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Politik Ausland
02/03/2021

Warum Portugal jetzt so dramatisch in die Corona-Krise schlittert

Im kleinen EU-Land steht das Gesundheitswesen vor dem Kollaps. Die deutsche Bundeswehr schickt Hilfe, Österreich nimmt Patienten auf.

von Walter Friedl

Vor den Spitälern stauen sich bis zu 30 Krankenwagen, weil das Personal nicht schnell genug nachkommen kann, die vielen Covid-19-Patienten aufzunehmen. Medien berichten von Patienten, die eine ganze Nacht im Ambulanzwagen zubringen mussten. Und in den Spitälern schaut es ebenso grimmig aus: Es fehlt an Intensiv-, aber auch „Normal“-Betten. Eine 46-Jährige klagte, dass sie vier Tage lang auf einem Sessel behandelt wurde. Vereinzelt müssen Ärzte bereits entscheiden, wer beatmet wird und wer nicht.

Die Lage in Portugal ist „sehr schlimm“, diagnostizierte Ministerpräsident Antonio Costa - uns rief das Ausland zu Hilfe. Mit Erfolg: Am Mittwoch brachte die deutsche Bundeswehr mit zwei Maschinen medizinisches Personal (26 Männer und Frauen) sowie 50 Beatmungsgeräte, 150 Infusionsapparaturen sowie 150 Krankenbetten in des EU-Land. Österreich wird Intensiv-Patienten aufnehmen.

Wie dramatisch die Situation aktuell ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Demnach haben sich in Portugal in den vergangenen 14 Tagen mehr als 1.400 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus infiziert, die Siebentages-Inzidenz liegt bei rund 800. Zum Vergleich: In Österreich bei rund 100. Allein im Jänner starben in Portugal fast 5.600 an oder mit Covid-19 – das sind 44 Prozent der gesamten Corona-Toten.

Die Gründe für die explosionsartige Verbreitung des Corona-Virus in Portugal, das bis dato ganz gut durch die Pandemie gekommen war, sind vielfältig.

Die britische Mutation

Obwohl seit Mitte Dezember bekannt, konnten Touristen und in Großbritannien lebende Portugiesen bis zum 23. Jänner problemlos aus dem Königreich einreisen. Zu diesem Zeitpunkt ließ etwa Deutschland schon seit einem Monat keine Flüge mehr von der Insel zu. Die jetzige Komplettabriegelung des Landes kam zu spät. Experten gehen davon aus, dass im Raum Lissabon und im Tejo-Tal mindestens die Hälfte der Infizierten die britische Mutation in sich trägt.

Zu frühe Öffnung und zum falschen Zeitpunkt

Während es ab November an Wochenenden verboten war, die Gemeinde zu verlassen, galt das ausgerechnet zu Weihnachten nicht mehr.  Die vielen großen Familienfeiern mit den landesüblichen Umarmungen und  Wangenküssen  haben die Verbreitung des Virus massiv beschleunigt. Die Folge: Die Infektionsrate hat sich seit Dezember annähernd vervierfacht.

Präsidentschaftswahl

Um dem (einzigen) Rechtspopulisten des Landes, Andre Ventura, keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten, wurde auf ganz strenge Maßnahmen verzichtet. Dabei war von an Anfang an klar, dass die Wiederwahl von Marcelo Rebelo de Sousa reine Formsache ist.

Die aktuelle Corona-Krise deckt aber auch ganz grundlegende Defizite in Portugal auf. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Krankenhausbetten „konstant reduziert“ worden, sagt der Präsident der Gesellschaft für Innere Medizin, Joao Araujo Correia. Und weiter: „Wir haben pro 100.000 Einwohner die Hälfte der Betten, die Deutschland hat.“

Zugleich fehlt es an Personal. Schlechte Bezahlung im öffentlichen Dienst  lässt viele Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger/Pflegerinnen in die Privatwirtschaft oder gleich  ins Ausland wechseln. Laut  der Fachgewerkschaft hat sich alleine von Jänner bis Oktober des Vorjahres  die Zahl der Mediziner im nationalen Gesundheitswesen  um „fast tausend“ reduziert.

Auch die  Pflegerin Catia  Woolf hatte genug, sie ging schon 2012 nach England. Sie habe den „Hungerlohn“ von 700 Euro monatlich hinter sich gelassen, sagte sie im portugiesischen Fernsehen, „hier sind die Arbeits- und Vertragsbedingungen sowie auch die Aufstiegschancen viel größer“.

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