Warten auf die Corona-Impfung: Impfzentrum im Nizza, Frankreich

© REUTERS/ERIC GAILLARD

Politik Ausland
03/15/2021

Warum in Europa so unterschiedlich schnell geimpft wird

Kleines Malta - groß beim Impfen, Bulgarien als Schlusslicht, Österreich in der Mitte. Grund für diese Ungleichheit ist nicht nur der Impfstoffmangel.

von Ingrid Steiner-Gashi

Am Anfang stand das Ziel: Alle EU-Staaten sollen zu den gleichen Bedingungen und zum gleichen Zeitpunkt Zugang zu den Corona-Impfstoffen haben. Verteilt werden sollte nach dem Bevölkerungsschlüssel – Österreich, das zwei Prozent der EU-Bevölkerung stellt, stehen so zwei Prozent der 1,4 Milliarden von der EU-Kommission bestellten Impfdosen zu.

Doch rund zweieinhalb Monate, nachdem in der EU mit dem Impfen begonnen wurde, sieht das Bild ganz anders aus:  Von gleicher Verteilung keine Spur – wie auch Bundeskanzler Sebastian Kurz vergangene Woche monierte.

Da liegt das kleine Malta weit vorne, am weitesten von allen EU-Staaten. Während das Schlusslicht Bulgarien erst 4,5 Prozent seiner Bevölkerung mit einer Impfdosis versorgt hat. Österreich liegt mit rund einer Million verabreichter Dosen im europäischen Impf-Mittelfeld.

Wie kommt es nun zu diesen Unterschieden?Beim europäischen Impfweltmeister Großbritannien sind die Gründe schnell gefunden: Das ehemalige EU-Mitglied ging seinen eigenen Anti-Corona-Weg. Die britischen Gesundheitsbehörden erteilten als allererster europäischer Staat dem allerersten Corona-Impfstoff eine Notzulassung und begannen sofort, noch vor Weihnachten, mit  großem Elan zu impfen. Das geschieht seither mit Volldampf, quasi rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Auch Impfstoff hat man in Großbritannien genug: Es gibt zwei Produktionsstätten von Astra Zeneca auf der Insel, die Zulieferung der britisch-schwedischen Pharmafirma funktioniert eindeutig besser als mit den EU-Partnern:

Spitzenreiter unter den EU-Impfvorzeigeländern ist Malta. Fast ein Viertel der Inselbevölkerung hat zumindest eine Spritze erhalten. Das liegt zum einen daran, dass jede ankommende Impfdosis sofort verimpft wird – auf die zweite Impfrunde wird vorerst gewartet.

Und zum anderen griff Malta erfolgreich bei jenem Mechanismus zu, den Kanzler Kurz als „Basar“ bei der Verteilung der Impfdosen in der EU kritisierte: Wenn nämlich ein EU-Staat seinen jeweiligen Anteil bei einem Impfstoff zurückgab, um stattdessen einen anderen zu wählen, wurden Kontingente frei.

So etwa entschied sich Bulgarien für mehr (billigere) Astra-Zeneca-Dosen und stellte seinen Anteil an den viel teureren Biontech/Pfizer-Dosen zur Verfügung. Viele osteuropäische Staaten handelten ähnlich. Und auch Österreich hat, wie vor kurzem bekannt wurde, sein Kontingent an Biontech-Pfizer-Dosen nicht voll genutzt.

Mit zweierlei Folgen: Malta, Dänemark und auch die Niederlande kauften zusätzlich Pfizer/Biontech-Dosen – und haben jetzt keine Lieferprobleme.

Bulgarien, Lettland und Kroatien dagegen haben nun das Nachsehen: Wer vorwiegend auf Astra Zeneca setzte, muss nun wegen der massiven Lieferschwierigkeiten der Firma warten. 100 Millionen Impfdosen hatte Astra Zeneca der EU im ersten Quartal versprochen – es dürften maximal 40 Millionen werden.

Dänemark, mit seinem hervorragendem Gesundheitssystem und einer gut durchchoreographierten Impfstrategie, liegt beim Impfen ebenfalls weit vorne. Knapp 14 Prozent der Bevölkerung hat mindestens eine Impfdosis erhalten.

Überholt wurde Dänemark aber mittlerweile von Ungarn, das aus der europäischen Impfstrategie ausscherte: Budapest hat sich den russischen Impfstoff Sputnik V und den chinesischen von Sinopharm ins Land geholt. Insgesamt knapp eine Million – in der EU nicht zugelassener Impfstoffe – kamen so nach Ungarn. Geimpft wurden bisher knapp 15 Prozent der Bevölkerung.

Auch die Slowakei holte sich russischen Impfstoff ins Land – was für eine handfeste Regierungskrise sorgte. Bei seiner Impfrate liegt die Slowakei mit Österreich, Portugal, Spanien, Zypern und Italien ziemlich gleich auf.

Für großen Unmut sorgen die langsam verlaufenden Impfungen besonders in Deutschland. Dort läge noch viel unverimpftes Serum von Astra Zeneca auf Lager. Doch die Skepsis gegen das Vakzin ist nach jüngsten, noch unaufgeklärten Todesfällen nach Impfungen massiv gestiegen. Auch bei der Impflogistik hapert es noch. Noch immer wird massiv darüber gestritten, ob und wann Hausärzte das Corona-Vakzin verimpfen dürfen.

Und da ist das Land mit der allergrößten Impfskepsis in ganz Europa: Frankreich. Weil sich so viele Pflegekräfte weigern, sich impfen zu lassen, erwägt die Regierung in Paris nun eine Impfpflicht für Ärzte und Pflegekräfte. Den anfänglichen Impfrückstand beginnt Frankreich allmählich aufzuholen. Geimpft wird seit kurzem sieben Tag die Woche, bald auch in Apotheken.

Auch die Niederlande, die als letztes EU-Land mit dem Impfen begonnen haben, holen langsam auf. Ihr Vorteil: Die Regierung von Premier Mark Rutte hat bei den frei gewordenen Biontech-Pfizer-Dosen kräftig zugeschlagen.

Kroatien, Bulgarien und Lettland müssen hingegen hoffen, dass sie nun auf anderen Wegen schnell zu mehr Impfdosen kommen: Beim EU-Gipfel Ende kommender Woche soll das Impfstoff-Dilemma thematisiert werden. Kaum denkbar scheint, dass die anderen Staaten einen Teil ihrer Vorräte abgeben.

Auch die Hoffnung, dass die europäische Impfstoffknappheit mit Zusatzlieferungen aus Russland gedämpft wird, besteht nicht. Die EU-Kommission wies am Montag abermals Meldungen zurück, wonach es Verkaufsverhandlungen für den Erwerb von Sputnik-v-Impfstoff gebe.

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