Eine Wahlkampfveranstaltung von Vox

 

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Politik Ausland
11/08/2019

Wie Spaniens Ultrarechte vom Frust in leeren Retortenstädten profitieren

Wahlkampf in Spanien: In der Mancha, eine der ärmsten Regionen des Landes, punktet die neue Rechte mit nationalistischen Parolen

Dort, wo in Spanien besonders viele Menschen die rechte Partei Vox wählen, sieht die Welt auf den ersten Blick ganz in Ordnung aus: Neubauten, junge Elternpaare, die mit ihren Kleinkindern und deren Großeltern im Kaffeehaus zu Mittag essen, sogar eine eigene Universität gibt es in der Mancha, einer Provinz östlich von Madrid.

Im Vergleich zu manchen Vierteln in Madrid, sind die Kleinstädte hier das Gegenteil von multikulturell. Auch die Arbeitslosenrate ist zuletzt gesunken.

Warum also hat Vox genau hier eines ihrer besten Ergebnisse bei der vergangenen Wahl zum spanischen Parlament erzielt? „Ihr kennt das doch in Österreich. Das ist eine Bewegung, die gerade überall in Europa passiert,“ sagt José Miguel Cócera Mayor, der Bürgermeister von Yebes, einer Gemeinde mit 3.518 Einwohnern, von denen 25 Prozent die ultrarechte Partei gewählt haben.

Einfache Lösungen

„Die Rechten bieten vermeintlich einfache Lösungen an und finden so ihre Wähler,“ sagt er. Den Statistiken zufolge sind das doppelt so viele Männer wie Frauen. Die meisten zwischen 31 und 50 Jahren. Die Vox-Wähler haben ein ähnliches Profil wie die FPÖ-Wähler. Dass gerade die Jungen Vox unterstützen, die Gesetze zum Schutz gegen Gewalt an Frauen einschränken will, versteht Cócera Mayor, der Sozialdemokrat, ebenso wenig wie die Senioren in einem Café, die mutmaßen, dass die Jungen einfach keine Ahnung von Geschichte hätten und vom Nationalismus, der Spanien in den 30er-Jahren in eine Diktatur führte.

Katalonien als Wahlkampf-Thema

Im Hintergrund zeigt der Fernsehbildschirm Bilder aus Katalonien, wo Unabhängigkeitsbefürworter seit zwei Wochen gegen die Verurteilung von neun katalanischen Politikern demonstrieren. Vox verteidigt die spanische Einheit und will zurück zum Zentralstaat. 2014 hat sich die Partei als rechte Alternative zum konservativen Partido Popular (PP) etabliert. In der Zwischenzeit ist sie Teil der andalusischen Regierungskoalition und sitzt in der Stadtregierung von Madrid.

Durch die Aufstände in Katalonien bekommt sie Aufschwung. Die rot-gelb-rote Nationalflagge ist allgegenwärtig, sie hängt von den Balkonen oder taucht als Armband am Handgelenk auf, wenn die Jacke verrutscht.

„Die Nationalflagge ist in Mode und Vox nutzt das für den Wahlkampf,“ sagt eine Studentin, die umgeben von ihren Freunden eine selbstgedrehte Zigarette raucht.

„Ich glaube, dass viele keinen Bock mehr auf diesen Stillstand haben,“ sagt die Kellnerin, eine junge Frau mit Pferdeschwanz. Die 51-jährige Mercedes kann das nachvollziehen. Sie sitzt in ihrem Taxi und erklärt: Als sich die linke Podemos als Alternative zu den etablierten Parteien gegründet hat, haben die Leute sie gewählt. Nachdem sie auch von dieser Partei enttäuscht wurde, wählen sie nun eben rechts. „VOX hatte einfach noch keine Gelegenheit, es auch zu versauen,“ sagt sie.


Das spanische Parteiensystem hat erst 2014 damit begonnen, sich aufzufächern. Gab es früher die sozialistische PSOE und die konservative PP im Parlament, sind es jetzt fünf Parteien. Doch anstatt neue Koalitionsmöglichkeiten auszuloten, bilden sie erneut zwei Blöcke und bremsen so eine politische Weiterentwicklung aus.

Mercedes wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Valdeluz, einer Retortenstadt bei Madrid. 30.000 Leute sollten hier leben, aber mit der Wirtschaftskrise verlangsamte sich der Bau und das Wachstum. Zehn Jahre später ist immerhin ein Viertel des Geländes mit über 3.000 Menschen bewohnt. Die Straßen sind leer, auf den unbebauten Flächen herrscht Wildwuchs. Zum Arbeiten fährt man aber in die nahe gelegenen Orte oder direkt in das 60 km entfernte Madrid.

Das Geld reicht nicht

Mercedes fühlt sich vom Staat ausgenommen. „Es ist wieder wie damals, als ich 16 war,“ sagt sie. „Die Leute gehen arbeiten, aber das Geld reicht nicht, um aus dem Elternhaus auszuziehen oder zu heiraten.“ Sie hat einen Abschluss als Psychologin und einen Master in Human Resources. Aber als Taxifahrerin verdient sie das Dreifache, wie sie sagt.

„Die Politiker der alten Parteien kriegen nach zwei Jahren im Senat ihr restliches Leben lang einen guten Lohn. Und mir sagt man nach 35 Jahren arbeiten und Steuern und Sozialabgaben zahlen, dass ich keine Rente bekomme,“ sagt Mercedes, die erzählt, dass sie sich ein drittes Kind einfach nicht leisten konnte.„Dank den alten Parteien lebe ich mit 51 wieder wie mit 16.“ Sie wird es ihnen an der Wahlurne heimzahlen.