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Politik Ausland
12/24/2021

Wie die Magie der Weihnachtskrippe eine ganze Stadt beschäftigt

In Neapel lebt eine jahrhundertealte Tradition in Italien fort, von der einst schon Dichterfürst Goethe schwärmte.

aus Neapel Andrea Affaticati

Weihnachten ohne Krippe ist für die Neapolitaner kein Weihnachten. Jahr für Jahr pilgern Groß und Klein durch die Krippenstraße San Gregorio Armeno auf der Suche nach einer neuen Figur, wie von der Tradition vorgeschrieben. Die neapolitanische Weihnachtskrippe hatte seinerzeit schon Johann Wolfgang von Goethe fasziniert, die er als "eine Liebhaberei der Neapolitaner" beschrieb. Besonders angetan war er von den kostbar herausgeputzten Figuren: "Die Mutter Gottes, das Kind und die sämtlichen Umstehenden und Umschwebenden", für die man "große Summen verwendet".

Fantastische Welt

Biagio Roscigno gehört zu den bekanntesten Krippenbauern der Stadt. Seine Kreationen wurden schon im Vatikan ausgestellt, und 2013 beauftragte ihn das italienische Kulturinstitut in Wien, das Bühnenbild für eine Krippenausstellung anzufertigen. Man braucht nur die Tür von seiner Bottega, Werkstatt, aufzumachen und befindet sich mitten in einer Welt, die so fantastisch ist, wie sie nur ein Kind zusammenbasteln könnte. Das zumindest möchte man glauben, würde einen nicht das verstörende Gefühl überkommen, den dargestellten Figuren soeben begegnet zu sein: dem zahnlosen Alten mit der geflickten Hose, der vollbusigen Frau, dem zerzausten Kind, der buckelnden Katze und dem kläffenden Hund – allesamt in Herrn Biagios Bottega, die sich im Hof des Palazzo dello Spagnuolo, einem wunderschönen, aus dem 18. Jahrhundert stammenden Bau, im Rione Sanità befindet.

Das Viertel gehört zu den lebhaftesten der Stadt, und die in den Krippen dargestellten Szenen spielen sich tagtäglich und das seit einer gefühlten Ewigkeit hier auf der Straße ab. Man braucht sich nur umzusehen. Da eine Frau, die von einem Balkon herunterruft, dort Kinder, die zwischen den Marktständen spielen, während ein älterer Herr eine Holzkarre vor sich herschiebt. In den engen Gassen sieht man Wäscheleinen von einem zum anderen Haus gespannt, auf denen Leintücher, T-Shirts oder Jeans hängen.

"Als Kind war es mein größter Wunsch, in einer Krippe herumgehen zu können, als wäre es ein Stadtviertel", erzählt Herr Biagio dem KURIER. Er ist um die 40 Jahre alt, trägt einen Vollbart, und aus seinen dunklen Augen sprüht das typische neapolitanische Temperament.

Die Liebe zu diesem Kunsthandwerk hat er früh entdeckt. Seine erste Krippe baute er mit zwölf Jahren. Er zeigt stolz auf ein Regal, wo sich diese befindet. "Die Krippe an sich steht für Neapel." Sie ist Teil ihrer Geschichte und Bräuche. "Nehmen wir die Tempelruine. Natürlich macht sie sich bühnenbildnerisch sehr gut, doch das ist nicht der Grund, weswegen sie in keiner neapolitanischen Krippe fehlen darf", erklärt er.

Der schlafende Hirte

"Eingeführt wurde sie unter der Herrschaft der Bourbonen. Damals, Anfang des 18. Jahrhunderts, wurden nämlich die vom Vesuv verschütteten Städte Herculaneum und Pompeji entdeckt. Außerdem symbolisiert sie den Sieg des Christentums über das Heidentum."

Die Krippen sind gleichsam eine plastische Chronik, weil im Laufe der Zeit die Herrscher und ihr Gefolge sich darin abbilden ließen. Der Erste, der einen Platz für sich beanspruchte, war König Karl III. Was ihm auch irgendwie zustand, da er Neapel zu einer der wichtigsten Städte des 18. Jahrhunderts machte. Doch auch Mohren, Zigeunerinnen (wie man früher sagte) und Betrunkene wurden zum Bestandteil der Krippen. Neapel war schon immer eine Stadt, die jeden aufnahm.

Zu den Figuren, die auf keinen Fall in einer Krippe fehlen dürfen, gehört der schlafende Hirte Benito. Der neapolitanischen Legende nach war er es, der als Erster von einer Krippe träumte, weswegen man ihn auch nicht wecken darf, denn dann würde diese sofort verschwinden.

Viele Szenen haben einen religiösen Bezug, was aber nicht heißt, dass das Profane geschmäht wird, im Gegenteil, auch die Dirne vor dem Gasthof gehört fix zur Inszenierung.

Herr Biagio spaziert oft durch sein Viertel und lässt sich vom Alltagstrubel inspirieren. "Was ich mir besonders genau ansehe, sind die Häuser, die Ziegelsteine, das Kopfsteinpflaster, die Lampen und Brunnen. Also Kulissen. Und so kommt es manchmal vor, dass ein Besucher, der sich in meiner Werkstatt umsieht, plötzlich erstaunt sagt: ,Dieses Haus habe ich doch schon gesehen.’"

Krippen-Dissertation

Das Markenzeichen seiner Krippen ist die wahrheitsgetreue Nachbildung der Baumaterialien: die Mauern aus Tuffstein oder Piperno, ein dunkles Gestein aus dieser Gegend. Und in der Tat, solange man die einzelnen Bauten der Krippen nicht anfasst, denkt man, sie seien aus echten Steinen und Ziegeln. Stattdessen verwendet Herr Biagio Korkrinde, die er dann kunstvoll bemalt. Jedes Gebäude baut er bis ins kleinste Detail sorgfältig nach. Man sieht sogar den schwarzen Ruß über der Tür des Holzkohlenherds und die Sprünge in einer Vase. Diese hat er aus Ton geformt, dann zerschlagen und wieder zusammengekittet, damit sie echt aussieht. Manchmal zieht er es sogar vor, seine Krippen ohne Figuren auszustellen, damit Straßen, Häuser, Zinnen, Kopfsteinpflaster, Felsen, und Stiegen besser zur Geltung kommen.

Herr Biagio hat Kunstgeschichte studiert und für seine Doktorarbeit eine Dissertation über die neapolitanische Krippe geschrieben. Deswegen sind viele Details, die den Besucher entzücken, nicht nur Zierde. Zum Beispiel die Wölbung bei manchen Balkons. Diese dienten freilich als Dekor, waren aber gleichzeitig für die Damen von einst gedacht, die sich sonst mit ihren Reifenröcken schwergetan hätten, hinunter zu sehen. Die Kunstfertigkeit hat er sich alleine zugelegt: "Denn in dieser Zunft geben die Meister eher ungern ihr Wissen weiter."

Spezialisierung

Die Figuren, die seine Krippen beleben, lässt er freilich anfertigen. "Dies erfordert nämlich eine ganz andere Handfertigkeit, und zwar für jedes Sujet eine andere", betont er. "Und so hat sich der eine auf Menschen spezialisiert, der andere auf Tiere und wieder ein anderer auf Obstkörbe." Früher waren die Figuren mannshoch und aus Holz geschnitzt, wie man noch in der Kirche Santa Maria in Portico sehen kann, heute sind sie vorwiegend aus Ton samt Metallgerüst. An Magie haben sie aber deswegen nicht verloren.

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