Eine Iranerin in einem Internet-Kaffe prüft die DatingApp "Hamdan"

© VIA REUTERS/WANA NEWS AGENCY

Politik Ausland
08/05/2021

Warum "Mullah Tinder" nicht so richtig zieht

Mit einer staatlichen DatingApp will der Iran den sinkenden Geburtenzahlen sowie „sittenwidrigen“ privaten Partnerbörsen entgegensteuern - mit bisher mäßigem Erfolg

Profilbilder oder Angaben zu Hobbys gibt es hier nicht: Auf Irans erster staatlichen DatingApp nahmens "Hamdam" ("Begleiter") wird der oder die Gesuchte nicht über Algorithmen oder Schönheit vermittelt, sondern von „Ehestiftern“ ausgewählt – von Geistlichen, Eltern, Ärzten und Lehrern.

Vor sechs Wochen ging das digitale, regimefreundliche Experiment im Mullah-Staat an den Start. Mit dem Ziel:  An die 100.000 Hochzeiten sollen bis und im nächsten Jahr durch die Seite vermittelt werden, verkündete der Vize-Minister für Jugend und Sport, Mahmud Golsari, bei der Präsentation der Seite in Teheran. Dem Land drohe sonst eine „Familienkrise“ – es gebe zu viele Unverheiratete, und das bedeute „keine Familien und keine Kinder“. Die nun gestartete Initiative sei „längst überfällig“.

Tatsächlich ist die Geburtenrate in den vergangenen Jahren extrem gesunken: Derzeit liegt sie laut offizieller iranischer Statistik bei nur 1,2 Kindern pro Frau – und damit sogar niedriger als in Österreich, wo eine Frau statistisch 1,47 Kinder zur Welt bringt.

Gleichzeitig sind die Scheidungsraten hoch: Auf drei Ehen kommt eine Trennung, für einen islamischen Staat ist ist diese Zahl enorm.

Doch bisher hält sich der Erfolg der Mullah-Kuppelinitiative in Grenzen: Die meisten jungen Partnersucher im Iran benutzen lieber - heimlich - die amerikanische DatingApp Bumble, mithilfe eines VPN-Clients.

Die Befürchtung: „Iranischen Apps werden alle vom Staat kontrolliert“, sagt ein junger Mann in einem Internetkaffee in Teheran. „Die wollen einfach nur noch mehr Kontrolle über die Menschen“, sagt auch Ramin Hosseini gegenüber der deutschen Zeitung die Welt.

Der 36-Jährige, ledige Grafikdesigner fügt hinzu: Das sei das eine religiöse App. Ausgerichtet nach den religiösen Grundsätzen der Islamischen Republik. Niemand, den er kenne, würde seine Daten freiwillig der iranischen Regierung überlassen.

Mit ihrer Ehestiftungs-Initiative wollen die Mullahs aber auch die mehr als 300 „sittenwidrigen“ privaten Partnerbörsen abwürgen. Staatliche Versuche, diese zu schließen, haben sich bisher als nutzlos erwiesen, weil für jede gelöschte Seite sofort eine neue gegründet wurde.

Dabei ist Dating für junge Iraner und Iranerinnen in den großen Städten mittlerweile schon normal. Männer und Frauen können sich draußen treffen und miteinander ausgehen. Heiraten und eine Familie gründen wollen trotzdem viele nicht: Zu groß sind die wirtschaftlichen Sorgen, der politische Druck und die aussichtslose Lage im Land.

 

 

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