nach 2022 verzichtete sie darauf, Teilnehmerzahlen zu verlautbaren.
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