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31.12.2017

Wiener Eisläuferinnen-Verein wird 150

Eine Institution im Stadtkern von Wien feiert heuer ihr 150-jähriges Bestehen. In der Festschrift finden sich auch Hinweise auf herausragende Karrieren von Sportlerinnen.

"Der Wiener Eislaufverein spielt eine Vorreiterrolle bei der Förderung des Frauensports", konstatiert Agnes Meisinger. Die Zeithistorikerin von der Universität Wien hat im Auftrag des WEV dessen 150-jährige Vereinschronik aufgearbeitet. Ihre Ergebnisse sind mit unzähligen historischen Photographien in dem Band 150 Jahre Eiszeit (Böhlau-Verlag, 29,99 Euro) erschienen.

Neben den international äußerst erfolgreichen Eiskunstläuferinnen wie Herma Szabó, Trixi Schuba oder Ingrid Wendl verweist Meisinger auch auf weniger bekannte Pionierinnen in anderen Eis-Sportarten: So melden sich bereits in den 1920er-Jahren Frauen in Wien zum Eisschnelllauf an. Dies ist insofern beachtlich, als diese Sportart mit Ausnahme von Skandinavien, den Niederlanden und den USA bis in die 1970er-Jahre eine Männerdomäne bleibt.

Mitzi Schilling, Tochter des Europameisters Franz Schilling, will es ihrem Vater gleichtun. Dabei muss sie in den (zu großen) Schuhen des Vaters starten. Nicht viel besser ergeht es ihren Konkurrentinnen Melitta Brunner und Fritzi Burger. Eislaufschuhe mit langen Eisen für Frauen gibt es in den 1920er-Jahren nicht zu kaufen. Alle drei erweisen sich auch als exzellente Kunstläuferinnen, Melitta Brunner zudem als Alpinistin.

Wiener Weltmeisterin

Als prominenteste WEV-Flitzerin gilt aber Liselotte Landbeck. Sie fährt über 500 und 1000 Meter vier Weltrekorde ein und entscheidet 1933 die erste inoffizielle Weltmeisterschaft für Eisschnellläuferinnen in Oslo für sich. Parallel wird sie als Kunstläuferin 1934 und 1935 zwei Mal Vizeeuropameisterin, 1934 holt sie zudem Bronze bei der WM.

Agnes Meisinger macht darauf aufmerksam, dass auch die Eishockeyspielerinnen des WEV früh Akzente in ihrer Sportart setzen können. Gegen die Ressentiments männlicher Sportfunktionäre. So kommen im Jahr 1929 erstmals gut 15 Frauen auf dem Heumarkt zusammen, um gemeinsam einem Puck nachzujagen. "In Mitteleuropa eine Sensation", weiß die Historikerin.

Die ambitionierte Architektur-Studentin Leyla Assim Tourgoud führt die Frauschaft als Kapitänin aufs Eis. Während in Skandinavien für ihresgleichen eine eigene Liga etabliert wird, können sich die Wienerinnen nur mit ihren Konkurrentinnen aus Budapest messen. Doch Tourgoud und ihre Teamkolleginnen treffen sich nicht aus reinem Jux. Sie werden von einem Spieler der Männer-Nationalmannschaft, Ulli Lederer, trainiert. Die Männer sind in der Zwischenkriegszeit nicht ganz unerfolgreich, unter anderem werden sie auch Europameister.

"Leider hat der Geist des Faschismus wenig später alles zerstört", bedauert die Historikerin, deren wissenschaftlicher Fokus auf Sportgeschichte liegt. Die Trainingsgruppe wird im Jahr 1934 auf Geheiß des damaligen WEV-Sektionsleiters aufgelöst. Angeblich, so die Begründung, sei die "Gefahr für Leib und Leben" zu groß gewesen. Meisinger: "Frauen beginnen in Österreich erst wieder in den späten 1990er-Jahren, Eishockey zu spielen."

Der "Würger von Wien"

Fast in Vergessenheit geraten ist, dass sich der WEV auch als Sommersportverein in Wien einen Namen machen kann. Diese Tradition ist wiederum einer Geldnot geschuldet. Daher wird schon in der Zwischenkriegszeit im Frühjahr Sand aufgeschüttet, um die mondänen Tennisspieler der Stadt anzulocken. Nebenbei wird auch eine eigene Box-Sektion gegründet.

Viel zur Popularität des Heumarkts haben die Freistilringer beigetragen. Bärenstarke Typen wie Franz Krivinka (im Brotberuf Dachdecker, im Ring der "Würger von Wien") sowie die Lokalmatadore Schurl Blemenschütz und Otto Wanz brachten die Massen zum Kreischen. Die Historikerin verweist allerdings auch auf die Ressentiments, die von den Ringern wohlweislich geschürt wurden: Der Heimische war immer der Gute, dem die Herzen zuflogen, der Fremde immer der Böse, dem die Buh-Rufe galten. "Dieses Schwarz-Weiß-Muster wurde in Wien dankbar angenommen."

Dass der WEV eine Wiener Institution ist, bestätigen nicht nur die Gratulanten im Buch. Doch wird diese noch einmal so alt?