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Politik Ausland
08/27/2019

Wie der Landraub die indigenen Völker Brasiliens bedroht

Die Politik von Präsident Bolsonaro befeuert die Aktivitäten der Agro- und Bergbau-Konzerne im Amazonas.

von Walter Friedl

„Wir wollen nur das Recht, so weiterzuleben, wie wir immer schon gelebt haben“, sagt die indigene Menschenrechtlerin Sonia Guajajara. Und Verzweiflung schwingt mit. Denn bereits seit der Ankunft der Kolonialherren vor gut 500 Jahren (damals lebten rund fünf Millionen Indigene im heutigen Brasilien) war die Geschichte der mehr als 200 Völker eine der Auslöschung, Versklavung, Unterdrückung. Seit dem Amtsantritt des rechten Präsidenten Jair Bolsonaro zu Jahresbeginn stehen die Nachfahren der Ureinwohner (noch gut 500.000) erneut unter massivem Druck.

Ein Österreicher klagt an

Angestachelt von der Rhetorik des nationalistischen Staatschefs machen skrupellose Farmer und Unternehmer auch vor ausgewiesenen Indigenen-Territorien nicht mehr Halt. „Allein in den vergangenen vier Wochen wurden in Brasilien 33.000 Waldbrände registriert, ein Drittel davon in Indigenen- und Naturschutzgebieten. Dahinter stecken meist Viehbarone und die Agro-Industrie, die weitere Flächen unter ihre Kontrolle bringen wollen“, sagt Hans Kandler im KURIER-Interview. Der Österreicher lebte von 1972-1992 vorwiegend in den Amazonasgebieten Brasiliens, seit 1993 setzt er sich bei der NGO „Klimabündnis“ für die Erhaltung des Regenwaldes ein, der von globaler Bedeutung ist und die Lebensgrundlage der Indigenen bildet.

Im heurigen März war Kandler zuletzt in der Region am Rio Negro an der Grenze zu Venezuela, wo in den 1990er-Jahren – auch mit Mitteln aus Österreich – ein 135.000 Quadratkilometer großes Indigenen-Gebiet geschaffen wurde. Dort, so der in Osttirol lebende Experte, brenne es zwar derzeit nicht, doch sei die Region (rund zehn Mal so groß wie Österreich) durch die Bergbau-Lobby bedroht. „450 Ansuchen für Schürfrechte wurden in dieser Gegend eingebracht, der Großteil davon in Schutzzonen“, schlägt Kandler Alarm.

Initiativen zur Verfassungsänderung 

Zwar sind diese durch die Verfassung weitgehend unantastbar (wobei es juristische Schlupflöcher gibt), aber „es gibt bereits Initiativen zur Änderung des Grundgesetzes, um leichter an die Bodenschätze in Indigenen-Territorien zu gelangen“, sagt der „Klimabündnis“-Mann.

Schon bisher freilich seien unter der Regierung Bolsonaro Akzente gesetzt worden, die die „Situation der Indigenen massiv verschlechtert haben“, betont Kandler. So wurde die staatliche Stelle FUNAI, die sich um die Belange der Indigenen kümmern soll, an das Landwirtschaftsministerium angedockt. „Damit macht man den Bock zum Gärtner, denn Ministerin Tereza Cristina ist eine bekannte Vertreterin des Agro-Business, wegen ihrer Lobby-Arbeit für erweiterte Pestizid-Freigaben trägt sie den Spitznamen ,Gift-Lady’“, erläutert Hans Kandler.

Gelder gekürzt

In einigen Bereichen habe die FUNAI bereits die Zusammenarbeit mit lokalen indigenen Organisationen abgebrochen, was Projekte im ökologischen Sektor etwa bedrohe. Auch die Gelder, so der Österreicher, seien gekürzt worden: „Das betrifft dann beispielsweise indigene Schulen, aber auch die Gesundheitsversorgung der Menschen.“

„Er hasst uns“

All das sei besorgniserregend für die indigenen Zonen. Landesweit wollte man vor 30 Jahren 1200 davon schaffen, in 530 Fällen hat das Verfahren der „Demarkation“ noch nicht einmal begonnen, 500 Reservate wurden bisher etabliert. Sie sind aber seit Bolsonaros Machtübernahme unter Druck. „Er hasst uns“, sagte Douglas Krenak vom Volk der Krenak bei seinem Wien-Besuch zum KURIER. Und er hat seine Konsequenzen gezogen: Zum Interview kam er damals, Ende 2018, mit Ganzkörper-Bemalung, die nur Hände und Gesicht freiließ – als Zeichen dafür, dass er sich im Widerstand befindet.