ISRAEL-HEALTH-VIRUS-MASKS

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Politik Ausland
05/01/2021

"Nach eineinhalb Jahren endlich keine Angst mehr"

In Israel hält nach den Corona-Lockdowns das "normale Leben" wieder Einzug. Wie Privatpersonen die Öffnungen erleben.

von Karoline Krause-Sandner

Etwas länger als ein Jahr war alles anders in Israel. Masken im Freien gehörten zum Stadtbild, geschlossene Geschäfte, Bars, Restaurants. Doch wie in aller Welt mittlerweile bekannt, hat Israel durch seine fortschreitende Durchimpfung Schritt für Schritt immer mehr Lockerungen zugelassen. Zuletzt fiel auch die Maskenpflicht im Freien. Auch weitere Öffnungen im Kultur- und Sportbereich wurden zuletzt abgesegnet, Lockerungen für Gastro und Nachtclubs.

Voraussetzung ist auf der einen Seite ein kleiner violetter Sticker am Eingang zu Geschäften und Cafés. Auf der anderen Seite ein QR-Code am Handy oder Zettel für Geimpfte oder Genesene. Der "Grüne Pass". Jeder und jede, die ihn hat, kann - so gut wie - Normalität leben. Doch wie fühlt sich das an? Ist alles wie früher? Ist man wieder ausgelassen oder bleibt man vorsichtig? Der KURIER hat mit Menschen in Israel gesprochen, die ihre eigene Sicht auf die Öffnungen schildern.

Melanie, 25: "Es ist fast wie in alten Zeiten!"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Die letzte "Party", auf der ich war, war am Sonntag. Party unter Anführungszeichen, weil es eine Open-Air-Veranstaltung in einer Bar in der Nähe vom Strand war und wir an einem Tisch gesessen sind – mit relativ viel Abstand zu anderen. Danach hätte es noch die Möglichkeit gegeben nach drinnen auf die Tanzfläche zu gehen, wo man ab Mitternacht dann richtig hätte feiern können. Dafür waren wir aber einerseits zu müde, weil wir nach den Lockdowns es einfach nicht mehr gewohnt sind auszugehen. Und auf der anderen Seite versuchen wir, obwohl wir geimpft sind, den engen Kontakt zu anderen Menschen weiterhin zu meiden.

So denken hier aber die wenigsten, es fühlt sich in Israel so an, als wäre der „Grüne Pass“ die Freikarte zu einem normalen Leben. Vor allem wenn man in Tel Aviv lebt, könnte man wirklich jeden Tag auf eine andere stark besuchte Party gehen, ob Out- oder Indoor, hier stehen einem geimpften Menschen alle Möglichkeiten offen.

Hast du während der Lockdowns auch mal deine Freunde getroffen?

Während des Lockdowns haben wir uns sehr streng an die Regeln gehalten und wir hatten das Gefühl, dass die breite Masse sehr bemüht ist sich an alle Abstandsregeln zu halten, außerdem würde sagen, dass sich “auf der Straße” mehr als 95% der Leute an das Masken Mandat gehalten haben. Freunde haben wir während des Lockdowns keine getroffen.

Wir haben eine sehr liebe Gastfamilie, zu der wir normalerweise jeden Freitag zu einem Sabbat-Dinner eingeladen sind, auch darauf mussten wir leider verzichten. Ab und zu haben sie uns trotzdem ihre Köstlichkeiten in Tupperwares vorbei gebracht, worüber wir sehr dankbar waren. Es ist uns in solchen Situationen sehr schwer gefallen keine Umarmungen als Dankeschön zu vergeben.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

Als der Lockdown vorbei war, durften wir zwar wieder zu unserer Gastfamilie und zum Strand, die Situation war aber trotzdem noch etwas angespannt und sonst hatte auch noch nichts offen. Als wir dann aber, wie der Großteil der Bevölkerung, unsere beiden Impfungen bekommen haben, hat sich sehr viel verändert. Seitdem sind viel mehr Menschen unterwegs und die Stadt wirkt so viel belebter.

Das Leben an sich fühlt sich mittlerweile wieder so normal an, bis auf die Masken, die man noch in Geschäften und Supermärkten tragen muss. Seit der Impfung, der wir übrigens Anfangs auch sehr skeptisch entgegengetreten sind, fühlen wir uns viel sicherer im Umgang mit anderen Menschen.

Hat es sich sofort genauso angefühlt wie immer oder hast du ein bisschen gezögert?

Wir sind natürlich nach wie vor vorsichtig, trotzdem hat sich viel verändert. Seit ca. einer Woche ist man z.B. nicht mehr verpflichtet draußen Maske zu tragen und das macht sich sehr stark bemerkbar. In Bars, Clubs und Restaurants sieht man wirklich kaum mehr Masken und wenn, werden sie meistens am Kinn getragen, auch von den Angestellten, und das scheint keinen weiter zu stören. 

