© REUTERS/Henry Romero

Politik Ausland
11/23/2020

Zurück zur Weltpolitik: Der nächste US-Außenminister ist Profi und Europafreund

Der erfahrene Spitzendiplomat Anthony Blinken ist Bidens rechte Hand und kennt das Außenamt in allen Lebenslagen.

von Dirk Hautkapp

„Diese Entscheidung ist dumm, boshaft und ein strategischer Flop. Es schwächt die NATO, hilft Putin, und es beschädigt Deutschland, unseren wichtigsten Verbündeten in Europa.“ Der Satz, mit dem Tony Blinken im Sommer die Abzugspläne Donald Trumps für 12.000 US-Soldaten in Deutschland formulierte, gewinnt ab Dienstag enorm an Gewicht.

Bidens rechte und die linke Hand

Der 58-Jährige, der über fast 20 Jahre die rechte und die linke Hand des künftigen US-Präsidenten Joe Biden war und zum in Würde gealterten diplomatischen Edelholz in Washington gehört, soll Amerikas neuer Außenminister werden. Biden will das am Dienstag bekannt geben. Biden unterstreicht damit seine Ankündigung, die USA nach den Alleingänger-Jahren der Trump’schen „America First“-Periode wieder stärker in internationale Allianzen zu integrieren.

Kein Alleingänge mehr

Weil Biden vom ersten Tag seiner Amtszeit an wegen der Pandemie innenpolitisch gefordert sein wird, soll Blinken Garant für die Umsetzung dessen sein, was Biden in Aussicht gestellt hat: die Rückkehr zu einer berechenbaren Weltpolitik, in der Amerika vorangeht – aber nicht allein, kompromisslos und mit ausgefahrenen Ellenbogen. Auf dem Plan: Rückkehr ins Pariser Klimaschutzabkommen, eine noch schwer fassbare Neu-Auflage des Atom-Deals mit dem Iran und die Revitalisierung der UNO. Dabei soll Blinken „als Mensch gewordene vertrauensbildende Maßnahme fungieren“, sagte ein leitender Mitarbeiter des Außenministeriums dem KURIER: „Tony ist extrem kenntnisreich, weltweit vernetzt und gibt Fakten die Vorfahrt vor ideologischen Festlegungen.“

Schluss mit "künstlichen Handelskriegen"

Als Signal einer Entspannung erklärte Blinken schon vor Wochen, dass Joe Biden im Falle eines Wahlsieges die „künstlichen Handelskriege“ Trumps beenden werde.

Es gibt kaum Spielorte im US-Außenamt, die Blinken nicht kennt. Anfang der 90er Jahre arbeitete er in der Europa-Abteilung, Später wurde er Bill Clintons wichtigster außenpolitischer Redenschreiber. Als Biden den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss des Senats übernahm, wurde er 2002 zum Fixstern im Kosmos des künftigen Präsidenten. Von 2013 bis 2015 diente Blinken im Nationalen Sicherheitsrat von Barack Obama. 2015 wechselte er als zweithöchster Diplomat ins Außenministerium.

Bevor Blinken, Sohn eines ehemaligen US-Botschafters in Ungarn und Stiefsohn des berühmten Holocaust-Überlebenden und Star-Anwalts Samuel Pisar, in die Politik ging, liebäugelte er mit einer Karriere als Journalist oder Film-Produzent.

Beste Kontakte

Der in New York und Paris aufgewachsene Diplomaten-Sohn, er machte an der Seine Abitur und spricht fließend Französisch, hat in Harvard und an der Columbia-Universität Jura studiert, ist ein Beatles- und Jazz-Bewunderer, passabler Gitarrist sowie Fußball-Fan. Durch seine Mutter Judith (82), eine bekannte Kunst-Mäzenin, und den leiblichen Vater Donald Blinken (95), ein reicher Investor, kam Blinken schon in jungen Jahren mit Prominenz aus Politik und Kultur von Leonard Bernstein über John Lennon und Valéry Giscard d“Estaing bis Christo in Kontakt.

Ehefrau arbeitete für Clinton

Evan Ryan, seine Frau, arbeitete früher als Kultur-Staatsministerin für Hillary Clinton, als die Obamas Außenministerin war. Mit Trumps Amtsantritt wechselte Tony Blinken an die Johns Hopkins Universität: Außenpolitik natürlich. Das Blinken zum Kern demokratischer Machtzirkel gehört, dokumentierte das historische Foto aus Mai 2011, als die Top-Riege der Obama-Regierung die Tötung von El Kaida-Chef Osama Bin Laden live im Weißen Haus verfolgte.

Großvater überlebte KZ

Ganz hinten im Tür-Rahmen sah auch Blinken zu, der kein „Falke“ ist, aber die militärische Kraft der USA zu schätzen weiß. Nachdem das Assad-Regime 2013 chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hatte, warb er vehement für einen Militärschlag in Syrien, den Obama ablehnte.

Als Trump 2017 einen Giftgas-Angriff Assads militärisch sanktionierte, spendete Blinken Beifall. Ein Grund: Sein Stiefvater überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau.

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