© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Reportage
10/10/2019

Halle: "Wenn wir jetzt Angst zeigen, werden sie stärker"

Nach dem Anschlag im deutschen Halle versuchen die Menschen für das Unerklärliche Worte zu finden – und der Angst zu trotzen.

von Sandra Lumetsberger

Einige Kerzen sind bis auf die nackten Dochtreste heruntergebrannt, dicke Wachsflecken kleben am Boden; und dennoch gehen die Lichter nicht aus. Immer wieder kommen Menschen an diesem Vormittag mit Teelichtern vorbei und zünden sie an. Auf dem Marktplatz in Halle an der Saale ist seit Mittwochabend eine kleine Gedenkstelle entstanden. Eine Frau hat ihre Tochter an der Hand, legt Blumen nieder. Das Mädchen fragt im Flüsterton. „Warum hat der Mann das gemacht?“ Die Mutter setzt an, findet aber keine Worte. So wie viele andere in der 220.000 Einwohner zählenden Stadt in Sachsen-Anhalt.

Ein Rechtsextremer hat am Mittwoch unweit des Marktplatzes die Synagoge attackiert – zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versuchte er bewaffnet in das Gebäude einzudringen, ohne Erfolg. Am Ende starben dennoch zwei Menschen. Eine 40 Jahre alte Frau, die den Attentäter vor dem Gotteshaus angesprochen haben soll und ein 20-Jähriger, der in einem nahe gelegenen Dönerladen saß. Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) wird später von „rechtsextremistischen Terror“ sprechen. Der Schütze habe aus antisemitischen und rechtsextremistischen Gründen gehandelt. 

 

All das passierte im Paulusviertel, wo sich Gründerzeithäuser aneinanderreihen, viele Studenten und Familien leben. Mittendrin die Synagoge, maurischer Stil mit Kuppeltürmen. Zwischen 70 und 80 Menschen waren gerade in dem Gotteshaus, als der 27-jähriger Täter gegen die Türe schoss - wie durch ein Wunder hielt sie dem Angriff stand.

„Das hörte sich an, als würden zwei Autos zusammenfahren“, berichtet Anrainerin Mechthild, Anfang Fünfzig. Sie hat sich wie viele andere heute vor der Synagoge versammelt. Einige legen Blumen nieder; umarmen einander und weinen. Die Frau, die getötet wurde, haben einige gekannt – „wir sind oft zusammen Straßenbahn gefahren“, sagt Nachbarin Andrea. Sie ist kurz vor dem Tatzeitpunkt ebenfalls die Humboldtstraße entlang gegangen: „Es hätte jeden von uns treffen können.“

Die Angst bekämpfen

So sieht es auch Benjamin, 32 Jahre. Er wohnt mit seiner Frau und Tochter im Haus gegenüber der Synagoge. Er hatte am Mittwoch ebenfalls Angst, will ihr aber keinen Raum lassen. Genau das sei es, was der Täter wolle. „Er möchte sich dominant in den Vordergrund stellen und alle dazu zwingen, seiner Angst-Agenda zu folgen, sich klein zu machen und wegzuducken.“

Noch am Vormittag entrollt er mit einer Nachbarin ein Plakat vor dem Fenster. „Humboldtstraße gegen Antisemitismus und Hass“, steht auf einem weißen Transparent. „Wir, die hier wohnen, sind nicht vor Angst gelähmt, sondern wollen ein Zeichen setzen und uns mit der Gemeinde solidarisieren."

Deren Mitglieder sind ebenfalls zugegen: Igor Matviyets, 28 Jahre, gibt an diesem Tag viele Interviews. Die Anteilnahme sei wichtig, sagt er. „Wer sich aber überrascht zeigt, habe sich nicht mit der jüdischen Gemeinde beschäftigt“, sagt er mit Blick auf die zunehmenden Übergriffe gegenüber Juden. Laut Innenministerium gab es 2018 insgesamt 1799 antisemitische Straftaten. Das sind um 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Zu wenig Schutz