Aber ich darf jetzt sogar die Basketballspiele meines Mannes (Profibasketballer) live miterleben und dafür bin ich sehr dankbar.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Voll gepackte Clubs werden wir dennoch weiterhin meiden, das wunderschöne Wetter hier in Tel Aviv erlaubt uns eine entspannte Strandbar mit toller Musik als “Party” Alternative zu wählen, aber wenn ich ehrlich bin, war uns das auch vor Corona schon lieber! Es ist fast wie in alten Zeiten!

 

Josef, 28: "Beim Händeschütteln zögere ich noch"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Die Sache ist, ich war schon lange auf keiner Party mehr. Nicht wegen Corona. Auch wenn Corona jetzt nicht wäre, würde ich wahrscheinlich jetzt auch nicht auf Partys gehen. Mir fehlt einfach die Zeit dazu. Ja, ich bin erwachsen geworden. Party also schon lange nicht.

Hast du während der Lockdowns auch mal deine Freunde getroffen?

Ja, habe ich. Ich bin ab und zu meinem Arbeitsplatz gekommen und habe dort Kollegen, aber auch Freunde getroffen. Es war für mich nicht so ein großer Unterschied, ob Corona war oder nicht. Ich sehe die Leute immer noch. Wir haben uns auch öfters woanders getroffen, zum Beispiel mit einem Freund bei ihm. Wir sind dann nicht sofort ins Haus gegangen, sondern haben draußen geplaudert, vor dem Haus oder im Auto.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

In Israel war es so, dass wir von Anfang an eine Maskenpflicht hatten. Also auch draußen. Ab und zu, wenn ich nach Wien gekommen bin, habe ich mich schon ein bisschen erleichtert gefühlt, draußen ohne Maske zu spazieren. Das war auch schon ein bisschen ein komisches Gefühl für mich: „Wow, ein bisschen Freiheit!“ Aber jetzt haben wir das Gesetz auch hier in Israel. In Innenräumen – zum Beispiel in der Arbeit – musst du trotzdem noch Maske tragen. Aber wenn du in ein Restaurant oder eine Bar gehst, dann kannst du ganz ruhig offen ohne Maske sein. Natürlich, wenn du geimpft bist oder schon mal Corona hattest. Auch in der Arbeit versucht man jetzt nicht so strikt Maske zu tragen, weil wir wissen ja jetzt, dass wir schon alle geimpft wurden. Wir nehmen die Maske oft runter. Aber wenn jemand kommt und mir die Hand schütteln möchte, zögere ich. Weil das schon ein Jahr her ist, dass ich das zuletzt gemacht habe. Sogar bei Familie, etwa beim Schwiegervater. Aus Instinkt.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Ja, würde ich natürlich gerne. Oder in einer Bar mit meiner Frau sitzen. Waren wir schon lange nicht mehr. Da haben wir doch schon darauf gewartet.

Nadine, 43: "Nach eineinhalb Jahren keine Angst mehr!"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Im Februar 2020.

Hast du während der Lockdowns auch mal deine Freunde getroffen?

Ja, aber nur zu Hause. Israelis sind nicht sehr diszipliniert... nur im 1. Lockdown haben sich alle an die Regeln gehalten. Danach nicht mehr... ich war immer vorsichtig und habe mich, soweit es ging, von Fremden ferngehalten und nur 2-3 Menschen gesehen.

Bist du geimpft?

Ja. Ich habe am 25. März meine zweite Impfung erhalten. Da ich schwanger bin, war ich relativ spät dran, da ich abwarten wollte was das Gesundheitsministerium dazu sagt. Es wurde aber nach etwa zwei bis drei Monaten dazu geraten sich –  besonders weil schwanger – impfen zu lassen, da plötzlich sehr viele junge Schwangere Frauen an Covid erkrankten und mit Komplikationen im Spital waren.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

Die Maskenpflicht für draußen ist erst vor cirka zwei Wochen gefallen und das war der schönste Tag seit langem. Es wird jetzt langsam sehr warm hier also war ich sehr froh, wenigstens draußen keine Maske mehr tragen zu müssen. Drinnen gilt die Pflicht nach wie vor – außer in Restaurants.

Hat es sich sofort genauso angefühlt wie immer oder hast du ein bisschen gezögert?

In den ersten zwei Wochen war ich nicht bereit, mich irgendwo rein zu setzen. Nur draußen – was hier gottseidank relativ leicht geht. Aber da in den letzten Wochen die Zahlen so stark runtergegangen sind und wir zur Zeit weniger als 2.000 Fälle im ganzen Land haben, war ich letzte Woche das erste Mal in einer Bar drinnen. Es war großartig und ich habe mich so gefreut nach eineinhalb Jahren einfach keine Angst mehr zu haben.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Weiß Ich nicht. Aber das liegt wohl eher an meinem Alter und nicht an Covid. Und auch daran, dass das Wetter jetzt immer besser wird und ich einfach lieber in einer Outdoor-Bar bin als in einem Club.

