Ein Herz für seine Frau Julia: Nawalnys Geste aus dem Gerichtssaal ging um die Welt. Das Urteil macht ihn für viele zum Märtyrer               

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Politik Ausland
02/04/2021

Wird aus Alexej Nawalny der russische Mandela?

Indem Putin seinen Intimfeind wegsperrt und Proteste blutig beenden lässt, demonstriert er Härte wie noch nie. Das macht Nawalny für viele Russen zum Helden – aber längst nicht für alle.

von Evelyn Peternel

2013, so erzählt man sich, hat Wladimir Putin eine Devise ausgegeben. Alexej Nawalny, damals zu einer der Leitfiguren der Opposition aufgestiegen, dürfe auf keinen Fall verhaftet werden. Das mache aus ihm „nur einen Helden“, so der Präsident.

Sieben Jahre später ist genau das passiert. Nawalny wurde vergiftet, verhaftet, für die nächsten zweieinhalb Jahre weggesperrt. Seine Anhänger, die nach dem Urteil auf die Straße gingen, wurden von der Polizei mit einer Brutalität behandelt, die neu ist – in Moskau wurden mehr Menschen inhaftiert, als es Zellen gibt. Und selbst unbescholtene Bürger, die sich nicht an den Protesten beteiligten, spüren die harte Hand des Staates. Eine Lektorin an der staatlichen Höheren Schule für Wirtschaft etwa verlor ihre Stelle, weil sie einen Tweet eines Nawalny-Mitstreiters verbreitete.

Die Folge daraus? Plötzlich ist nicht mehr von Nawalny, dem umstrittenen Oppositionellen, sondern vom bekanntesten politische Gefangenen Europas die Rede. Und Vergleiche historischer Dimension werden gezogen: Hat er das Zeug zu einem neuen Nelson Mandela?

„Mandela hat die deutliche Mehrheit der Bevölkerung hinter sich gehabt, als er inhaftiert wurde. Das hat Nawalny nicht, zumindest noch nicht“, analysiert Aleksandr Baunov von Carnegie Moskau. Zwar ist Putins Partei Einiges Russland in Wahlumfragen deutlich abgestürzt, sie kommt mit 43 Prozent auf 10 Prozentpunkte weniger als bei der Duma-Wahl 2016. Dennoch sehen viele Russen in Nawalny keine Alternative, wie eine Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts zeigt: Nur 15 Prozent glauben, dass er vom FSB vergiftet wurde, 49 Prozent denken, er selbst oder ein ausländischer Geheimdienst habe das Ganze inszeniert.

Kreml-Erzählung

Diese Erzählung verbreitet der Kreml ausführlich – über ihm nahe stehende Medien, die den überwältigenden Teil der Massenmedien stellen. Während unabhängige Medien den „Scheinprozess“ anprangern, wird Nawalny in staatsnahen Medien als perfider Straftäter beschrieben. Das erklärt auch, warum so viele Ältere den Oppositionellen ablehnen und Jüngere ihm folgen: Unabhängige Medien können fast nur im Netz publizieren, dort lesen wiederum Jüngere.

Das heißt freilich nicht, dass sich der Wind nicht langsam dreht. „Nawalnys Image hat sich von dem eines pro-westlichen Abenteuers zu einem Opfer der Ungerechtigkeit gewandelt“, so Tatjana Stojanova vom Thinktank R.Politics. Dadurch stößt er jetzt quer durch alle Altersschichten und Regionen auf mehr Zuspruch. Das wiederum bringt den Kreml in eine missliche Lage: Seit 20 Jahren sei Putin erstmals in Bedrängnis, sagt die Politologin.

Da die Verurteilung nur „der erste Teil der Saga“ war – am Freitag wartet der nächste Prozess auf Nawalny –, wird die Polarisierung der Gesellschaft massiver, prognostiziert sie. Die Konsequenzen? Seien unvorhersehbar. So unvorhersehbar, dass eine Wandlung vom einfachen Gefangenen in einen echten politischen Heilsbringer möglich scheint.

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