Dass sich der Attentäter ungehindert bis zum Eingang der Synagoge Zutritt verschaffen konnte, liegt daran, dass sie unbewacht war. Es gäbe punktuellen Polizeischutz, aber nicht so wie an anderen Orten, wo Polizisten rund um die Uhr stünden, berichtet Matviyets den Reportern.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der an diesem Tag die Synagoge besucht, findet dazu klare Worte: „Es muss klar sein, dass der Staat Verantwortung übernimmt für jüdisches Leben, für die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland.“ Und: „Wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass, wer die Bereitschaft anderer fördert durch das Schüren von Hass, wer politisch motivierte Gewalt gegen Andersdenkende, Andersgläubige oder auch Repräsentanten demokratischer Institutionen, wenn ich an den Fall Walter Lübcke denke – wer das rechtfertigt, der macht sich mitschuldig.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der am frühen Nachmittag ebenfalls anreiste, sprach von einer „Schande“ für Deutschland. Zudem sehe er AfD-Politiker als „geistige Brandstifter“ an. „Das gilt nicht für alle. Aber wenn ich so einige Reden mir anhöre, vor allem auch Veröffentlichungen, kann man im Ernst nicht bestreiten, dass bei einigen auch die geistige Brandstiftung stattfindet.“

German President Frank-Walter Steinmeier speaks to the media next to his wife Elke Budenbender and Saxony-Anhalt State Premier Reiner Haseloff outside the synagogue in Halle

Keine Empathie

Nicht alle Menschen, die im Paulusviertel den Opfern gedenken, sind über den Politiker-Besuch erfreut. Eike, ein Familienvater Mitte Dreißig, hält das für „Symbolpolitik“. Er steht mit Baby im Tragetuch und Tochter an der Hand vor dem Kiez-Döner in der Schillerstraße, wo der Täter nach einem fehlgeschlagenen Granatenwurf einen jungen Arbeiter aus Merseburg erschoss. 

„Solange Leute wie Björn Höcke öffentlich rassistische, völkische Ideen verbreiten können und von Meinungsfreiheit die Rede ist, solange sie so den demokratischen Rechtsstaat bis an die Grenzen ausnutzen, nützt das alles nichts“, sagt Eike. Er ist überzeugt, diese schüren ein Klima, das Menschen immer mehr auseinandertreibt, sie keine Empathie mehr fühlen lässt. „Wir müssen uns schon fragen, in welcher Gesellschaft wollen wir leben?“

Er ist nicht der Einzige, der sich diese Frage stellt. Vor dem Absperrband haben Menschen Kerzen und Blumen niedergelegt und ein in Plastik eingeschweißtes Papier angepinnt. Darauf steht: „Ich lasse mir von keiner auf Hass beruhenden Ideologie die Vielfalt der Stadt zerstören, die wir alle lieben. Denken wir an die Opfer und ihre Liebsten, nicht aber an Angst und Täter.“

Dass der Attentäter in Halle zuschlug, sei kein Zufall, glaubt er zu wissen. Die Stadt ist bekannt für ihre Studenten, aktive linke Szene. Auch die Neuen Rechten hätten hier ums Eck ein Zentrum, bekämen aber viel Gegenwind.

Tekin, ein junger Mann, zieht an seiner Zigarette, der Blick ist leer. Er arbeitet in dem Imbiss, erzählt er. Am Montag war er auf dem Weg dorthin, als er die Polizei sah. Die Beamten gaben ihm zu verstehen, er solle sich hinter einem Auto verstecken. Dann wurde geschossen. „Er hat uns alle getroffen“, sagt er mit Blick auf den Täter – „solche Menschen sind ...“ Der Mann muss sich sammeln und setzt fort: „Wir lassen sie nicht durch, denn wenn wir jetzt Angst zeigen, werden sie stärker.“

Ähnliche Gedanken haben auch die vielen Hallenser, die sich am Donnerstagabend wieder am Marktplatz versammeln. Oder zum Gedenkgottesdienst in die Pauluskirche gekommen sind. Es sind so viele, dass die meisten keinen Platz mehr finden. Später werden sie noch mit Kerzen weiter zur Synagoge und dem Dönerimbiss ziehen.

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