Coronavirus in Israel

Dani, 43: "Endlich wieder Gesichter sehen"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Es ist so lang her, dass ich mich nicht einmal mehr erinnern kann. Wahrscheinlich eine Hochzeitsfeier.

Hast du während der Lockdowns auch mal deine Freunde getroffen?

Ich habe sehr selten Freunde getroffen. Und nur wenige, denen ich genügend vertraue. Niemand wollte Risiken auf sich nehmen oder andere gefährden. Aber sicher, als man sich wieder bei Freunden zuhause treffen durfte, haben wir das auch wieder gemacht und das trügerische „echte“ oder „normale“ Leben genossen.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

Es hat sich komisch angefühlt. Irgendwie wie in dem Film „The Day After Tomorrow“, als der Sturm vorbei ist und alle wieder aus ihren Häusern kommen. Irgendwie ähnlich. Eine richtige Veränderung ist es, wieder Gesichter zu sehen. Nicht nur die Masken.

Natürlich hat man im Hinterkopf noch, dass man Abstand halten soll und so weiter. Körperkontakt ist also immer noch beschränkt. Mehr „Fist Bumps“, weniger „Handshakes“ und Umarmungen. Und ja, wenn ich eine große Gruppe von Menschen sehe – auch wenn es Freunde sind – tendiere ich dazu, wegzubleiben. Nur mit zwei oder drei Leuten zusammenzustehen fühlt sich ok an.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Oh ja, für Drinks auf jeden Fall! Nach so einer langen Zeit eingesperrt sein und so, muss man einfach mal raus und einen Hauch Normalität spüren. Und damit meine ich die Fähigkeit, selbst entscheiden zu können, ob man ausgehen und mit Freunden was trinken gehen will oder einfach zuhause zu relaxen.

Omri, 32: "Für mich gibt es kein Vorher und Nachher"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Etwa vor einem Monat.

Hast du während der Lockdowns auch mal deine Freunde getroffen?

Ja. Ich war auch surfen und trainieren. Und ging täglich spazieren, um einen gesunden Lebensstil aufrecht zu erhalten.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

Ich habe Masken eigentlich nur in der Arbeit getragen. Oder wenn ich Lebensmittel einkaufen war. Denn ich glaubte nicht daran, dass sie mich vor dem Virus schützt. Für mich gibt es kein "Vorher" und "Nachher", weil ich ohnehin versucht habe, mein Leben weiterzuleben wie bisher. Ich kann sagen, dass wir immer noch Menschen mit Masken beim Spazieren draußen sehen, aber die meisten haben sie weggelassen, sobald sie konnten.

Bist du geimpft?

Nein. Und ich habe es auch nicht vor, in den nächsten Jahren. Hauptsächlich deshalb, weil es keine Langzeitstudien dazu gibt, wie die Impfstoffe den Körper beeinflussen und wie sie die Zeugungsfähigkeit beeinflussen.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Ich hab Nighclubs eh nie mögen, es zieht mich also auch jetzt nicht hin.

ISRAEL-HEALTH-VIRUS-MASKS

Angela, 51: "Nach 15 Minuten war Covid Geschichte"

Wann war die letzte Party, auf der du warst?

Die letzte Party, zu der ich ging, war kurz vor der ersten Corona-Sperre, aber meine 21-jährigen Zwillingstöchter gehen fast jedes Wochenende in Clubs. Alles dort ist wieder normal.

Habt ihr während der Lockdowns auch mal Freunde getroffen?

Während der sehr eingeschränkten ersten und zweiten Lockdowns durfte man niemanden treffen, und die Leute (auch die jungen) hielten sich an die Regeln. Aber in den letzten paar Monaten, als die Impfungen begannen, wurden die Menschen egoistischer, obwohl es immer noch einen offiziellen Lockdown gab.

Wie war es - nach der Öffnung - wieder ohne Maske und Abstand zusammenzukommen?

Nachdem ich geimpft worden war, gingen wir nach Eilat in ein Hotel. Drinnen musste man noch eine Maske tragen, aber daneben fühlte es sich wieder wie 2019 an. Am Anfang etwas komisch, aber nach 15 Minuten war Covid Geschichte wie die spanische Grippe.

Jetzt öffnen die Nachtclubs wieder. Wirst du demnächst einen besuchen?

Nachtclubs - dafür bin ich leider zu alt, aber wie gesagt, meine Töchter gehen aus und amüsieren sich mit ihren Freunden. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an etwas gewöhnt und wie schnell man zu seiner alten Lebensweise zurückkehren kann.

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